Lackierte Fingernägel statt Boxhandschuhe: Sarah Bormann aus Nidderau kam mit ihrem Papa Eberhard und Trainer Benjamin Romero zur Kür der Besten nach Schlüchtern. Foto: Achim Senzel

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Sarah Bormann ist Main-Kinzig-Sportlerin des Jahres

Boxen. Sarah Bormann wurde als Sportlerin des Jahres des Main-Kinzig-Kreises ausgezeichnet. Hier finden die sie vollständige Laudatio für die Boxweltmeisterin.

Von Thorsten Jung

Morgens um halb vier klingelt in Nidderau der Wecker. Sarah Bormann steht auf, zieht sich ihre Laufklamotten an und geht joggen. Sechs oder sieben Kilometer. Danach duschen und ab in die Bäckerei. Ab fünf Uhr verkauft die Box-Weltmeisterin Brötchen. Mal in Gründau, mal in Bruchköbel, mal in Nidderau oder Schöneck. Nach Feierabend geht es direkt nach Hanau. Im Boxraum der Turngemeinde in der Main-Kinzig-Halle wartet schon Trainer Benjamin Romero. Halb zwei ist es da etwa. Eineinhalb, zwei Stunden lang wird trainiert. Nach dem Duschen und Essen bleibt nicht mehr viel Zeit. Schon um halb sieben ist wieder Training. Zwei Stunden lang. So sieht der Alltag einer Box-Weltmeisterin in der Wettkampfvorbereitung aus.

Gerade bereitet sich Sarah Bormann wieder auf einen WM-Kampf vor. Im April steigt sie in den Ring. Gegen IBF-Weltmeisterin Evelyn Bermudez aus Argentinien, die wie Sarah Bormann ungeschlagen ist. „Dieser Kampf wird der schwerste in meiner bisherigen Profi-Laufbahn. Er wird wegweisend für meine Zukunft im Profiboxen“, sagt die Nidderauerin​.

Vergleiche mit Halmich und Kentikian

Wegweisend für Sarah Bormanns Profikarriere waren auch die Kämpfe im Jahr 2019. „Alle drei sind große Highlights gewesen“, sagt ihr Trainer Benjamin Romero. Von „Friss oder stirb“ spricht er. Eine Niederlage hätte das Ende der Profikarriere bedeuten können. Aber Sarah Bormann hat gewonnen. Gegen drei Frauen aus den Top-15 der Welt. Damit ist sie endgültig im Profigeschäft angekommen; gehört jetzt zu den besten acht Boxerinnen der Welt. Drei WM-Gürtel hat sie. Die der Verbände GBU und WIBF schon seit 2018. Den WM-Titel der World Boxing Federation WBF holte sie sich im Mai 2019.

2500 Zuschauer in der Frankfurter Fraport-Arena. Erstmals wird ein Kampf von Sarah Bormann live im Fernsehen übertragen. Und sie bleibt cool, schlägt die Französin Anne Sophie Da Costa einstimmig nach Punkten. „Sarah ist von der Leistung her noch stärker als Regina Halmich und Susi Kentikian es jemals waren“, sagt ihr Manager Rainer Gottwald. Dem stimmt auch ihr Trainer zu. Und Benjamin Romero kennt Sarah Bormann am allerbesten.Mit 17 Jahren stand sie damals vor dem Boxraum der Main-Kinzig-Halle. Ihre Freundin wollte boxen und Sarah schaute es sich mit ihr gemeinsam an. Mit ihrem Papa hat sie schon immer gerne Boxen im Fernsehen angesehen. Die Freundin hörte wieder auf, Sarah blieb dabei.

„Das ist im Boxsport kein Alter“

Ohne Box-Ahnung kam sie damals ins Training der TG Hanau. Dann hat sie es bei den Amateuren in den Nationalkader geschafft, wurde viermal deutsche Meisterin. 121 Amateurkämpfe, 104 Siege. Dann Profiboxen. Bisher zwölf Kämpfe und alle gewonnen. Benjamin Romero muss schmunzeln, wenn er an den Werdegang seines Schützlings denkt. Und er ist stolz.

Bald wird Sarah Bormann 30 Jahre alt. „Das ist im Boxsport kein Alter“, sagt Benjamin Romero. „Sarah hat noch mindestens sieben gute Jahre vor sich“, meint der Mann, der ihre Karriere von Anfang an begleitete. Von dem Tag, als sie vor dem Boxraum in der Main-Kinzig-Halle stand, bis heute, wo Sarah Bormann drei WM-Gürtel hält und einen vierten in Aussicht hat.

Kein Kampf mit der Waage

Im Boxraum der TG Hanau ist dieser Karriereweg nachgezeichnet. An den Wänden hängen Urkunden, Fotos und Zeitungsberichte von Sarah Bormanns Erfolgen. Auch von der Wahl zur Main-Kinzig-Sportlerin des Jahres 2010. Damals wurde sie ausgezeichnet, weil sie als erste Hessin deutsche Meisterin im Amateur-Boxen wurde. Fast zehn Jahre später erhält sie diese Auszeichnung erneut. Als Box-Profi. Als Weltmeisterin im Halbfliegengewicht.

Keine 49 Kilo darf sie bei einem Kampf auf die Waage bringen. Kein Problem für die 1,63 Meter große Boxerin. „Zwei Wochen vor dem Kampf muss sie etwas aufpassen, was sie isst“, verrät Benjamin Romero. „Sie muss aber in der Regel keine strenge Diät halten. Was zu viel ist, schwitzt sie in den letzten beiden Tage vor dem Kampf noch ab.“

Möglicher weiterer WM-Titel im April

Auch die vielen süßen Stückchen, die sie in der Bäckerei verkauft, führen sie nicht in Versuchung. „Keiner ist konsequenter als sie“, sagt ihr Chef Bernd Ohl. „Zielstrebig, ehrgeizig, zuverlässig, korrekt. Und immer da, wenn man sie braucht“, sagt er noch. Deswegen bekommt sie von der Bäckerei Ohl auch große Unterstützung. So wird Sarah Bormann im März komplett beurlaubt, um sich im Trainingslager auf den nächsten großen Kampf vorbereiten zu können.

Im April könnte der WM-Titel der International Boxing Federation IBF dazukommen. Der Verband, in dem auch Henry Maske, Graciano Rocchigiani und Sven Ottke Weltmeister waren. Sollte Sarah Bormann als Siegerin aus dem Ring gehen, könnte sie sich einen Traum erfüllen. Ein Vereinigungskampf gegen die WBC-Weltmeisterin Yesenia Gomez. Die Mexikanerin ist die Nummer eins der Welt im Halbfliegengewicht.

Doch Sarah Bormann von der TGH ist auf einem guten Weg, sie abzulösen. Das hat sie 2019 unter Beweis gestellt. Deswegen ist sie Main-Kinzig-Sportlerin des Jahres 2019.

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