Berge oder Boulderhalle: Tim Schaffrinna ist am glücklichsten, wenn er klettern oder Bergsport betreiben kann. Dabei erholt sich der Maintaler noch von einem Schicksalschlag, der ihn halbseitig gelähmt hat. Fotos: Patrick Scheiber

Paraclimbing

Paraclimbing: Tim Schaffrinna kämpft sich zurück ins Leben

Paraclimbing. Tim Schaffrinnas große Leidenschaften sind das Skifahren, das Bergsteigen und Wettkampfklettern. Der 24-jährige Bischofsheimer ist aktiv, sportlich und gesund. Bis ein Schicksalsschlag sein Leben 2018 auf den Kopf stellt.

Von Julia Meiss

Der majestätische Anblick der Berge mit schneebedeckten Gipfeln vor strahlend blauem Himmel hat Tim Schaffrinna bereits mit vier Jahren in seinen Bann gezogen. Seit diesem ersten Skiurlaub mit seinen Eltern ist der Bergsport mit Skifahren, Skitouren, Bergsteigen und später auch Wettkampfklettern in der Halle die große Leidenschaft des 24-jährigen, der sich in den Bergen einfach am wohlsten fühlt. Im März 2018 hat ein Schicksalsschlag das Leben des Studenten auf den Kopf gestellt und beinahe alles zerstört, was Tim Schaffrinna ausmacht.

Nach einer Hirnblutung ist der Bischofsheimer rechtsseitig gelähmt. Tim Schaffrinna ist aber nicht nur am Berg oder an der Kletterwand ein Kämpfer, sondern auch im Leben: Nur 16 Monate später ist er Achter bei der Paraclimbing-Weltmeisterschaft geworden.

Taubheitsgefühl im Skiurlaub

Zu dem Unglück ist es im gemeinsamen Skiurlaub mit seinen Eltern gekommen. „Wir hatten eine Skitour gemacht und als ich abends im Bett lag, war auf einmal das Gefühl in der rechten Hand weg. Das Taubheitsgefühl wanderte dann den ganzen rechten Arm hoch und gleichzeitig fing es auch im rechten Bein an“, hat Tim Schaffrinna sofort seine Eltern alarmiert. Bereits auf die zweite Nachfrage seiner Mama, was denn los sei, konnte der Bischofsheimer nicht mehr antworten. Die Lähmung hat das Gesicht erreicht.

Die Nacht auf der Intensivstation ist seine bisher schwerste gewesen. „Ich konnte meine rechte Seite nicht spüren, sie hat irgendwie nicht mehr zu mir gehört. Ich habe kaum geschlafen und hatte noch keine Diagnose. Da habe ich mir Fragen gestellt wie: „Wenn es einen Notausschalter für das Leben geben würde, was würde ich machen?“, spricht der Student der Geowissenschaften offen über diese schweren und einsamen Stunden auf der Intensivstation.

Seltene Krankheit führte zu Hirnblutung

Erst eine MRT-Untersuchung am nächsten Tag bringt Klarheit: Die Hirnblutung ist das Resultat der seltenen Krankheit Moyamoya, bei der es vereinfacht gesagt zur Verengung oder einem Verschluss von Hirn-Arterien kommt. Auf Tim Schaffrinna warteten zwei Bypassoperationen im Gehirn, aber auch eine Ermutigung der Ärzte: „Sie sagten mir: 'Du bist jung und fit, das wird wieder.' Und seitdem bin ich positiver Stimmung“, sagt der 24-Jährige und unterstreicht seine Aussage mit einem breiten Grinsen, das auch seine Augen strahlen lässt.

Von da an gibt es für den Bischofsheimer nur eine Richtung und die führt – wie es sich für einen passionierten Bergsportler gehört – nur nach oben. Das Mitglied im Deutschen Alpenverein Sektion Frankfurt kämpft sich seitdem Stück für Stück ins Leben zurück, hat den Rollstuhl hinter sich gelassen und geht wieder auf zwei Beinen durch das Leben.

Langer Weg zum Normalzustand

„Das Gefühl ist wieder da und die körperliche Koordination kommt zurück“, sagt der Rechtshänder, der mittlerweile mit links schreiben kann. Vom Normalzustand ist Tim Schaffrinna aber noch ein ganzes Stück entfernt. Das rechte Bein zieht der 24-Jährige etwas nach und der Arm ist nur eingeschränkt beweglich. Außerdem sind die Finger der rechten Hand noch verkrampft. Die sympathischen Lachfältchen sind in der linken Gesichtshälfte deutlicher zu sehen als in der rechten.

Kein Grund für Tim Schaffrinna, sich hängen zu lassen. „Mir kommt dabei zugute, dass ich beim Wettkampfklettern nie zu den Top-Leuten gehört habe. Ich habe mich nach jedem Wettkampf wieder aufrappeln müssen. Das mache ich jetzt auch, weil ich unbedingt wieder klettern will.“

Kletter-Comeback nach sechs Monaten

Und tatsächlich, etwa ein halbes Jahr nach der Hirnblutung stand der Maintaler wieder in der Kletterhalle: „Das war einfach wunderbar. Wieder den Klettergurt anzuhaben und ein Stück die Wand hochzuklettern – egal wie.“ Daraufhin hat der Bischofsheimer den Kontakt zum deutschen Paraclimbing-Team gesucht.

Nach einem Probetraining im Mai 2019 ist Tim Schaffrinna im Juni bei einem Wettkampf gestartet und hat beim internationalen Paraclimbing-Master Platz neun in seiner Kletterklasse RP1 belegt. Keine vier Wochen später ist er bei der Paraclimbing-WM gestartet. Durch den achten Platz ist er in den Fokus des Nationaltrainers gerückt und wurde Anfang 2020 in den Paraclimbing-Nationalkader berufen.

Heilungsprozess läuft schneller als geplant

Daran, dass er irgendwann wieder bei den „Normalos“ starten kann, hat Tim Schaffrinna keine Zweifel. „Es wird noch Jahre dauern und niemand kann sagen wie lange genau. Aber ich bin beim Heilungsprozess schneller als andere, was mir natürlich nicht schnell genug ist“, sagt der Bischofsheimer schmunzelnd und freut sich, dass es trotz gelegentlicher Tiefen stetig aufwärtsgeht.

Tim Schaffrinna ist außerdem wieder zurück in seinen geliebten Bergen zum Skifahren. An die Höhe ist zunächst ein vorsichtiges Herantasten nötig gewesen, aber auch das hat der Maintaler gemeistert und bereits an Ostern 2019 Skitouren unternommen, womit er sich wieder ein Stück seines alten Lebens zurückgeholt hat.

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