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Türkei: Inflation bei über 150 Prozent – für Erdogan könnte es eng werden

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Von: Lisa Mayerhofer

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan konnte die galoppierende Inflation in seinem Land bisher nicht eindämmen. (Archivbild)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan konnte die galoppierende Inflation in seinem Land bisher nicht eindämmen. (Archivbild) © Adem Altan/afp

Die Türkei ächzt unter der galoppierenden Inflation. In der Bevölkerung wächst die Unzufriedenheit über den umstrittenen Kurs von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Ankara – In Deutschland steigt die Inflation. Seit Monaten legen die Preise für Lebensmittel und Energie kräftig zu. Noch schlimmer betroffen ist allerdings die Türkei: Dort sind im April die ohnehin schon hohen Verbraucherpreise weiter in die Höhe geschnellt. Die Inflationsrate stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 69,97 Prozent Vorjahresmonat, wie aus den Zahlen des Statistikamtes hervorging. Dies ist der stärkste Anstieg der Verbraucherpreise seit Februar 2002. Die Inflationsrate hatte im März bereits 61,14 Prozent erreicht.

Türkei: Inflationsrate laut Forschern mehr als doppelt so hoch

Laut unabhängigen türkischen Wirtschaftswissenschaftler der Inflation Research Group (Enag ist die Inflationsrate allerdings sogar doppelt so hoch als offiziell angegeben. Enag zufolge habe die Inflation im Jahresvergleich tatsächlich 156,86 Prozent erreicht. Schon länger werfen Kritiker aus den Reihen der Opposition und auch einige Ökonomen dem nationalen Statistikamt Tüik vor, das Ausmaß der Inflation zu beschönigen.

Maßgeblich angeheizt wird die enorme Teuerung durch die höheren Energiekosten, die durch den Wertverfall der türkischen Lira zusätzlich nach oben getrieben werden. Verschärft wird die Lage durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine; Russland und die Ukraine sind wichtige Lieferanten bei Energie und Getreide.

Türken leiden unter hoher Inflation – Erdogan gibt Versprechen

Die hohen Lebensmittelpreise belasten die Bevölkerung. Menschen auf einem Markt in Istanbul sprechen gegenüber der Tagesschau von bis zu 50 Prozent Teuerung innerhalb weniger Wochen. Ein Mann erzählt, dass er die Preissteigerungen genau beobachtet. „Ich gehe zweimal pro Woche auf den Markt, montags und donnerstags. Und ich kaufe immer an denselben Ständen ein. Aber selbst zwischen Montag und Donnerstag steigen die Preise“, sagte er der Tagesschau.

Die hohen Verbraucherpreise sind in den vergangenen Monaten zu einem der wichtigsten Themen der türkischen Politik geworden. Die Zentralbank hatte den Leitzins trotz der galoppierenden Inflation aber zuletzt nicht angehoben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ein erklärter Gegner hoher Zinsen, die als unter Volkswirten einhellig als Mittel im Kampf gegen hohe Teuerungsraten gelten. Allerdings hatte er im Januar versprochen, die Inflation „so bald wie möglich“ wieder in den einstelligen Bereich zu bringen. Er versicherte, dass die Teuerung „nach dem Monat Mai“ wieder sinken solle.

Türkei: Unzufriedenheit mit Erdogan wächst

Ob der Präsident sein Versprechen halten kann, ist aber fraglich. Bisher zeichnet sich keine Entspannung hinsichtlich der Inflation in der Türkei ab. Finanzwissenschaftler Hakki Öztürk von der renommierten Bahcesehir-Universität sagte laut Tagesschau: „Die Inflation kann auf 70 Prozent hochgehen und fällt dann ein wenig zurück. Im besten Fall wird sie zum Jahresende bei etwa 45 bis 50 Prozent liegen – im besten Fall.“

Die Menschen in der Türkei zeigen sich mit der Entwicklung zunehmend unzufrieden. Am 1. Mai kam es in einigen Städten zu Demonstrationen. Erdogans Partei AKP schneidet in Umfragen auch eher mäßig ab, wie die Welt berichtet. Aktuell würden sich nur rund 25 Prozent der Türken für die Regierungspartei entscheiden – bei den jüngsten Wahlen im Juni 2018 erreichte sie noch 43 Prozent. Die nächsten Präsidentschaftswahlen sind für Juni 2023 angesetzt. Sechs türkische Oppositionsparteien haben sich schon für den Wahlkampf gegen Erdogan zusammengeschlossen und fordern eine Rückkehr zur „verstärkten parlamentarischen Demokratie“. (lma/AFP)

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