Patrick Walterscheidt (r.) gehört zu Deutschlands besten Showdown-Spielern. Er hat sich für die deutsche Meisterschaft qualifiziert. Die Sportart ist in Deutschland nicht weit verbreitet. Die deutschen Meister kommen in der Regel aus Hessen. Auch in Erlensee hat sich ein Verein gegründet. Foto: Oliver Kraus

Erlensee

Showdown mit 120 km/h: Blindensport aus Kanada in Erlensee

Showdown. Das Runde muss ins Eckige. Was für die meisten Ballsportarten gilt, ist im Großen und Ganzen auch für Showdown gesetzt. Bei der Sportart, die ursprünglich von Blinden praktiziert wurde, mittlerweile aber auch von Sehenden gespielt wird, zählt eine Art abgerundeter Strafraum vor dem Tor noch zu eben jenem dazu.

Von Oliver Kraus

So viel zu den Ähnlichkeiten. Denn während man sich beim Einnetzen normalerweise auf sein Augenlicht verlassen kann, gehen beim auch Tischball genannten Spiel die Lichter aus. So auch beim Showdown Sportclub Erlensee (SSC).

Sport im Dunklen. Für Neulinge aufgrund der abgeklebten Skibrille eine komplett unbekannte Erfahrung, die bei den ersten Versuchen Schwierigkeiten beschert. Man muss sich auf sein Gehör verlassen, sich mittels der Geräusche, die der Spielball macht, den Raum vor sich sichtbar machen. Und das ist ob der 3,70 Meter langen und knapp 1,25 Meter breiten Grundfläche der abgerundeten Spielplatte nahezu unmöglich.

Denn das Einzige, was man erst einmal hört, ist Krach! Es schmettert überall. Genauer gesagt scheppert es permanent links und rechts der Spieler in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Jedes Mal, wenn der Ball mit Wucht auf die 14 Zentimeter hohe Bande prallt, macht es einen extrem lauten Schlag. Kein Wunder, können echte Profis, die es vor allem in Tschechien und der Slowakei gibt, das Spielgerät auf Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h beschleunigen.

Mischung aus Tischtennis und Airhockey

Beim Showdown, das eine Mischung aus Tischtennis und dem aus Spielhallen bekannten Airhockey ist, wird ein Hartplastikball, in dessen Inneren fünf Metallkügelchen für einen rasselnden Klang sorgen, mit rechteckigen Schlägern – die Spielhand wird zumeist mit einem Feldhockeyhandschuh geschützt – unter einer in der Mitte des Tisches vertikal angebrachten Plexiglasplatte hindurch geschlagen.

Patrick Walterscheidt ist einer der Mitbegründer des Showdown Vereins in Erlensee, Bei den süddeutschen Meisterschaften, bei denen er Fünfter wurde und sich somit für die deutsche Meisterschaft Ende April qualifizierte, zog sich der Rechtshänder eine Schulterverletzung zu und spielte daher eine Zeit lang mit links.

Beim Selbstversuch gegen den HA-Reporter ist er dennoch klar im Vorteil. Während ich einigermaßen gut mit meiner – wenn auch völlig torungefährlichen – Offensive zurecht komme, ist mein Defensivverhalten mangelhaft beziehungsweise nicht vorhanden.

Blindensport aus Kanada

Das sei völlig normal für Sehende, deren Gehör einfach nicht so gut geschult ist, wie das der Blinden, erklären die Experten. In der Tat kann ich zwar halbwegs einschätzen, ob der Ball auf meiner linken oder rechten Seite rollt, aber nicht wie weit er von meiner Grundlinie entfernt ist.

„Dafür können Sehende sich von anderen Spielern viel mehr abschauen, etwa wie ein Schlag ausgeführt wird oder wie die Handhaltung bei der Abwehr effektiver ist“, erklärt der 27-jährige Physiotherapeut, der in einem Rodenbacher Altenheim angestellt ist.

Walterscheid selbst kam zum aus Kanada stammenden Blindensport während seiner Ausbildung in Mainz. „Danach habe ich geschaut, wo ich weiter spielen kann.“ Allerdings waren die Standorte in Frankfurt, Marburg, Kassel oder Würzburg für den Vollberufstätigen aufgrund der Entfernung keine Option.

Also gründete Walterscheidt, der als Kind beim Bogenschießen erst das linke Augenlicht verlor und dann als Teenager aufgrund einer Krankheit auch noch rechts erblindete, kurzerhand mit Freunden einen Verein, der derzeit vier aktive Spieler zählt und seit etwas mehr als einem Jahr auch das Kürzel e.V. führen darf.

Hessische Dominanz

Neben Walterscheidt spielen mit Thomas Weber noch ein 34-jähriger, ehemaliger Tischtennisspieler mit Restsehwerten von 30 beziehungsweise vier Prozent sowie zwei Vollsehende mit. Der 19-jährige Neuling an der Platte, André Tornow, der sich wie ich noch den dunklen Raum erhören lernen muss und Nicole Kampa, die ihr Freund Thomas vor etwa knapp eineinhalb Jahren zum Showdown gebracht hat: „Ich hatte parallel meinen Nähkurs. Dann dachte ich, dass es was für ihn sein könnte und fand die Idee gut, zu wissen, wovon er redet.“

Deswegen machte die 35-jährige Verwaltungsfachangestellte vor und nach ihrem Kurs einfach mit und ist jetzt fester Teil der Bundesliga-Spielgemeinschaft KEMF. In der haben sich Spieler aus Kassel, Erlensee, Mainz und Frankfurt zusammengetan, um sich auf dem national höchstem Niveau zu messen, das von Vereinen aus Hessen bestimmt wird. So stellt Marburg derzeit den deutschen Meister und auch die Bundesligatitel werden regelmäßig zwischen den Mittelhessen, Frankfurt und Kassel ausgemacht.

Freude am Schlagabtausch

Von einer solchen Leistungsstärke bin ich freilich meilenweit entfernt, obwohl ich bei längerer Spieldauer ein besseres räumliches Verstehen in der Dunkelheit entwickeln kann. Mir gelingt sogar hin und wieder ein Treffer, doch die Abwehr bleibt meine Schwachstelle, auch wenn mir Walterscheidt Tipps geben kann.

Überhaupt beeindruckt er mit seinen Coaching-Fähigkeiten. Obwohl nicht sehend, gibt der Fan der Frankfurter Eintracht seinen Teamkollegen Tipps zur Schläger- sowie Handhaltung. Selbst auf die Körperhaltung geht der Physio ein. Auch wenn man es nicht glauben mag: Man kommt nicht nur ins Schwitzen. Schon nach zwei Spielsätzen bis elf (ein Tor gibt zwei Punkte) stelle ich fest: Die ungewohnte Haltung geht ins Kreuz. Doch der Rücken rückt angesichts des Spielspaßes schnell in den Hintergrund, da selbst ein blutiger Anfänger wie ich schnell Freude an dem Schlagabtausch findet

Infos und Training

Wer das schnellste Ballspiel der Welt ausprobieren will, ist beim SSC Erlensee zum Mitmachen eingeladen. Gespielt wird jeden Montag und Mittwoch zwischen 18.30 und 21 Uhr.

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