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„Höhle der Löwen“-Juror Carsten Maschmeyer: „Ich hätte mir selbst kein Geld gegeben“

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Von: Thomas Schmidtutz

Carsten Maschmeyer: Der Unternehmer hat mit dem Finanzdienstleister AWD ein Vermögen gemacht. Seit Anfang April ist der gebürtige Bremer gemeinsam mit weiteren Investoren in der neuen Staffel der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ bei der Suche nach viel versprechenden Start-ups zu sehen.
Carsten Maschmeyer: Der Unternehmer hat mit dem Finanzdienstleister AWD ein Vermögen gemacht. Seit Anfang April ist der gebürtige Bremer gemeinsam mit weiteren Investoren in der neuen Staffel der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ bei der Suche nach vielversprechenden Start-ups zu sehen. © Christoph Hardt/Imago

Viele Gründer in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) haben tolle Ideen, doch gute Unternehmer sind sie deshalb noch lange nicht, sagt Risiko-Kapitalgeber und DHDL-Löwe Carsten Maschmeyer.

München – Wenn es um mögliche Investments in Start-ups geht, wechselt Carsten Maschmeyer (62) gerne mal die Perspektive. Vom Journalisten über die Sicht eines möglichen Bewerbers bis zum Einkaufschef ist vieles dabei. Aber auch das ist nur eine der Hürden, die Jungunternehmer im Kampf um Risikokapital nehmen müssen. Merkur.de* sprach mit dem Unternehmer und Investor aus der bekannten TV-Show „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) über Unternehmergeist, überzogene Preisvorstellungen bei Gründern und die Frage, was ein gutes Start-up ausmacht. 

Herr Maschmeyer, können wir eine kleine Zeitreise machen?

Klar. In die Vergangenheit oder die Zukunft?

In die Vergangenheit. Mal angenommen, wir hätten eine Zeitmaschine und würden mit ‚Die Höhle der Löwen‘ ins Jahr 1987 zurückreisen, wo Ihnen beim Pitch ein 28-jähriger junger Mann gegenüberstünde, der Kapital für einen neuen Finanzvertrieb namens AWD wollte: Hätten Sie ein Angebot abgegeben?

Jein (lacht).

Jein?

Ich hätte gesagt: Die Idee ist sensationell. Ihr werdet den Markt völlig zu Gunsten der Verbraucher verändern und Milliarden-Umsätze machen. Aber Du alleine als Einzelgründer reichst nicht.

Sie hätten sich selbst kein Geld gegeben - trotz Milliarden-Potenzial?

Nein, denn ich will keine One-Man-Show. Ich hätte für ein Investment auf eine komplementäre Teamerweiterung bestanden, etwa dem IT-Chef oder Experten, die Ahnung von anderen Produkten jenseits der Versicherungsprodukte haben. Einer alleine kann nicht alles, deshalb investiere ich viel lieber in ganzheitliche - möglichst diverse – Teams.

Was ist Ihnen außer einem starken Team bei Gründern sonst noch wichtig?

Ich stelle mir da häufig ganz einfache Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven: Angenommen, ich wäre Journalist: Können die Gründer ihre Story so spannend darstellen, dass ich darüberschreiben würde? Oder ich versetze mich in die Rolle eines möglichen Bewerbers oder Einkaufschefs: Hätte ich Lust, für die zu arbeiten oder wollte ich mit denen kooperieren? Dazu achte ich grundsätzlich immer darauf, dass das Start-up kein Copycat ist, also, dass die Idee andere schon x-fach umgesetzt haben und es nichts Neues ist. Ich will eine echte Erfindung: Ein Produkt, das bequemer ist, günstiger, gesünder oder nachhaltiger. Und ich stelle mir dabei immer eine zentrale Frage: Wie ist der Charakter und die Mentalität der Gründer?

Woran machen Sie das fest?

Da geht es im Kern um die Frage: Sind die Gründer mutig genug, auch harte Entscheidungen zu treffen, also zum Beispiel, einem von ihnen zu sagen: Du hast Dich in den vergangenen zwei Jahren nicht so weiterentwickelt wie wir. Deshalb müssen wir jetzt jemand von außen dazu holen. Außerdem achten wir immer auf den Mut, die Willenskraft, das Durchhaltevermögen und die Resilienz.

Nämlich?

Angenommen, bei einem Software-Unternehmen stürzen am Mittwoch die Server ab, oder die Software bricht zusammen, doch für den Montag darauf hat sich ein potenzieller Pilotkunde angekündigt. Dann fragen wir uns: Sind die Gründer wirklich bereit, durchzuarbeiten, notfalls auch übers ganze Wochenende, um den Fehler zu beheben, oder lehnen sie sich erst einmal zurück und beginnen mit Schuldfragen und hoffen auf Mitleid.

Also ist der Preis für die Anteile gar nicht das entscheidende Kriterium?

Das Wichtigste ist die Idee. Der Firmenwert ist eine Verhandlungsbasis. Wenn der Markt riesig ist, und es wirklich eine Produktneuheit ist, bei der ich sofort den Reflex hätte, zu bestellen, Schlange zu stehen und für das Produkt zu bezahlen, ist die Bewertung nicht so entscheidend. Aber natürlich gibt es immer wieder Start-ups, die eine tolle Erfindung haben und trotzdem keinen Deal bekommen, weil ihre Bewertungsvorstellungen zu ambitioniert sind. Dabei sollte eine Sache doch auch Gründern ganz klar sein: Eines Tages wollen Investoren ihr Geld zurückhaben, einschließlich einer Verzinsung und einer Risiko-Prämie. Immerhin geht es um Wagnis-Kapital und nicht um eine niedrig verzinste Staatsanleihe oder gar um eine Spende.

Bei DHDL kann man allerdings den Eindruck gewinnen, dass es bei Gründern an diesen betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen mitunter etwas mangelt?

Es stimmt: Wir haben teilweise betriebswirtschaftlich noch nicht geschulte Menschen als Produktteams, schlicht, weil sie dafür nicht ausgebildet sind. Die haben ganz oft keine Beziehung zu Gewinn-und-Verlustrechnung, Umsatzplanung oder zur Bilanz. Die Bewertung wird häufig nach einem einfachen Dreisatz berechnet, Motto: Wir wollen mindestens 500.000 Euro, aber 80 Prozent des Unternehmens behalten und nur die restlichen 20 Prozent abgeben, was unterm Strich eine Unternehmensbewertung von 2,5 Millionen ergibt. Aber so geht das natürlich nicht. Investoren rechnen genau und brauchen dafür ein paar elementare Angaben. Dazu gehört der geplante Umsatz, der Verkaufspreis, Herstellungskosten oder der Break-even. Außerdem ist der Vertrieb zentral. Soll der Verkauf online laufen oder über den stationären Handel oder beides? Viele Start-ups sind sich über viele dieser entscheidenden Stellschrauben häufig nicht im Klaren und übersehen gerne auch noch ein paar andere wichtige Faktoren wie Mehrwertsteuer, Versandkosten oder die mögliche Vorfinanzierung der Produktion oder der eigentlichen Ware. Da zeigt sich ziemlich schnell, dass Erfinder nicht immer auch gute Unternehmer sind.

Nun fragen sich viele Zuschauer bei DHDL, wie nah dieses TV-Format wirklich an Realität dran ist. Können Sie helfen?

DHDL ist sehr, sehr nah an der Realität, auch wenn es wegen der Spannung des TV-Formats für die Zuschauer natürlich ein paar Einschränkungen gibt.

Die da wären?

Die Pitches im Studio dauern im Schnitt ein bis zwei Stunden. Daraus werden – ähnlich wie etwa bei der Sportschau - die Highlights zusammengeschnitten. Dann laufen die Pitches bei DHDL vor vier konkurrierenden potenziellen Investoren. In der Realität trifft ein Investor das Gründungsteam alleine. Zudem wissen die Löwinnen und Löwen vorher auch nicht, wer und was kommt. Das ist in der Realität anders. Außerdem sind beim Pitch dann mehrere Fachleute für unterschiedliche Bereiche dabei. Das kann ein Experte für künstliche Intelligenz sein, ein anderer für Online-Marketing, oder ein Finanzfachmann. Am Set hat keiner von uns seine Spezialisten dabei, die er während des Pitches fragen kann.

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