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Historische Entscheidung: EZB erhöht Leitzinsen im Euroraum stärker als erwartet

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Von: Lisa Mayerhofer

Die Europäische Zentralbank hat angesichts der Rekordinflation am Donnerstag die Zinsen deutlich erhöht. Der Leitzins steigt unerwartet von null auf 0,50 Prozent. Der News-Ticker zur EZB-Entscheidung.

Update vom 21. Juli, 14.40 Uhr: Die Rekordinflation zwingt die Euro-Währungshüter zu einem höheren Tempo bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren. Die Zinsen steigen um jeweils 0,50 Prozentpunkte, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Damit entfällt zur Freude der Sparer der Negativzins von minus 0,50 Prozent für geparkte Gelder von Geschäftsbanken. Viele Institute gaben diese Belastung in den vergangenen Jahren an Privatkunden als sogenanntes Verwahrentgelt weiter. Der Leitzins, zu dem sich Kreditinstitute bei der EZB Geld leihen können, steigt von null Prozent auf 0,50 Prozent. Für die nächsten Sitzungen kündigte die EZB weitere Zinserhöhungen an.

Den Kurswechsel hatte der EZB-Rat bereits bei seiner vorherigen Sitzung im Juni angebahnt, allerdings einen kleineren Zinsschritt von jeweils 0,25 Prozentpunkte in Aussicht gestellt. „Der EZB-Rat hielt es für angemessen, einen größeren ersten Schritt auf dem Weg zur Normalisierung der Leitzinsen zu tun, als er auf seiner letzten Sitzung angekündigt hatte“, teilte die Notenbank nun mit. Diese Entscheidung beruhe auf der aktualisierten Einschätzung der Inflationsrisiken durch den EZB-Rat.

Unser Beitrag „Was die Zinserhöhung für Sparer bedeutet“ erklärt, welche Konsequenzen die EZB-Entscheidung für Verbraucher haben kann.

EZB: Neues Anti-Krisen-Programm für Südeuropa bei Rekordinflation

Update vom 21. Juli, 14.16 Uhr: Kritiker werfen der EZB vor, die Zinswende viel zu spät einzuleiten. Die Teuerung im Euroraum zieht seit Monaten auf Rekordniveau an. Zugleich haben sich die Wirtschaftsaussichten wegen des Krieges in der Ukraine verschlechtert. Hebt die EZB die Zinsen in diesem Umfeld zu rasch an, könnte das vor allem für hochverschuldete Staaten in Südeuropa zur Belastung werden.

Um sicherzustellen, dass Zinserhöhungen Länder wie zum Beispiel Italien nicht über Gebühr belasten und um eine Fragmentierung des Währungsraums zu verhindern, legt die EZB ein neues Anti-Krisen-Programm auf, das sogenannte Transmission Protection Instrument (TPI).

Die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB hatte angekündigt, die Leitzinsen im Euroraum wieder anzuheben.
Die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB hatte angekündigt, die Leitzinsen im Euroraum wieder anzuheben. © Boris Roessler/dpa

„Das TPI wird das Instrumentarium des EZB-Rats ergänzen und kann aktiviert werden, um ungerechtfertigten, ungeordneten Marktdynamiken entgegenzuwirken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Transmission der Geldpolitik im Euroraum darstellen“, erklärte die Notenbank. „Der Umfang von Ankäufen im Rahmen des TPI hängt von der Schwere der Risiken für die geldpolitische Transmission ab. Die Ankäufe sind nicht von vornherein beschränkt.“

Die Arbeiten an diesem neuen Anti-Krisen-Instrument hatte die EZB nach Unruhen an den Finanzmärkten Mitte Juni forciert. Der Renditeabstand - der Spread - zwischen Staatsanleihen aus Deutschland und denen höher verschuldeter Euroländer, insbesondere Italiens, hatte sich nach der EZB-Ankündigung einer ersten Zinserhöhung im Sommer ausgeweitet. Heißt: Für Länder wie Italien wird es teurer, sich frisches Geld zu besorgen. Das könnte für solche Staaten angesichts schon gewaltiger Schuldenberge zum Problem werden.

Doch die hartnäckig hohe Inflation zwingt die EZB zum Handeln. Der Prozess der Normalisierung der Geldpolitik werde „entschlossen und nachhaltig fortgesetzt werden“, hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde Ende Juni gesagt. Andere Notenbanken wie die US-Fed und die Bank of England haben ihre Zinssätze bereits mehrfach angehoben.

Inflation treibt EZB zur Zinswende: Erste Erhöhung seit elf Jahren

Update vom 21. Juli, 10.55 Uhr: Um die hohe Inflation zu dämpfen, will die Europäische Zentralbank (EZB) nach Jahren der ultralockeren Geldpolitik bei ihrer Sitzung an diesem Donnerstag (21. Juli) die Leitzinsen wieder erhöhen. Die Entscheidungen der Notenbank werden am Nachmittag verkündet, erstmals zur neuen Uhrzeit um 14.15 Uhr.

Folgt der EZB-Rat bei seiner Sitzung in Frankfurt dem im Juni angekündigten Pfad, würde der Leitzins in einem ersten Schritt von null Prozent auf 0,25 Prozent steigen. Der Negativzins für geparkte Gelder von Geschäftsbanken bei der EZB würde von minus 0,5 Prozent auf minus 0,25 Prozent halbiert. Ein größerer Zinsschritt um 50 Basispunkte wird angesichts der hohen Inflation aber nicht ausgeschlossen.

Kritiker werfen der EZB vor, die Zinswende zu spät einzuleiten. Die Teuerung im Euroraum zieht seit Monaten auf Rekordniveau an. Der Druck auf die Währungshüter ist daher groß, nun die Zinsen deutlicher anzuheben. „Wenn sich die Inflationsaussichten nicht verbessern, werden wir über ausreichende Informationen verfügen, um schneller zu handeln“, hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde Ende Juni gesagt. Der Prozess der Normalisierung der Geldpolitik werde „entschlossen und nachhaltig fortgesetzt werden“. Für ihre Sitzung am 8. September hat die EZB bereits einen weiteren Zinsschritt in Aussicht gestellt.

Zinssätze: Das wichtigste Instrument der EZB im Kampf gegen die Inflation

Update vom 21. Juli, 9.50 Uhr: Das wichtigste Ziel der EZB ist die Stabilität der Gemeinschaftswährung, also des Euro. Als Zielvorgabe gilt eine Inflationsrate von zwei Prozent. Im Juni lagen die Verbraucherpreise im Euroraum um 8,6 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats – und damit weit über der EZB-Zielvorgabe. Deshalb muss die Zentralbank reagieren – mit ihrem wichtigsten Instrument, den Zinssätzen, mit denen sie die Geldmenge im Eurosystem steuert. Dies geschieht, indem die Zentralbanker über die verschiedenen Leitzinsen die Kosten festlegen, die für Geschäftsbanken im Euroraum anfallen, wenn diese sich Geld bei der EZB leihen oder es dort hinterlegen wollen.

Bei niedrigen Leitzinsen können Banken billig Geld leihen – auch die Kredite für private Verbraucherinnen und Verbraucher und Unternehmen werden dann günstiger, die im Umlauf befindliche Geldmenge erhöht sich. Umgekehrt sorgen höhere Leitzinsen für höhere Kreditkosten und somit mittelbar für eine Abnahme der Geldmenge. Die wichtigsten Stellschrauben in der Geldpolitik sind die drei Leitzinssätze der EZB. Ein Überblick:

Die drei Leitzinsen der Europäischen Zentralbank

Hauptrefinanzierungssatz

Beim Hauptrefinanzerungssatz der EZB handelt es sich um den wichtigsten Leitzins. Dieser legt fest, zu welchem Zinssatz sich Banken Geld von der Zentralbank leihen können. Die Mindestlaufzeit beträgt hier eine Woche. Dabei gilt: Steigt der Zins, so steigen auch die Kosten für die Banken und somit für die Verbraucher in Form höherer Zinsen auf Privatkredite. Umgekehrt sorgt ein niedriger Hauptrefinanzierungssatz für billiges Geld und somit für günstige Kredite. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt seit März 2016 unverändert bei null Prozent.

Spitzenrefinanzierungssatz

Der Spitzenrefinanzierungssatz legt fest, zu welchen Kosten Geschäftsbanken kurzfristig Geld bei der EZB leihen können. Zwar können sich Banken auch untereinander kurzfristig Geld leihen – diese Kredite müssen aber zwangsläufig niedriger verzinst sein als der Spitzenrefinanzierungssatz der EZB, da sich das Leihgeschäft der Banken untereinander im Vergleich zur Kreditaufnahme bei der EZB ansonsten nicht lohnen würde. De facto stellt der Spitzenrefinanzierungssatz also eine obere Zinsgrenze für das Tagesgeld dar. Seit März 2016 liegt der Spitzenrefinanzierungssatz bei 0,25 Prozent.

Einlagensatz

Der Einlagensatz legt fest, zu welchem Zinssatz Banken überschüssiges Geld bei der EZB einlagern können. Ähnlich wie beim Spitzenrefinanzierungssatz können Banken auch untereinander kurzfristig Geld anlegen. Da aber kein Geldhaus einen niedrigeren Zinssatz als den Einlagenzins der EZB akzeptieren wird, handelt es sich bei diesem Leitzins de facto um eine untere Zinsgrenze für das Tagesgeld. Im Juni 2014 senkte die EZB den Einlagensatz erstmals in den negativen Bereich, auf minus 0,1 Prozent. Banken müssen seitdem Geld bezahlen, wenn sie Liquidität bei der EZB anlegen wollen. Seit September 2019 beträgt der Einlagensatz minus 0,5 Prozent.

Rekordinflation und Zinserhöhung: Die EZB steht vor einem Balanceakt

Update vom 21. Juli, 9.25 Uhr: Die Inflation hat Europa mittlerweile fest im Griff: Im Juni lagen die Verbraucherpreise im Euroraum um 8,6 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Die EU-Kommission rechnet für das Gesamtjahr 2022 mit durchschnittlich 7,6 Prozent Inflation im Währungsraum der 19 Länder. Das wäre ein historischer Höchstwert und weit über dem von der EZB angestrebten stabilen Preisniveau mit einer jährlichen Teuerungsrate von zwei Prozent. Eine höhere Inflation schmälert die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, weil sie sich dann für einen Euro weniger leisten können.

Treiber der Inflation sind seit Monaten deutlich gestiegene Energie- und Lebensmittelpreise. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Lage verschärft. Das bremst auch das Wirtschaftswachstum in Europa. Die EZB steht vor einem Balanceakt: Hebt sie die Zinsen in diesem Umfeld zu rasch an, könnte das vor allem für hoch verschuldete Staaten in Südeuropa zur Belastung werden.

Die EZB arbeitet daher an einem neuen Anti-Kriseninstrument, das sicherstellen soll, dass die Geldpolitik möglichst einheitlich im Währungsraum wirkt und eine Fragmentierung verhindert wird. Die EZB muss dafür nun eine passende Lösung finden. Über das Trilemma der EZB und wie ihr die Inflationsbekämpfung gelingen könnte, schreibt Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran im Gastbeitrag. (lma/AFP/dpa)

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