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Ukraine-News: Der große Exodus – Hunderttausende Fachkräfte verlassen Russland

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Von: Lisa Mayerhofer

Junge Frau steht vor Servern: Vor allem junge IT-Fachkräfte verlassen Russland seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs in Scharen. (Symbolbild)
Vor allem junge IT-Fachkräfte verlassen Russland seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs in Scharen. (Symbolbild) © Florian Küttler/Imago

Der Ukraine-Krieg versetzt auch russische Fachkräfte in Angst und Schrecken. Hunderttausende verlassen Russland – und stoßen in anderen Ländern auf Begeisterung wie Skepsis.

Moskau – Der russische Einmarsch in die Ukraine hat auch in Russland eine Fluchtbewegung ausgelöst. Experten gehen einem Bericht der Welt zufolge davon aus, dass seit dem 24. Februar Hunderttausende ihr Heimatland verlassen haben. Darunter sind nicht nur Oppositionelle, sondern auch viele Fachkräfte, die Russland eigentlich gerade dringend braucht. Die Welt spricht dabei von einer „verdeckten Flüchtlingswelle“.

Ukraine-Krieg: Russische IT-Experten und Fachkräfte zieht es nach Armenien

Konstantin Sonin, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Chicago, schätzt laut der Zeitung, dass in den ersten zehn Tagen des Ukraine-Krieges mehr als 200.000 Russen ausgereist seien. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt er nach Auswertung von Daten aus Armenien, Georgien oder der Türkei.

Alles Länder, in die russische Staatsbürger ohne Visum einreisen können und deshalb seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs zum beliebten Zufluchtsort für Russen werden. Hunderttausende wollen den wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen entgehen oder fürchten Repressalien durch das russische Regime. Junge Männer wollen die Wehrpflicht vermeiden. Die meisten Flüchtenden seien laut Medienberichten gut ausgebildete Fachkräfte.

Dabei erfreut sich bei den IT-Spezialisten die ehemalige Sowjetrepublik Armenien großer Beliebtheit, denn dort haben vor allem Programmierer Chancen auf eine Arbeitsstelle. Zudem wird dort Russisch gesprochen. Laut einem dpa-Reporter seien Hotels, Pensionen und Mietwohnungen in der armenischen Hauptstadt Eriwan voll belegt.

Russischer Branchenverband: 100.000 Tech-Experten könnten im April ausreisen

Im Kreml hat man den Exodus der IT-Spezialisten durchaus registriert: Sergej Plugotarenko, Leiter des zuständigen Branchenverbands, sagte vor einem Parlamentsausschuss: „Die erste Welle – 50.000 bis 70.000 Menschen – hat bereits das Land verlassen“. Nur die hohen Preise für Auslandsflüge würden einen weiteren Exodus verhindern. Trotzdem könnten weitere 100.000 Tech-Expertinnen und -Experten im April ausreisen, prognostizierte Plugotarenko.

Unterstützt werden russische IT-Spezialisten auch teilweise von ihren Arbeitgebern, die ihre Firmen ins Ausland verlegen wollen, um den Sanktionen zu entgehen. Dabei verschlägt es viele vor allem in die ehemaligen Sowjetrepubliken wie Georgien, Armenien oder Kasachstan, in die Russen oft ohne Visum einreisen können. Dort empfängt man sie in der Regel auch gerne: So warb ein ranghoher Diplomat aus Kasachstan laut RND offen um ausländische Firmen. 

Litauen will keine russischen Start-ups, die Telekom hadert mit ihren IT-Kräften

Doch nicht überall sind die russischen IT-Spezialisten willkommen: Im europäischen Litauen möchte man keine russischen Unternehmen oder Start-ups, hieß es laut RND aus dem Wirtschafts- und Innovationsministerium in der Hauptstadt Vilnius. Die Regierung habe alle Bewerbungen für Start-up-Visa auf Eis gelegt. Grund seien Sicherheitsbedenken und Angst vor Spionage.

Auch die deutsche Telekom hadert mit ihren russischen IT-Spezialisten. Der Konzern hat seine 2000 russischen Softwareentwickler in den vergangenen Wochen auf Standorte in anderen Ländern und in ein Hotel im türkischen Urlaubsort Antalya verlegt, berichtet die Wirtschaftswoche.

Allerdings können diese nun nicht mehr oder nur noch stark eingeschränkt die von ihnen programmierte Software bearbeiten. Offiziell bestätigen will die Telekom laut Wirtschaftswoche nur, dass sie „nach dem russischen Angriff auf die Ukraine eine Reihe von zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hat“.

Der Kreml versucht währenddessen, seine Fachkräfte zu halten und hat sogar die Wehrpflicht für Männer, die als IT-Fachkräfte arbeiten, ausgesetzt. Außerdem gibt es Darlehen und Steuervergünstigungen für IT-Firmen. Ob das die Abwanderung der Fachkräfte aufhalten kann, ist fraglich. „Ich denke, Putin ist überhaupt nicht mehr in der Lage, diese Leute zu behalten“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Studiendekan des Osteuropa-Instituts an der Freien Universität Berlin, Theocharis Grigoriadis gegenüber dem RND. Mit Material der dpa

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