Der Hanauer Frank Trompeter hat gut lachen: Für seinen Einsatz bei den Olympischen Spielen in Rio ist er bestens gerüstet. Foto: Privat

Hanau

Olympia: Hanauer bei Kanuslalom als Wettkampfrichter dabei

Olympia. Der Hanauer Frank Trompeter sorgt als Wettkampfrichter im Kanuslalom bei den Olympischen Spielen in Rio dafür, dass alles seine Ordnung hat - und ist dafür bestens gerüstet. Denn in seinem Gepäck befindet sich eine zweite Brille. Aus einem ganz bestimmten Grund.

Von Jutta Degen-Peters

Was im Fußball die Angst des Torwarts vorm Elfmeter ist, dürfte für den Wettkampfrichter im Kanuslalom die Furcht vorm Schlag mit dem Paddel sein. Nicht umsonst hatte sich der Hanauer Frank Trompeter zwei Ersatzbrillen bereit gelegt, ehe er entspannt nach Rio de Janeiro fliegen konnte. Für einen Wettkampfrichter wie ihn wäre es eine mittelschwere Katastrophe, wenn er bei den Olympischen Spielen an der Kanuslalom-Strecke ausfiele, weil ihm ein Sportler mit dem Paddel die Brille von der Nase fegt.

Unentbehrliche Utensilien bei diesem fünftägigen Einsatz im internationalen Team der Wettkampfrichter sind seinen Worten nach auch das Klemmbrett und ein Stift. „Die Uniform kriegen wir vor Ort gestellt“, erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung kurz vor der Abreise. Sonnenhut, -creme und ein Regenschutz gehören auch unbedingt ins Gepäck.Aus dem Schnuppern wurde ErnstDass der 53-jährige Hanauer bei den Olympischen Spielen dabei ist, hätte er vor 14 Jahren nicht zu träumen gewagt. Denn seine Karriere, die ihn auf das internationale Parkett geführt hat, begann zunächst ganz harmlos mit einem Sportfest.Über eine Bekannte geriet der in Hanau lebende Steuerberater mit seinem damals sechsjährigen Sohn Jan und seiner achtjährigen Tochter Caroline zu einem Sommerfest der Ski- und Kanugesellschaft Hanau (SKG). Die Kinder, beide Wasserratten, durften in die Kanus steigen und ausprobieren, wie man paddelt. Aus dem Schnuppern wurde Ernst. Tochter und Sohn wurden Mitglied im Verein, die Kindergruppe wurde von Andrea Miska-Ross, einer Freundin der Familie, geleitet.Trompeter fand Gefallen an den Regeln Da die Trompeter'schen Sprösslinge begabt waren, blieb die Teilnahme an den ersten Wettkämpfen nicht aus. Die Eltern begleiteten die Kinder zu den Austragungsstätten, um die sechs- bis achtjährigen Kanumäuse zu betreuen. Da lag fast schon auf der Hand, dass die Mütter und Väter bei dieser Gelegenheit auch als Wettkampfrichter fungieren würden.Trompeter fand Gefallen an den Regeln und Bewertungskriterien, die über Sieg oder Niederlage entscheiden konnten, und arbeitete sich immer tiefer in die Materie hinein. „Wer zuschaut, will auch wissen, wie die Entscheidungen zustande kommen“, sagt der sportliche Familienvater.Jeder hat vier bis sechs Tore im BlickWährend die Kanuten ihre 18 bis 25 Tore in der Strecke durchfahren, müssen sich die Wettkampfrichter die Abschnitte so aufteilen, dass jeder vier bis sechs Tore im Blick behält. Jeder der Richter hat einen festgelegten Platz. Von dort aus richtet er einen scharfen Blick darauf, ob der Kanute sein Boot mit Körper und dem ganzen Kopf gleichzeitig durch die Torstangen manövriert, ohne das Tor zu berühren.Das war bei den Jugend-Wettkämpfen so, das gilt auch für die Olympischen Spiele. Mit dem Unterschied, dass die Aufgabe in Rio vor den Augen eines großen Publikums stattfindet. 8000 Besucher sitzen auf den Tribünen. Rund 15 Kampfrichter sind im internationalen Team auf der mit bis zu 25 Toren ausgehängten Strecke eingeteilt, jeder hat drei bis sechs Tore zu überwachen.Däumchendrehen ist gefährlichDa heißt es, alle Sinne beisammenzuhalten. „Man braucht ein gutes Reaktionsvermögen und muss sich länger konzentrieren können“, erklärt Trompeter die Tücken der Kampfrichtertätigkeit. Däumchendrehen, kurz aufs Handy schauen, einen Happen zwischendurch essen – alles das ist tabu. Man könnte den entscheidenden Moment verpassen, in dem ein Sportler die Torstange touchiert oder das Tor verfehlt.Zur Sicherheit (für den Sportler und für den Wettkampfrichter) laufen bis zu zwölf Videokameras mit, die jede Situation aus mehreren Blickwinkeln festhalten. Tauchen Zweifel auf, werden die Aufnahmen zu Rate gezogen. Dass Trompeter die Regelwerke als spannende Herausforderung und eine Art Studienobjekt begriff, sprach sich herum. Nach dem Hessischen wurde der Deutsche Kanuverband auf den Hanauer aufmerksam.Mittlerweile höchsten Weihen erreichtTrompeter übernahm den Job des Kampfrichter-Obmanns in Hessen und bildete schon ein Jahr später mit zwei Kollegen aus Nordrhein-Westfalen und Thüringen die Kampfrichter des Deutschen Kanu-Verbandes aus. Somit hat er also mittlerweile die wohl höchsten Weihen erreicht, die ein Wettkampfrichter anstreben kann.Wenngleich selbst kein Kanuslalom-Fahrer, ist er zweifellos „mit allen Wassern gewaschen“ – so viel Wortspiel muss erlaubt sein – und ein Fuchs, wenn es darum geht, die Sportler zu beurteilen. Dennoch geht es nicht ohne regelmäßige Praxis: „Die Regeln entwickeln sich immer weiter und verändern sich“, erklärt der 53-Jährige. Da gelte es, in Übung zu bleiben und Schritt zu halten.Tochter Caroline holt Mannschaftsgold Für Olympia legte Trompeter dieser Tage seine „Generalprobe“ hin, nachdem er im November letzten Jahres beim Testwettkampf in Rio schon einmal zum Originalschauplatz im Whitewater Stadium reisen durfte: In Krakau „richtete“ er jetzt beim Finaltag der Junioren und bei der U23-Weltmeisterschaft. Dort holte Tochter Caroline, die sich vor sechs Jahren erstmals für die Junioren-Nationalmannschaft qualifizierte, Mannschaftsgold mit ihrem Team und landete im Einzel auf dem sechsten Platz.Vater Trompeter findet schade, dass sie nicht nach Rio mitfliegen kann, weil sie die Qualifikation nicht geschafft hat. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Die sportlichen Erfolge der Tochter können sich wahrlich sehen lassen (auch ohne Olympia-Teilnahme). Sechs Europa- und Weltmeistertitel hat sie seit 2010 im Team oder alleine gewonnen.Sonntag erster EinsatzFür den Steuerexperten aus Hanau ist die Teilnahme an Olympia „der ganz große Einsatz“. Am Donnerstag flog er nach Rio, von Sonntag bis zum nächsten Donnerstag dauern die Wettkämpfe der Kanuslalom-Fahrer. Einen Tag vor dem Einsatz fahren die Kampfrichter an die Strecke und machen sich mit den Bedingungen ihres Abschnitts vertraut. Dann geht es um die Wurst.Dass ihm einer der Sportler mit dem Paddel die Sonnenbrille von der Nase fegt, wie dies einer Kollegin geschah, und er dann „wegen Blindheit ausgewechselt wird“, kann ihm nicht passieren, scherzt er gut gelaunt am Telefon. Zwei Ersatzbrillen im Gepäck dürften ausreichen, um auf jede Art von Überraschung vorbereitet zu sein.

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