Balance und Körpergefühl sind bei den Bahnradfahrern des RSV Langenselbold gefragt. Das hat Marilena Krauß schnell gemerkt. Foto: Mike Bender

Sport allgemein

Marilena und die Minis: Zu Gast bei den Kunstradfahrern

Kunstradfahren. Für unsere Serie "Marilena und die Minis" besucht Marilena Krauß die kleinsten Sportler in den Vereinen der Region. Beim RSV Langenselbold durfte sie sich im Kunstradfahren probieren.

Von Marilena Krauß

Ich betrete die Halle mit der Einschätzung, die wohlüberlegte Wahl meines T-Shirts, auf dem zwei radfahrende Avocados abgebildet sind, würde meine einzige gelungene Performance im Kunstradtraining sein. Alle Perfektionisten unter uns werden meine defensive Einstellung nachvollziehen können – zu groß ist mein Respekt vor dem Anforderungsprofil beim Kunstradfahren.

In Sekunde eins verschwindet allerdings mein mulmiges Gefühl, weil ich mich durch den freundlichen Austausch mit der deutschen Meisterin im Zweier, Laura Herbert, und Trainerin Sonja Kliehm gedanklich an die Hand genommen fühle.

Aufwärmen mit dem Ball

Beim Warm-Up verstärkt sich mein Gefühl des Ankommens: Ein Spiel mit dem Ball, was hätte mir Besseres passieren können, um mich wohl zu fühlen? Während wir mit Dehn- und Koordinationsübungen beschäftigt sind, beobachte ich mit einem Auge Stefan Herbert, der die Räder gewissenhaft vorbereitet und alle Reifen mit ausreichend Luft befüllt.

Endlich geht es auf die Räder. Lara, Smilla und Max legen direkt los und sind schneller auf der Fahrfläche, als ich schauen kann, denn ich kämpfe noch mit dem Aufsteigen – gar nicht so leicht, mit einer Eins-zu-Eins-Übersetzung, die sowohl Vorwärts- als auch Rückwärtsfahren ermöglicht. Als ich es geschafft habe, kann ich mich vor Selbstironie kaum auf dem Sattel halten. Ich nutze die ersten Minuten auf dem Kunstrad für die Gewöhnung an die Geschwindigkeitsregulation ohne Bremsen und bin beeindruckt von der Harmonie, mit der die Kids im Einklang mit ihrem Sportgerät agieren.

Gelenkt wird mit den Füßen

Nachdem ich meinen Drehwurm überwunden habe, die Übungen werden um einen Kreis fahrend gezeigt, zeigen mir Smilla und Lara das kleine Einmaleins des Kunstradfahrens: Beim Fahren stellen wir uns auf die Dornen, so werden die Auftritte an der Radachse genannt; lenken mit den Füßen; platzieren beide Füße im Rahmen so, dass wir aufstehen können oder nehmen den Damensitz ein, bei dem ein Bein die Pedale verlässt und über den Rahmen auf die gegenüberliegende Seite gestreckt wird.

Bei den kleinen Profis wirkt jede einzelne Übung wahnsinnig elegant. Meine sportliche Leistung orientiert sich grundsätzlich an Vorbildern – ich befürchte meine nächste Fahrt mit dem Rad zum Bahnhof wird anders aussehen, als die bisherigen…

Sicherungsseil schützt vor Stürzen

Der Steiger, den wir in der Mitte des Trainings üben, weckt meinen Ehrgeiz. Dabei ist das Ziel nur mit dem Hinterrad den Boden zu berühren – klingt einfach, ist es aber nicht. Die Sprossenwand gibt mir Stabilität im Stand, die anderen Kinder üben bereits in Bewegung und bekommen Sicherheit durch die Hand der nebenher laufenden Trainerin.

Laura trainiert mittlerweile „am Seil“. Sie trägt einen Brustgurt, der an einem Seil von der Decke kommend befestigt ist, das sie vor Stürzen schützt. Sollte sie bei der Ausführung von Übungen mit hohem Schwierigkeitsgrad die Kontrolle verlieren, fällt nur das Rad zu Boden und sie kommt dank Vorrichtung unversehrt davon. „Stürze mit Verletzungsfolge sind recht selten. Wir lernen direkt zu Beginn, wie wir geschickt abspringen oder richtig fallen können“, berichtet Sonja, die bis vor Kurzem selbst noch international aktiv war.

Schwierigkeit und technische Ausführung werden bewertet

Mit der Musik im Hintergrund macht es große Freude Laura zu beobachten und mit zu fiebern, ob die nächste Übung glückt – ich halte kurz inne und bin ein bisschen aufgeregt, gedanklich abgetaucht in eine Wettkampfsituation, bei der die Wertungsrichter Übungen je nach Schwierigkeitsgrad und technischer Ausführung unterschiedlich hoch bewerten.

Auf dem Weg nach oben hilft vor allem ausgeprägter Ehrgeiz, weiß Sonja aus eigener Erfahrung: „Eine saubere Technik braucht wahnsinnig viele Wiederholungen. Wichtig ist, dass man sich nicht entmutigen lässt, sondern immer weiter übt. Nur so wird man Eins mit dem Rad.“

Trockenübungen an Standrädern

Um Vertrauen in das eigene Können und das Sportgerät zu entwickeln beziehungsweise zu stärken werden immer wieder Trockenübungen an Standrädern durchgeführt. Lara und Smilla demonstrieren mir den Ablauf beim Sattellenkerstand und geben technisch raffinierte Tipps. Stolz, oben angekommen zu sein und den neu gewonnen Blickwinkel genießend, kommt direkt der Hinweis von unten: „Nun stell Dich aufrecht hin und streck vor allem deine Finger!“

Begeistert von der Sportart an sich, der Methodik des Trainings, aber auch der Körperkontrolle und Konzentrationsgabe der Kids verlasse ich unheimlich bereichert und glücklich die Halle.

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