Der Hanauer Anzeiger (HA) ist die älteste Tageszeitung Hessens und die drittälteste Tageszeitung Deutschlands. Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1725.
„Gutenbergs Erfindung hat unsere Welt, unser Wissen und damit auch uns selbst verändert. Die Wirkung seiner Arbeit hat fünfhundert Jahre angehalten und ist, soviel können wir sagen, noch nicht ans Ziel gekommen“, schreibt der Literaturkritiker Raimund Kemper. Gutenbergs Entwicklung eines Handgießinstruments um 1450 ermöglichte es, beliebig viele Lettern einzeln in Metall zu gießen, die in immer neuen Kombinationen wiederverwendbar waren. Die neue Arbeitsweise verdrängte schnell Schreiber und Kopisten und legte den Grundstein für die heutige Informationsgesellschaft und damit auch für das Unternehmen Zeitung.
Debut als Intelligenzblatt
Während die ersten Zeitungen, die Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts auf den Markt drängten, vor allem politischen und philosophischen Inhalts waren, schlug die Geburtsstunde der sogenannten Intelligenzzettel, also Anzeigenblätter, erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Als der Hanauer Anzeiger 1725 als Vertreter dieser Gattung debütierte, zählte Hanau zu den wenigen Städten in Deutschland, die sich rühmen durften, einen Intelligenzzettel herauszugeben.
Noch war in keiner Weise abzusehen, dass diese Zeitung eines Tages auf eine 300-jährige Geschichte zurückblicken und ihr das Renommee zuteilwerden würde, die älteste noch erscheinende Tageszeitung Hessens und nach der „Hildesheimer Allgemeinen Zeitung“ (1705) und dem „Pfälzischen Merkur“ (1713) die drittälteste der Bundesrepublik zu sein. Die erste Ausgabe des Hanauer Anzeiger, der zur Zeit seiner Gründung unter dem Titel „Wochentliche Hanauer Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ herausgegeben wurde, hatte sein Verleger und Redakteur Johann Hieronymus Handwerk für den 27. September 1725 angekündigt. Unter der Förderung des Landesherrn Graf Johann Reinhard erschien das Blatt, dessen Auflage um 180 Exemplare betragen haben soll, einmal wöchentlich an jedem Donnerstag. Das Jahresabonnement kostete einen Gulden, eine Bekanntmachung zwei Albus, umgerechnet zwölf Pfennige. Begrenzt auf das lokale und regionale Umland, diente der Intelligenzzettel zur Schaltung amtlicher Bekanntmachungen und von Anzeigen aller Art. Erster Drucker war Johann Jacob Beausang, seine Offizin lag „an dem Graben neben dem Carpen“ an der Südseite des heutigen Freiheitsplatzes.
Die Waisenhaus-Druckerei
Das Jahr 1745 sollte die Rechte an der Zeitung für knapp 200 Jahre verändern. Nach dem Vorbild des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., der 1728 wegweisend entschieden hatte, Gewinne aus Zeitungsunternehmen wohltätigen Stiftungen zukommen zu lassen, verlieh Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel die Verlagsrechte dem hochdeutsch-reformierten Waisenhaus, um die wirtschaftliche Lage der Stiftung zu verbessern.
Druck in fremder Werkstatt
Der Druck erfolgte nach wie vor in einer fremden Werkstatt, da das Waisenhaus noch über keine eigene Druckerei verfügte. Erst 1776 entschied sich auch diese Frage zugunsten der Anstalt, als der Landgraf der Einrichtung einer waisenhauseigenen Druckerei zustimmte. Im Hintergebäude der in der Hospitalstraße gelegenen Stiftung entstand eine kleine Offizin. Erstes nachgewiesenes Druckerzeugnis ist Nummer neun vom 29. Februar 1776 der „Privilegirten Hanauer Wochen-Nachricht“, wie seinerzeit das Blatt firmierte. Der mit dem ersten Faktor Heinrich Peter Wolff aus Bad Homburg geschlossene Vertrag sah bereits neben dem Druck der Zeitung auch weitere Verlagsartikel vor. So mussten laut Anweisung des Landesherrn alle behördlichen Druckaufträge der Waisenhaus-Druckerei erteilt werden. Zudem verfügte die Druckerei über das Privileg, alle Kirchen- und Schulbücher verlegen zu dürfen. Im Eröffnungsjahr arbeitete Wolff, der als Faktor und Setzer dem Betrieb vorstand, mit einem Gesellen und zwei Lehrjungen. Um die noch junge Druckerei und deren Personal besser auslasten zu können, hatte das evangelisch-reformierte Waisenhaus in der Folge um weitere Druck- und Verlagsprivilegien mit Erfolg nachgesucht. Die Auftragslage verbesserte sich zusehends. Schnell musste der Betrieb expandieren. Ein neuer Buchstabenkasten, neue Lettern und Noten wurden angeschafft, der Personalstand erhöht. Der Raumnot begegnete das Konsistorium 1784 durch Ankauf des Nachbarhauses Hospitalstraße 38. Endlich konnte die Druckerei vergrößert, der Verlag und ab 1785 eine eigene Buchhandlung dort eingerichtet werden. Zunichte gemacht wurde diese Aufwärtsentwicklung erst unter französischer Herrschaft.
Die Zeitung als "Departements-Blatt"
In der Zeit der französischen Besetzung von 1806 bis 1813 glich Napoleon die Rechtsstellung der Presse den Verhältnissen in Frankreich an. Mit dem Organisationsedikt vom August 1810 wurde verfügt, dass jedes Departement nur noch eine Zeitung besitzen dürfe. Für das Departement Hanau, wie nun das ehemalige Fürstentum hieß, bedeutete dies, dass die vom Waisenhaus herausgegebene Zeitung den veränderten politischen Gegebenheiten gemäß in „Hanauer Departements-Blatt“ umfirmieren musste. Das zweite in Hanau herausgegebene Blatt, die „Hanauer Neue Europäische Zeitung“ – Nachfolgeorgan des 1678 gegründeten „Hanauischen Mercurius“, deren Druck das Waisenhaus besorgt hatte – musste Ende 1810 eingestellt werden. Der Rückzug der napoleonischen Armee endete für die Stiftung in einer Katastrophe. In der Schlacht bei Hanau am 30./31. Oktober 1813 kam es zu schweren Zerstörungen, denen auch die Gebäude des Waisenhauses zum Opfer fielen.
Anwesen in Hammerstraße gekauft
Mit den Geldern der Brandkasse kaufte das Waisenhaus 1817 das Anwesen Hammerstraße 9. Nach der Neugliederung Hessens und der presserechtlichen Bestimmung, wonach ab Januar 1822 in Hanau ein Wochenblatt unter der Aufsicht eines Regierungsmitglieds herausgegeben werden sollte, musste die Druckerei Bekanntmachungen der Staatsbehörden veröffentlichen und das Blatt den Behörden unentgeltlich zustellen.
Der "Hanauer Anzeiger" erscheint
Das „Wochenblatt für die Provinz Hanau“, wie die Zeitung seit 1822 hieß, erhielt amtlichen Charakter. Die Ereignisse der Revolutionsjahre 1830 und 1848 hatten selbst keine Auswirkungen auf das Wochenblatt. Hatte das Jahr 1830 das politische Interesse der Bevölkerung wachgerufen, in dessen Sog eine Reihe politischer Zeitungen entstand, überrascht es, dass das Waisenhaus als amtliche kurhessische Einrichtung einen Großteil des Drucks dieser liberalen, in Hanau und Umgebung redigierten Schriften übernahm – obwohl sie von der Zensur untersagt waren. Dem Verlust dieser Aufträge, verbunden mit der wirtschaftlich schlechten Situation, begegnete man 1835 durch den Verkauf des ehemals reformierten Waisenhauses. Den Erlös investierte man in neue Schriften, hölzerne Handpressen und weitere Hilfsmaschinen, bis die Waisenhaus-Buchdruckerei als die am besten ausgestattete in Hanau galt. Bis 1862 war die Nachfrage an Druckaufträgen dermaßen gestiegen, dass man das Vordergebäude aus Holz bis auf die Grundmauern abriss und es dreistöckig in Stein neu errichtete. Der Übergang vom manuellen zum maschinellen Druckverfahren erfolgte 1865 mit der Anschaffung der ersten Schnellpresse. Kurhessen war seit 1866 dem Königreich Preußen einverleibt worden – das „Hanauer Wochenblatt“, wie die Zeitung nun hieß, stellte auf wöchentlich zweimaliges Erscheinen um. Zusätzliches Leseangebot boten Beilagen. Die Veränderungen kamen nicht von ungefähr. Preußen beabsichtigte, die amtlichen Wochenblätter in Hessen aufzuheben. Wollte das Waisenhaus weiter eine Zeitung herausgeben, dann nur noch in Form eines Privatunternehmens auf eigene Kosten. Da seitens der Hanauer Kreisstände der Ruf nach einem „Kreisblatt“ laut geworden war, gestaltete man das „Wochenblatt“ in ein „Kreisblatt“ um. Die Umstellung auf tägliches Erscheinen erfolgte zum 1. Mai 1872, seitdem unter dem Titel Hanauer Anzeiger. Noch überwog der Anzeigenteil gegenüber dem redaktionellen. Überschriften und Titel waren den Artikeln fremd. Berichte begannen sofort mit der Nachricht oder stellten Ort und Datum dem Text voran. Die Ausgabe vom 1. Juli 1873 erlaubt erstmals den Vergleich mit einer heutigen Tageszeitung. Ein zweispaltiger Textteil eröffnete die Zeitung. Die Berichterstattung deckte die klassischen Ressorts ab. Angebunden an ein Korrespondentennetz war man immer auf dem neuesten Stand. Aufgrund der Zunahme der Druckaufträge – ab 1. Juli 1901 gab man zwei Kopfblätter, je eines für Großauheim und Langenselbold, heraus – nahm die Druckerei am 21. Juni 1901 ihre erste achtseitige Rotationsmaschine in Betrieb. Die erste Linotype-Setzmaschine kam 1910 zur Aufstellung. Drei Jahre später erwarb man eine 16-seitige Rotationsmaschine. Immerhin lag die Auflage damals schon bei 10.000 Exemplaren.
Der Arbeiter- und Soldatenrat
Das Zeitungswesen wurde vom Krieg hart getroffen. Viele Blätter mussten ihr Erscheinen wegen produktionsbedingter Preissteigerungen einstellen. Der Hanauer Anzeiger kompensierte die Kostenerhöhungen durch Bezugspreissteigerungen bei gleichzeitiger Verringerung des Umfangs. Die Novemberrevolution und der politische Umsturz im Deutschen Reich waren Auslöser für die Besetzung des eher konservativen Hanauer Anzeiger durch den Arbeiter- und Soldatenrat. Vom 14. November 1918 bis zum 25. Januar 1919 stand das Blatt unter der Verantwortung der revolutionären Linken. Die Besetzer gaben die Zeitung unter ihrem traditionellen Titel heraus, ergänzten diesen jedoch mit der Unterzeile „Publikationsorgan des Arbeiter- und Soldatenrates für den Stadt- und Landkreis Hanau am Main“.
Das Verdienst, den Hanauer Anzeiger durch die turbulente Zeit der Inflation gesteuert zu haben, wird insbesondere dem damaligen Oberbürgermeister a. D. Dr. Eugen Gebeschus zugeschrieben. Nach der Inflation war nur das Grundstück Hammerstraße 9 nebst technischer Einrichtung geblieben, das bereits ein Jahr nach dem finanziellen Ruin weiter ausgebaut wurde. Der eigentliche Aufschwung kam allerdings erst unter Paul Nack, dem Großvater beziehungsweise Schwiegervater der heutigen Verleger Thomas und Dr. Horst Bauer. Nach seinem Eintritt 1925 in das Unternehmen stellte er binnen kurzer Zeit den heruntergekommenen Betrieb wieder auf gesunde Füße, sodass ausreichend Kapital für den Neubau 1927/29 sowie für eine Vergrößerung des Maschinenparks vorhanden war. Am 13. Oktober 1928 ging eine 32-seitige Vomag-Rotationsmaschine in Betrieb.
Wiederaufbau in eine neue Ära
Joseph Goebbels, „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“, verpflichtete mit dem Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933 die Journalisten zum Dienst am Staat. Da Stiftungen abgelehnt wurden, hatte das Waisenhaus Paul Nack als persönlich Haftenden benannt. Nachdem dann auch noch die sogenannte Amann-Verordnung Stiftungen als Zeitungsverleger untersagte, erwarb Nack zum 1. April 1936 die Verlagsrechte und zum 1. Mai 1942 das technische Inventar. Das Aus für den Hanauer Anzeiger kam jedoch bereits zum 31. Mai 1941, als die Zeitung vorläufig zum letzten Mal erschien – „um Menschen und Material für andere kriegswichtige Ziele freizumachen“.
Am 19. März 1945 versank Hanau in Schutt und Asche – mit der Stadt auch die Verlags- und Betriebsgebäude des Hanauer Anzeiger. In der frühen Nachkriegszeit war der Verlag einer der ersten Betriebe in der Innenstadt, der die Arbeit wieder aufnahm. Voraussetzung für das Wiedererscheinen des Hanauer Anzeiger am 1. September 1949 war die Erteilung der Generallizenz. Nach dem Ankauf der Liegenschaften Hammer-/Langstraße im Februar 1953 ließ Nack die Betriebsgebäude in zwei Bauabschnitten nach den Plänen von 1927/29 wieder aufrichten. Mitte der 1950er-Jahre waren die Arbeiten abgeschlossen, die gesamte Technik auf den neuesten Stand gebracht. Sein Lebenswerk krönte Nack mit der Inbetriebnahme einer 32-seitigen vierfarbigen Rotationsmaschine. Sie lieferte stündlich 20 000 Zeitungen mit bis zu 32 Seiten Umfang.
Nacks Nachfolger wurde Dr. Horst Bauer, der seit 1951 für den Verlag tätig war und 1953 die Tochter Paul Nacks, Ilse, geheiratet hatte. Dr. Bauer ließ zunächst alle Setzmaschinen auf Perforatorenbetrieb umstellen, bevor mit der elektronischen Datenverarbeitung ein Meilenstein in der Entwicklung der Drucktechnik erreicht wurde: Der Bleisatz wurde durch Fotosatz ersetzt. Seit dem 30. Oktober 1979 arbeitet das Verlagshaus mit einem Fotosatzsystem. In der Akzidenzabteilung, die dem breit gefächerten Werkdruck nachgeht, wurden in den 1980er-Jahren alle Hochdruckmaschinen durch moderne Offsetmaschinen ersetzt.
Vorstoß in das neue Jahrtausend
Zunehmend mangelte es dem alten Standort in der Hammerstraße an Raum sowie an Druck- und Einsteckleistung, und der Wunsch nach einer Morgenzeitung wurde lauter. All das sprach für einen Neubau in der Donaustraße. Zwischen dem ersten Spatenstich am 15. Januar 1996 und der offiziellen Eröffnungsfeier am 22. Mai 1997 entstand ein modernes Gebäude mit markanter Architektur, auffälliger Dachgestaltung und Farbgebung. Kernstück war eine Rollenoffsetmaschine aus dem Hause Koenig & Bauer-Albert in Würzburg, die den herkömmlichen Hochdruck ablöste. Bei voller Auslastung produzierte sie 32 500 Exemplare mit 32 Seiten Umfang pro Stunde. Ein Falzwerk schnitt und falzte die Papierbahnen. Über eine Förderlinie gelangten die Zeitungen zu einer Komplettierungsanlage, die bis zu fünf Beilagen vollautomatisch einsteckte. Hinter dem Projekt stand federführend Thomas Bauer, der Sohn von Dr. Horst Bauer, der am Tag der Eröffnung offiziell neben seinem Vater zum Herausgeber des Hanauer Anzeiger bestellt wurde.
Der Umzug in die Donaustraße ermöglichte den nächtlichen Druck und damit die Umstellung von einer Mittags- auf eine Morgenzeitung zum 2. Mai 1997. Neben dem Hanauer Anzeiger gibt das Druck- und Verlagshaus seit 1970 mit der „Hanauer Wochenpost“ ein wöchentlich erscheinendes Anzeigenblatt heraus. Jahrzehntelang erschien im Verlag auch die „Langenselbolder Zeitung“ sowie der „Maintal Tagesanzeiger“. Beide Titel wurden 2023 in den HA integriert. Weitere Verlagsprodukte waren über die Jahre das Stadtmagazin „Grimms“, „Hanauer Anzeiger – Die Woche“ und das Veranstaltungsmagazin „MeinJournal“.
Der Druck der Tageszeitung und Wochenblätter erfolgt seit Frühjahr 2015 im Pressehaus Bintz-Verlag in Offenbach. Seit 2020 ist der HA Teil der Mediengruppe Offenbach-Post – und damit auch von Ippen.Media, der größten Plattform für Lokaljournalismus in Deutschland. Zur Gruppe von Verleger Dirk Ippen gehören mehr als 80 Marken, darunter unter anderem auch Münchner Merkur, Frankfurter Rundschau, HNA, Kreiszeitung und Westfälischer Anzeiger.
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