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Legendäres "Boat Race": Tina Christmann startet für Oxford

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Monatelange Vorbereitung: Schon seit September trainieren die Studentinnen der Oxforder Universität für das traditionsreiche Boat Race. Foto: Allmarkone
Monatelange Vorbereitung: Schon seit September trainieren die Studentinnen der Oxforder Universität für das traditionsreiche Boat Race. Foto: Allmarkone

Rudern. Die Aufregung wird ungemein groß sein, wenn Tina Christmann und ihre Mitstreiterinnen am kommenden Sonntag die Geräusche des über ihnen kreisenden Helikopters vom Fernsehsender BBC wahrnehmen, kurz bevor das Startsignal ertönt und die unberechenbarste Wettfahrt des Rudersports beginnt.

Von David Lindenfeld

Die mediale Aufmerksamkeit rund um die Regatta zwischen den Universitäten aus Oxford und Cambridge ist größer als bei jedem anderen Ruderrennen auf der Welt. „Ich glaube, es ist das einzige Rennen, dass auch Leute kennen, die nicht rudern“, sagt Christmann.

Für sie steht am Sonntag das vielleicht größte Rennen ihrer Karriere an. Die 23-jährige Mühlheimerin vom Hanauer Ruderclub Hassia, die derzeit in Oxford studiert, wird Teil des prestigeträchtigsten Ruderrennens der Welt sein: Beim traditionsreichen „Women's Boat Race“ sitzt die Studentin für die Oxforder Universität im Achterboot an Position sieben.

„Das macht das Rennen so besonders“

Es ist der Ablauf des Rennens, der ganz anders ist als der eines üblichen Wettkampfs bei beispielsweise einer Weltmeisterschaft oder Olympia, der die Wettfahrt zwischen den beiden Universitäten so besonders macht. Die meisten Rennen werden nämlich in stehenden Gewässern ausgetragen.

Die Themse, auf der das Rennen stattfindet, fließt hingegen zum Zeitpunkt der Regatta verkehrt herum, da die Strömung wegen der Flut aus der Richtung des Meeres kommt. Die Fließstärke ist viel stärker als das natürliche Gefälle und liegt bei sieben bis acht Stundenkilometern.

„Das macht das Rennen so besonders, aber auch ein bisschen willkürlich“, erklärt Christmann. Die Gefahr, dass sich das Ruder im rauen Gewässer verfängt – im Rudern auch als „to catch a crab“ bekannt – , ist aufgrund der tückischen Wellen durch die Flut ungleich höher als in anderen Rennen und kann jeden treffen.

Hinzu kommt, dass das Rennen rund 6,8 Kilometer lang ist. Die normalen Distanzen bei Wettkämpfen liegen in der Regel bei zwei Kilometern. Zudem gibt es Kurven von bis zu 180 Grad, die die Mannschaften nehmen müssen. „Da kommt es auf die Steuerleute an, die eine gute Linie finden und richtige Ent-scheidungen treffen müssen“, so Christmann.

Das Rennen früh entscheiden

Mit einem klassischen Ruderrennen hat das Boat Race nur wenig gemeinsam. Die Vorbereitung darauf ist deshalb auch eine ganz andere: „Man trainiert anders dafür, weil man sich seine Kräfte besser einteilen muss“, erklärt die HANAUER Sportlerin des Jahres 2014 mit Blick darauf, dass die Strecke 6,8 statt der üblichen zwei Kilometer lang ist. Rhythmus und Schlagzahl sind gänzlich anders. Auch die Herangehensweise unterscheidet sich aufgrund der Distanz von der bei einer normalen Regatta: „Man wirft zu Beginn relativ viel rein, um das Rennen früh zu entscheiden.“

Tina Christmann fiebert dem Rennen entgegen. Foto: Boat Race Company

Ausgewählt wurde Christmann, weil sie seit einiger Zeit ihren Master an der Universität in Oxford im Studiengang „Biologische Vielfalt, Naturschutz und Management“ absolviert und an ihrer Uni zu den besten Ruderinnen zählt.

Seit September trainiert sie gemeinsam mit ihrem Team für die Regatta. „Das ist ein relativ kurzer Zeitraum, um sich auf so ein Rennen vorzubereiten“, merkt die Hassianerin an. Zunächst standen täglich zwei Trainingseinheiten in Oxford an, zusätzlich fuhr das Team jedes zweite Wochenende nach London zum Training auf der Themse. In den vergangenen beiden Wochen ging es jedoch jeden Tag im Achter auf das Wasser in London.

Keine international erfahrenen Ruderinnen bei Oxford

Von den acht Ruderinnen im Boot ist sie die einzige, die auf eine professionelle Vergangenheit zurückblicken kann. Die 23-Jährige fuhr bis vor geraumer Zeit noch für die deutsche Nationalmannschaft, gewann im Vierer 2017 Bronze bei der U23-WM, ehe sie ihre Karriere und damit auch den Traum von Olympia 2020 wegen anhaltender Rückenbeschwerden und zu Gunsten ihres Studiums aufgab.

Mit ihrer Universität will sie sich in diesem Jahr für das Debakel aus dem vergangenen Jahr revanchieren, als die Cambridge University sieben Boot-Längen vor Oxford ins Ziel kam und den Vorsprung bei den Frauen damit auf 43:30 Siege ausbaute. Christmann erklärt die bittere Niederlage damit, dass im Cambridge-Boot sechs international erfahrene Ruderinnen saßen – im Oxford-Boot hingegen keine einzige.

„Die Chance, das Rennen zu gewinnen, ist da“

Die Rollen sind aus ihrer Sicht auch in diesem Jahr klar verteilt: „Wir sind die Underdogs. Der Druck auf Cambridge ist höher“, sagt Christmann, die sich sicher ist, dass das Rennen am Sonntag knapp wird. Das hat man schon bei den Testrennen der vergangenen Wochen gesehen: „Die Chance, das Rennen zu gewinnen, ist da“, sagt die Mühlheimerin, die in der Vorbereitung gut mit ihrem Team zusammengefunden hat und es nun kaum erwarten kann, dass das Rennen endlich beginnt: „Die sportliche Leistung bei einer WM ist natürlich höher, da dort nur Profi-Athleten dabei sind. Das Boat Race in London ist aber trotzdem viel größer als eine Weltmeisterschaft.“

Oxford vs. Cambridge – Traditionsrennen Boat Race seit 1856Jährlich ausgetragen wird die Regatta zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge bei den Männern schon seit 1856. Die Rivalität zwischen beiden Unis ist auch deshalb riesig. Bei den Frauen fand das Rennen im Jahr 1936 erstmals statt und wird seit 1964 ebenfalls jährlich veranstaltet. Aufgrund der langen Tradition ranken sich viele Geschichten um das „Boat Race“, wie zum Beispiel das Unentschieden bei den Männern im Jahr 1877, welches als totes Rennen in die Historie eingegangen ist – das wohl einzige dieser Art im Rudersport. Mehrmals sind die Boote aufgrund der rauen Verhältnisse sogar schon untergegangen. Seit einigen Jahren gibt es deshalb Pumpen in den beiden Achtern, die das verhindern sollen.

dli

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