Der von Alibabas hauseigener Halbleitereinheit T-Head entwickelte Serverchip Yitian 710 wird während der Apsara-Konferenz 2021 am 19. Oktober präsentiert.
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Server-Chip Yitian 710 von Alibaba bei einer Präsentation in Hangzhou: Der Halbleitermangel zeigt deutschen Firmen die Abhängigkeit von China auf

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Chipmangel und Stromkrise: Corona zeigt Abhängigkeit deutscher Industrie von China

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Der Chipmangel infolge der Corona-Pandemie warf ein Schlaglicht auf die Abhängigkeit der deutschen Industrie von China. Manche Firmen kaufen nun Bauteile in Europa ein.

  • Die Corona-Pandemie zeigte vielen Unternehmen ihre Abhängkeit von chinesischen Teileimporten auf.
  • Der Einkauf in Europa ist möglich - aber deutlich teurer. Tragen die Konsumenten das mit?
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 10. November 2021.

Berlin – Jochen Kopitzke, Geschäftsführer eines Medizintechnikunternehmens, hat die Autoindustrie als direkten Mitbewerber um Elektronik-Komponenten bis vor einigen Monaten nicht zwingend auf der Rechnung gehabt. Gleiche Bauteile für Kühlschränke und SUV klingen im ersten Moment ungewöhnlich. Aber moderne Technologie basiert in beiden Branchen auf dem gleichen winzigen Ursprung: dem Mikrochip. Und weil das leidige Thema Corona die Versorgung mit den Chips massiv erschwert, kommen sich Daimler, BMW oder Porsche jetzt eben auch mit der Philipp Kirsch GmbH in die Quere.

Es ist ein ungleicher Kampf, wenn ein Mittelständler aus dem baden-württembergischen Willstätt gegen die Weltelite des Autobaus antritt. Zwar gehört Philipp Kirsch zu den „Hidden Champions“ des deutschen Mittelstands. Doch „die Autoindustrie hat eine riesige Einkaufsmacht, von der wir als Mittelständler nur träumen können. Trotzdem kämpfen wir mit ihr um die Prozessoren“, sagt Kopitzke.

Infolge der Corona-Pandemie kam es zu einer weltweiten Knappheit an Rohstoffen und Halbleitern*, die verschiedenste Industrien betreffen. Halbleiter werden derzeit vor allem in Taiwan produziert; Chinas Chip-Industrie ist aufgrund des Handelskrieges mit den USA von wichtigen Zulieferern in Nordamerika abgeschnitten. In China selbst führte der Rohstoffmangel außerdem zu einer akuten Stromkrise*, in deren Folge wiederum die Produktion weiterer Rohstoffe wie Magnesium oder Aluminium* gedrosselt wurden. All das versetzte Unternehmen in aller Welt in den Krisenmodus.

Dabei steht für Philipp Kirsch nicht weniger auf dem Spiel als die Aufrechterhaltung der eigenen Produktion. Die Rechnung lautet simpel: ohne Chips keine Kühlschränke. Die Prozessoren kosten das Unternehmen inzwischen den 25-fachen Preis dessen, was sie vor Ausbruch der Corona-Pandemie* gekostet haben. Und dennoch sagt Geschäftsführer Kopitzke: „Wir sind glücklich, dass wir mit deutschen Zulieferern Wege gefunden haben, um die Produktion fortzuführen. Auch, wenn es uns sehr wehtut.“

Lieferketten: „China hat gelernt, Entwicklungen zu steuern“

Wenn Kopitzke von „uns“ spricht, dann meint er zwar in erster Linie sein eigenes Unternehmen, und dennoch spricht er auch von „uns“ als Gesellschaft. Preissteigerungen in den Lieferketten betreffen letzten Endes auch die Konsumenten. Denn die müssen ihren Anteil an den Teuerungen zwangsläufig mittragen. Nicht nur, wenn es um Laborkühlschränke geht, sondern in weiten Teilen der industriellen Wertschöpfung.

Deutschland und die Europäische Union* mussten in den vergangenen anderthalb Jahren feststellen, dass manche Massenkomponenten industrieller Bauteile nur noch in Asien hergestellt werden. Kopitzke fürchtet, dass insbesondere die chinesische Regierung die für sie wertvolle Erfahrung gesammelt hat, dass sie an neuralgischen Punkten der Wertschöpfung am längeren Hebel sitzt. „China hat gelernt, wie es bestimmte Entwicklungen steuern kann, indem es Exporte reguliert, um bestimmte Güter aus Vorsicht für sich selbst zu horten, oder um damit andere Länder zu bestimmten Entscheidungen drängen zu wollen“, sagt er.

Die möglichen politischen Konsequenzen aus dieser Konstellation verursachen Unbehagen beim Chef der Philipp Kirsch GmbH. Schon vor einigen Jahren entschied das Unternehmen, dass es wichtige Bestandteile für die Kältetechnik und Elektrotechnik deswegen ausschließlich in Deutschland oder anderen Teilen der Europäischen Union einkauft. Einen seiner zentralen Zulieferer überzeugte Kopitzke sogar, dessen Pläne zur Auslagerung seiner Produktion nach China abzublasen. Das war sogar noch vor der Corona-Pandemie.

„Damals haben wir ganz klar gesagt, dass wir das nicht mitmachen. Vor zwei Jahren ging es uns darum, dass Made in Germany nur auf einem Produkt stehen sollte, wenn die Fertigung neben technologischen Standards tatsächlich auch deutschen Umwelt- und Sozialstandards entspricht“, sagt Kopitzke. Inzwischen sei die Erkenntnis hinzugekommen, dass eine zu große Abhängigkeit von der Volksrepublik China immensen Schaden für Deutschland nach sich ziehen kann.

China und Europa: Globale Gesundheitsversorgung braucht freien Warenverkehr

Dieser Aha-Effekt erfasste große Teile der gesamten deutschen Wirtschaft. Dabei geht es nicht nur um die Vorbereitung auf die nächste Pandemie, sondern auch darum, gewappnet zu sein vor einer möglichen Eskalation der geopolitischen Spannungen. Erpressbarkeit kann sich Europa nicht leisten, um im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben. Wenn es darauf ankommt, muss Deutschland in der Lage sein, sich mit lebenswichtigen Produkten selbst zu versorgen.

Das weiß man auch beim Medizintechnikunternehmen B. Braun aus dem nordhessischen Melsungen, das all das produziert und vertreibt, was im Kampf gegen ein tödliches Virus benötigt wird. Das Portfolio des Unternehmens umfasst 5.000 Produkte. Nicht jedes einzelne ist deshalb gleich systemrelevant. Aber Spritzen, Kanülen, Desinfektionsmittel, persönliche Schutzausrüstung oder Infusionspumpen sind es in Zeiten einer Pandemie dagegen schon.

Doch die Produktion von Infusionspumpen konnte der großen Nachfrage in den vergangenen 20 Monaten nicht Herr werden, weil die nötigen elektronischen Kleinteile außerhalb der Europäischen Union gefertigt werden. Als die Grenzen dicht waren, blieben auch die Chips draußen. „Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass es einen freien Warenverkehr braucht, wenn es um globale Gesundheitsversorgung geht. Andererseits müssen kritische Produkte auch in Europa produziert werden, was B. Braun von jeher macht“, sagt Unternehmenssprecherin Christine Bossak.

Systemrelevant, aber vor Rückschlägen in der Krise nicht gefeit: Das Beispiel B.Braun zeigt, wie unerwartet die Pandemie die deutsche Industrie getroffen und dabei ihre Schwächen schonungslos offengelegt hat. Die Abhängigkeit von Drittmärkten wurde besonders auch in der Medizintechnik deutlich. Diese Lehre wurde nicht nur branchenintern gezogen, sondern lieferte gleichzeitig eine Diskussionsgrundlage in der gesamten Gesellschaft.

Lieferketten: Nach der Pandemie sinken die Transportkosten

Als Vorsitzender im Industrie-Ausschuss Oberrhein Süd in der IHK sieht Jochen Kopitzke von Philipp Kirsch, wie die Problematik tief in die Wertschöpfungsketten eindringt und sich dort fortsetzt. Auch Handwerker würden inzwischen „von Baustelle zu Baustelle springen“ und schauen, dass sie dort Stück für Stück ihre Arbeit vollenden. Je nachdem, welche Materialien und Bauteile gerade zur Verfügung stehen, würden sie entscheiden, welchen Auftrag sie als Nächstes fortführen.

Die Lösung wäre also ganz einfach: Die Produktion unverzichtbarer Bestandteile, ganz gleich in welcher Industrie, muss zurückkehren nach Europa. Und tatsächlich hat Kopitzke im Rahmen seiner IHK-Tätigkeit festgestellt, dass diese Entwicklung einsetzt. Doch dann bleibt immer noch dieses Hindernis mit der Preissteigerung für zahlreiche Güter. Nur wenn die Konsumenten tatsächlich bereit sind, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, ergibt es betriebswirtschaftlich Sinn für die Unternehmen, auf entsprechende Zulieferungen aus China* zu verzichten.

Momentan spielen die Konsumenten mit, sagt Kopitzke. Allerdings auch deshalb, weil sich die Transportkosten* im globalen Lieferkettennetz rund verzehnfacht haben. Das macht die Produkte aus Asien deutlich teurer und den Einkauf innerhalb Europas deswegen erschwinglich. Doch ewig wird das Coronavirus nicht wüten. Wenn die Pandemie überstanden sein wird, werden die Transportkosten massiv sinken. Erst dann wird sich herausstellen, was Deutschlands Konsumenten und Industriebetriebe wirklich aus den vergangenen knapp zwei Jahren gelernt haben.

Von Marcel Grzanna

Marcel Grzanna arbeitet als freier Journalist in Köln und seit Januar 2021 als Autor für China.Table. Zuvor berichtete er neun Jahre aus China für die Süddeutsche Zeitung und andere Medien. Grzannas Buch „Eine Gesellschaft in Unfreiheit“ gibt Einblick in die Arbeit ausländischer Journalisten im größten Überwachungsstaat der Welt. China ist auch das Thema seines Podcasts „Poking with Chopsticks“ (Spotify/Anchor).

Dieser Artikel erschien am 10. November im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht es nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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