Kennen Nico Kurz schon von klein auf: Sascha Hartmann (links) und Marcus Behnsen (blaues Shirt) sind im Gespräch mit Reporter Von Nils Moock (rechts) von der Entwicklung des jungen Ostheimers begeistert. Foto: TAP

Nidderau

Kurz hält Ostheimer Märchen am Leben - Familie und Freunde jubeln

Nidderau. Der Ostheimer Nico Kurz hat in der zweiten Runde der Darts-WM in London den Engländer Joe Cullen mit 3:1 besiegt. Nach dem Erfolg gegen die Nummer 15 der Welt steht der 22-Jährige nun in der dritten Runde. Auch in seinem Heimatort Ostheim lagen die Nerven blank. im Schützenhaus wurde gezittert, angefeuert und gejubelt.

Von Nils Moock

Im Schützenhaus tragen die Dart Haie, denen auch Nico Kurz angehört, ihre Spiele aus. 2019 feierten die Dart Haie die deutsche Meisterschaft. Seit 1987 ist Nico Kurz' Vater Holger Kapitän des Teams.

Erst spät begann Nico Kurz, sich für Darts zu interessieren und eine Leidenschaft dafür zu entwickeln. Und das obwohl sowohl sein Vater als auch seine Mutter Sabine sehr erfolgreiche E-Dartsspieler waren. Zunächst spielte ihr Sohn lieber Fußball. Noch heute ist er beim FC Karben gemeldet. Bis vor Kurzem kickte er dort in der zweiten Mannschaft in der Kreisliga B. „Erst mit 15, 16 Jahren entwickelte er ein Grundinteresse am Darts. Er hat dann auch schnell begriffen, dass er ein gewisses Talent für das Pfeile werfen hat“, erinnerte sich Sascha Hartmann, Wirt des Schützenhauses.

Eine neue Welt

Wenige Jahre später steht Nico Kurz nun auf der Bühne des legendären Alexandra Palace in London und spielt dort gegen die besten seiner Zunft. Eine ganz neue Welt für den 22-jährigen Industriemechaniker, der sich im „Ally Pally“ von den rund 3000 trinkfreudigen und lauten Zuschauern in seinem Rücken überhaupt nicht aus dem Konzept bringen lässt. Im Gegensatz zu den meisten seiner Konkurrenten bei diesem großen Spektakel in der englischen Hauptstadt ist das Darts spielen für Kurz noch ein Hobby. Hauptberuflich arbeitet er als Industriemechaniker bei den Stadtwerken Hanau.

Marcus Behnsen, ein enger Freund der Familie Kurz, ist sich sicher, dass das sogar ein Teil seines Erfolgs ist: „Nico genießt die Situation aktuell einfach. Tagsüber geht er seiner Arbeit, die er liebt, nach. Abends treffen wir uns dann alle hier in der Kneipe, trainieren und haben Spaß. Das ist seine Abwechslung. Er sieht im Darts immer noch ein Hobby, einen Ausgleich. Ich glaube auch, dass er nach der WM so weitermacht: tagsüber Arbeit und abends Spaß am Darts.“ Seine Bodenständigkeit und Gelassenheit heben sie besonders hervor.

Auch Sascha Hartmann bezweifelt, dass die WM Nico Kurz verändern könnte: „Er ist ein ganz normaler Mensch. Starallüren hat er sowieso nicht. Der Junge hat einfach Spaß am Spiel und sieht das alles nicht so verkniffen. Er hat überhaupt keinen Druck. Nach der WM wird er sein bescheidenes Leben, das ihm gefällt, genau so weiterleben.“

Kurz gilt als Überraschung

Dass der junge Ostheimer so eine Weltmeisterschaft spielen würde, damit hat wohl niemand gerechnet. „Die Presse hat ihn klein gehalten. Immerhin hat er in der Superleague-Qualifikation den ersten Platz gemacht, als erster Deutscher das Endturnier gewonnen und sich damit für London qualifiziert. Daher ist es für mich weniger überraschend. Sein Potenzial ist brutal“, so Sascha Hartmann.

Auch vor dem Match vergangenen Freitag war er sich sicher, dass Nico Kurz den Engländer Joe Cullen besiegen würde. Und er sollte Recht behalten. Gebannt schauten die Dart Haie im Schützenhaus in Ostheim Richtung Fernseher. Vor jedem Wurf ihres Shootingstars stieg die Anspannung. Gute Würfe wurden frenetisch gefeiert. Bei weniger guten sprachen die Ostheimer sprachen ihrem Liebling Mut zu, als ob er sie in London hören könnte. Stolz und euphorisch analysierten sie jeden seiner Würfe. Als Nico Kurz die Sensation perfekt machte, brach in seiner in seiner Stammkneipe Ekstase aus. Ein Hauch „Ally Pally“ zog durch das Schützenhaus.

Marcus Behnsen konnte es kaum fassen: „Ich kann mich noch an seine Anfänge erinnern. Nico war damals vier Jahre alt. Sein Vater und ich spielten Darts auf eine große Scheibe. Nico war ein paar Meter nebenan und warf mit Gummipfeilen auf eine kleine Dartscheibe, die auf einem Stuhl stand. Getroffen hat er damals nicht wirklich. Und jetzt? Jetzt spielt er bei der WM und gewinnt ein Match nach dem anderen. Ich begreife das nicht. Das ist alles so surreal.“ Währenddessen gab Nico Kurz in London zu Protokoll: „Grüße ins Schützenhaus nach Hause. Die nächste Runde geht auf mich!“

Papa mit breiten Grinsen

Zehn Minuten nachdem der 22-Jährige die Bühne im Ally Pally als Gewinner verlassen hatte, betrat sein Papa mit einem breiten Grinsen das Schützenhaus. Von allen Seiten bekam Holger Kurz Glückwünsche zugesprochen. Er sei zu aufgeregt gewesen, als dass er das Spiel in der Kneipe hätte schauen können. Er habe seine Ruhe gebraucht.

Mit den Nerven war er sichtlich am Ende: „Ich habe keinen Puls mehr. Ich bin froh, dass das Spiel rum ist. Jetzt kann ich mich beruhigen und einfach feiern. Vor zwölf geht hier niemand heim“, brach es in Feierlaune aus ihm heraus. Er sei nicht mit nach London gereist, weil er wisse, dass er seinen Sohn nur verrückt gemacht hätte. Er brauche ein ruhiges Umfeld, das ihm in seiner Freizeit Abwechslung bietet. Deshalb sind seine zwei besten Freunde und die Freundin dabei.

Seinem Sohn traut er nach diesem Abend alles zu: „Die ganze Region steht hinter ihm. Er hat ein unglaubliches Selbstvertrauen. Wenn er weiterhin so einen Average spielt, ist alles drin.“

Im Schützenhaus werden ihn die Dart Haie auf jeden Fall weiter anfeuern. Das Ostheimer Märchen erhält morgen (13.40 Uhr, Sport 1) seine Fortsetzung, dann bestreitet Nico Kurz sein Drittrunden-Spiel gegen den Engländer Luke Humphries.

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