Stefan Bahn erwartet eine Veränderung in der Vereinsstruktur. Der Vorsitzende des Sportkreises Main-Kinzig rät den Vereinen zur Professionalisierung. Foto: Privat

Hanau

Sportkreis-Chef Bahn: "Kleine Vereine werden nicht überleben"

​Sportpolitik. Seit zehn Jahren ist Stefan Bahn Sportkreis-Vorsitzender. Zunächst vom Sportkreis Hanau, seit der Fusionierung vom Sportkreis Main-Kinzig. Im Interview spricht Stefan Bahn über Herausforderungen für Vereine, Erste-Hilfe-Kurse für Übungsleiter und E-Sports.

Herr Bahn, blicken wir zurück auf Ihre Arbeit in den vergangenen zehn Jahren. Worauf sind Sie besonders stolz?Die größte Aufgabe war die Fusion der Sportkreise 2013. Gelnhausen, Schlüchtern und Hanau hatten vorher schon zusammengearbeitet, das wurde in andere Formen gegossen. Wir haben 135 000 Sportler in 574 Vereinen, sind mit Abstand größter Sportkreis Hessens. Das ist schon eine Nummer. Mehr als jeder dritte Einwohner des Main-Kinzig-Kreises ist Mitglied in einem Sportverein.

Wie haben sich die wichtigen Themen in den Jahren verändert?Es gibt immer Veränderungen. Vor zehn Jahren ist intensiv über Gesundheitssport diskutiert worden. Die Krankenkassen haben die Kurse in den Vereinen bezuschusst. Heute gibt es viele professionelle Anbieter. Das Thema Gesundheitssport der Krankenkassen hat sich wegentwickelt von den Vereinen hin zu Anbietern, die damit ihr Geld verdienen. Häufig arbeiten da Leute, die in den Sportvereinen vom Landessportbund ausgebildet wurden. Die Kompetenzen wurden bei uns erworben.

Ärgert es Sie, dass die bei Ihnen ausgebildeten Übungsleiter abwandern?Ich finde es gut, dass die Leute, die sich dringend sportlich betätigen müssen, auf qualifizierte Übungsleiter treffen. Das ist für die Gesellschaft gut und wichtig. Es ist natürlich schade, dass die Sportvereine die Übungsleiter, die sie ausgebildet haben, verlieren. Ein Verein zahlt keine hohen Saläre, sondern Aufwandsentschädigungen. Wer da professionell arbeitet, hat ein ganz anders Einkommen. Ich kann das nachvollziehen.

Sie haben die verschiedenen Seminare angesprochen, ein großes Thema sind die Erste-Hilfe-Kurse für Übungsleiter. Welche Verpflichtungen gibt es da?Jeder, der eine Ausbildung zum Übungsleiter macht, bekommt keine Lizenz ohne Erste-Hilfe-Kurs. Alle fünf Jahre muss er eine Fortbildung machen, sonst verliert er die Lizenz. Wer diese verlängern will, muss einen Kurs vorweisen.

Es gibt aber auch ganz viele nichtlizenzierte Helfer in Sportvereinen.Die können wir nicht verpflichten, das zu machen. Wir können als Sportkreis auf die Vereine hinwirken, dass man nicht lizenzierte Übungsleiter oder Helfer in einen Erste-Hilfe-Kurs schickt. Das ist wichtig. Es ist nicht nur ein Sportproblem, sondern ein gesellschaftliches. Autofahrer sollten auch alle zwei Jahre einen neuen Kurs machen.

Wie hoch ist der Anteil lizenzierter Trainer?Von den zirka 15 000 Betreuern im Kreis haben vielleicht 2000 eine Ausbildung. Es ist immer wieder schwierig, weitere Personen für das Ehrenamt zu begeistern – von daher ist man heutzutage froh über jeden, der bereit ist, sich zu engagieren. So schön es wäre, dass jeder Übungsleiter ausgebildet ist – das geht an der Realität vorbei. Die Sportvereine und auch der Sportkreis versuchen, eine Qualifizierung zu erreichen. Aber ich kann niemanden zwingen.

Welche Herausforderungen wird es in der Zukunft für den Sportkreis geben?Die Kooperation zwischen Schule und Verein ist ein sehr wichtiges Thema. Häufig werden die Vereine benutzt, um nachmittags ein, zwei Stunden Training zu geben, damit die Schulen ein Nachmittagsangebot haben. Dafür bekommt der Sportverein ein geringes Salär, das häufig nicht einmal die Kosten für den Übungsleiter deckt. Wichtig ist hier eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Schule und Verein. Eine Idee wäre, dass Sportvereine Träger der Nachmittagsbetreuung werden. Hierbei ist die Anforderung an den Verein viel höher, aber die Finanzierung durch das Land Hessen angemessen.

Wie wird die Vereinslandschaft aussehen?Den Gesundheitssport haben die Vereine ein Stück weit verschlafen. Es gab in den vergangenen 20 Jahren viele Kooperationen mit Unternehmen, die ihre Mitarbeiter zum Sport treiben in die Vereine schickten und die Kosten übernahmen. Heute hat sich die Welt gewandelt: Jetzt bauen Unternehmen selber ein Fitnessstudio in das Betriebsgelände, um für die Arbeitnehmer attraktiver zu werden. Aktuell verlieren die Sportvereine die Unternehmen als Kooperationspartner. Eine Chance sehe ich darin, dass Vereine selbst Fitnessstudios aufbauen. So können sich Vereine fit machen für die Zukunft, wenn sie mit Unternehmen kooperieren, selbst Hallen und Studios bauen.

Diese Möglichkeit haben allerdings nur große Vereine. Was passiert mit den kleinen Vereinen?Die meisten kleinen Vereine werden nicht überleben. Ich glaube, dass wir im Jahr 2040 so gut wie keine Vereine mehr haben, die weniger als 1000 Mitglieder haben. Die Vereine müssen kooperieren oder fusionieren.

Unterschiedliche Sportarten gehen zusammen und bilden Abteilungen. Nur mit einer Professionalisierung der Sportvereine ist deren Überleben zu sichern. Um eine hauptamtliche Geschäftsführung zu finanzieren, braucht ein Sportverein mindestens 1000 Mitglieder. Da müssen alte Zöpfe abgeschnitten werden. Die Organisation des Vereins wird dann hauptamtlich von einer Geschäftsstelle durchgeführt. Der ehrenamtliche Vorstand wird wie ein Aufsichtsrat fungieren. Die Tagesarbeit muss durch bezahlte Mitarbeiter erledigt werden. Der Sport wird sichprofessionalisieren müssen, wenn er überleben will.

Geht nicht möglicherweise vom Vereinsleben viel verloren?Nein. Die Menschen sind ja weiterhin da. Erfolgreiche Vereinsarbeit ist personenabhängig. Dass die Sportgruppen nach dem Training etwas trinken gehen, wird auch so bleiben.

Themenwechsel: Wie stehen Sie zum E-Sport?Der hessische Sportminister hat klar gesagt, es ist kein Sport. Der Landessportbund Hessen hat dem beigepflichtet. So einfach kann man es sich nicht machen, denke ich. Es ist ähnlich wie bei der Formel 1, da sagen auch viele, die Fahrer sitzen nur im Auto. Aber man muss viel trainieren, fit sein. So ist es auch beim E-Sport. Das muss man gedanklich und körperlich erstmal auf die Reihe bekommen. Es ist kein Sport im Klassischen, aber wir haben auch Schach als Sport, das ist ein Denksport. Wahnsinnig viele Leute haben Spaß daran, deshalb sollte man das nicht verdammen.

Kann E-Sport eine ähnliche gesellschaftliche Funktion einnehmen wie Sportvereine?Es bringt jetzt schon viele Menschen zusammen. Es gab ja zum Beispiel in Rodenbach schon eine Großveranstaltung. Weltweit werden bei Veranstaltungen Stadien mit 50 000 Menschen gefüllt. Ich glaube, in unserer Gesellschaft ist nichts unmöglich.

Seit zehn Jahren sind Sie nun Vorsitzender des Sportkreises. Wie lange werden Sie es noch bleiben?Ich finde es immer gut, wenn man nach einer gewissen Zeit aufhört und neue, junge Leute übernehmen. Jemand Neues hat immer neue frische Ideen, bringt einen Verein voran. Nach 20 Jahren im Sportkreisvorstand kann man sich damit beschäftigen, neue Wege zu gehen. Man kann sich ja auch in einer anderen Form engagieren. Auch würde ich gerne einmal mehr Zeit mit der Familie verbringen. Sicherlich werde ich im Alter von 65 Jahren nicht mehr Sportkreisvorsitzender sein.

Das Interview führte Michael Bellack.

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