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Chef von IT-Konzern mit knallharter Analyse: „Deutschland ist eine ‚Scheißegal-Nation‘ geworden“

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Von: Lisa Mayerhofer

Unternehmer Ulrich Dietz ist Mitgründer des Softwaredienstleisters GFT und Vize-Präsident des Digitalverbands Bitkom.
Unternehmer Ulrich Dietz ist Mitgründer des Softwaredienstleisters GFT und Vize-Präsident des Digitalverbands Bitkom. © GFT/Tom Maurer Photography

Die deutsche Gesellschaft gewöhnt sich an immer schlechtere Standards, findet Ulrich Dietz, Gründer des IT-Unternehmens GFT - und rechnet mit der Regierung ab.

Stuttgart – Die Energiekrise hat Deutschland fest im Griff – immer mehr Unternehmen leiden unter den enorm gestiegenen Preisen für Strom und Gas. Der Mittelstand hat die Bundesregierung deshalb zu schnellen Entlastungen aufgefordert. „Mit dem bisherigen Tempo werden wir die wirtschaftliche Substanz unseres Landes auf Dauer nicht schützen können“, sagte Markus Jerger, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft, der Deutschen Presse-Agentur.

„Ein beträchtlicher Teil der Unternehmen hat bereits die Produktion reduziert, immer mehr Betriebe denken über die Verlagerung eines Teils ihrer Geschäftstätigkeit ins Ausland nach – die Lage für den Mittelstand wird von Tag zu Tag bedrohlicher“, so Jerger. „Wir brauchen nichts anderes als einen sofortigen Entlastungs-Turbo für die Wirtschaft.“

Energiekrise: Unternehmer Dietz fordert Gaspreisdeckelung

Auch Ulrich Dietz, Mitgründer des Softwareentwicklers GFT, ist in einem Interview mit dem Handelsblatt der Meinung, dass die aktuelle Krise „die eine Krise zu viel“ sein wird. „Es wird in den nächsten Monaten häufig sehr schnell gehen, auch bei Unternehmen, die jahrelang solide waren“, sagt der umtriebige Unternehmer und Vize-Präsident des Digitalverbands Bitkom, der den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) berät und als einer der Treiber der Digitalisierung in Deutschland gilt.

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„Die kleinen Einkommen und auch die kleineren Unternehmen werden die hohen Gaspreise in den nächsten Monaten mit voller Wucht abbekommen. Vielen Unternehmen wird das erst bewusst werden, wenn sie ihre Rechnung sehen. Da kommt ein Kosten- und Insolvenz-Tsunami auf uns zu“, sagte der Unternehmer dem Wirtschaftsmagazin. Man müsse unbedingt die Gaspreise in den Griff bekommen. „Notfalls mit einer Gaspreisdeckelung durch den Staat.“

Die bisherigen Maßnahmen der Regierung seien „viel zu kurz gesprungen“. „Die Ampelparteien versuchen vor allem, die Erwartungen ihrer Klientel zu berücksichtigen. Dieser Aktionismus ist so wenig durchdacht, dass er der Regierung drei Monate später wieder um die Ohren fliegt“, sagte Dietz dem Handelsblatt. Der Vorschlag des Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne), dass von den Energiepreisen getroffene Betriebe eine Weile die Produktion stoppen sollen, mache ihn sprachlos. „Ein bisschen mehr Fachkompetenz könnte der ein oder andere Minister schon gebrauchen“, so Dietz.

„Die Gesellschaft gewöhnt sich an immer schlechtere Standards. Diese Gleichgültigkeit ist unerträglich.“

Ulrich Dietz, Vorstandschef von GFT Technologies

GFT-Chef Dietz: „Made in Germany immer weniger wert“

Der Unternehmer geht auch mit der Gesellschaft in seinem Land hart ins Gericht: Deutschland sei eine „Scheißegal-Nation“ geworden, findet er. „Die Gesellschaft gewöhnt sich an immer schlechtere Standards. Diese Gleichgültigkeit ist unerträglich. Made in Germany wird immer weniger wert. Die Digitalisierung der Verwaltung kommt nicht voran, wir sind gefangen in einer föderalen Struktur, einer schiebt die Schuld auf den anderen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist keine Lösung für die Gegenwart und schon gar nicht für die Zukunft“, sagte Dietz dem Handelsblatt.

Deutschland finde sich „inzwischen mit Zuständen ab, die nicht tragbar sind. Ob man im Flugzeug sitzt und zwei Stunden lang keine Informationen bekommt, warum man auf der Landebahn steht. Ob Züge einfach ausfallen oder es auf den Straßen Dauerbaustellen gibt, an denen wochenlang nicht gearbeitet wird: Irgendwie funktioniert nichts mehr so richtig in diesem Land. Mit diesen Zuständen dürfen wir uns nicht zufriedengeben.“ (dpa/ph)

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