Lilly Andres hat es mit ihrer Partnerin geschafft und die Goldmedaille bei der Doppel-Weltmeisterschaft im Tischfußball gewonnen. Foto: privat

Tischfußball

Großauheimerin Lilly Andres ist Weltmeisterin im Tischkickern

Tischfußball. Was für viele nur eine Nebenbeschäftigung in der Kneipe darstellt, ist für „Longshot-Lilly“ längst zum Beruf geworden. Hinter dem klangvollen Künstlernamen verbirgt sich Lilly Andres, die seit zwei Jahren in Großauheim wohnt und ihr Geld mit Tischfußball verdient.

David LindenfeldDie fünffache Weltmeisterin arbeitet bei einer Tischkicker-Eventfirma, gehört seit Jahren zu den Aushängeschildern der deutschen Frauen-Tischfußball-Nationalmannschaft und ist regelmäßig in Fernsehbeiträgen oder Shows zu sehen – und das, obwohl sie 20 Jahre lang in ihrem Leben mit dem Sport überhaupt nichts anfangen konnte.

„Als Kind fand ich Kickern total blöd“, sagt Andres heute. Ihr Vater habe eines Tages ei-nen alten Tisch angeschleppt, an dem die Weltmeisterin zu-nächst nur damit beschäftigt war, „wild an den Stangen zu drehen.“

Die Lust am Spiel, das überall auf der Welt in und außerhalb von Kneipen große Popularität genießt, ging schnell verloren. Erst im Alter von 20 Jahren folgte der zweite Anlauf, zu dem Andres von drei Freunden, die gerne ein Doppel spielen wollten, überredet worden war. „Ich habe erstmal gesagt: Ich hasse Kickern, lasst mich in Ruhe damit“, erinnert sich die 35-Jährige lachend. Letztlich ließ sie sich doch überzeugen, entdeckte den Konzentrations- und Präzisionssport für sich und feilte fortan an ihrer Technik.

Erste soziale Kontakte in Berlin

Kurze Zeit später zog Andres nach Berlin, knüpfte dort über das Kickern in Kneipen ihre ersten sozialen Kontakte nach dem Umzug und wurde immer besser. Ein Bekannter nahm sie eines Tages mit in die sogenannte Sahara-Bar, wo sich damals jeden Dienstag die besten Spieler aus Berlin versammelten. „Ich hielt mich damals schon für gut. Mittlerweile weiß ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt gar nichts konnte“, so Andres. Ihre ersten Partien verlor sie 0:6 und 2:6. Am Ball blieb sie trotzdem.

Schon bald darauf gründete sich eine Kneipenliga, an der Andres teilnahm und aus der schließlich der Berliner Tisch-fußballverband hervorging. Andres spielte immer mehr Turniere, steigerte sich und wurde 2006 erstmals zur Nationalmannschaft eingeladen – nur drei Jahre nachdem sie mit dem Sport begonnen hatte. Große Erfolge ließen nicht lange auf sich warten.

Inzwischen wurde sie schon so oft deutsche Einzelmeisterin, dass sie gar nicht mehr auf dem Schirm hat, wie viele Titel sie bereits gewonnen hat. „Ich bin aber auch niemand, der darüber Buch führt“, sagte die bescheiden wirkende Tischfußballerin. Mit ihrer Berliner Mannschaft holte sie schon acht Mal den deutschen Meistertitel.

In den Jahren 2009, 2012 und 2013 wurde sie Weltmeisterin mit der Frauen-Nationalmannschaft. 2010 und bei der WM, die vor kurzem in Spanien stattfand, wurde sie Weltmeisterin im Doppel. Nur der Einzeltitel fehlt in ihrer Sammlung noch. 2013 verpasste Andres diesen im Finale knapp und wurde Vizeweltmeisterin. „Das ist der einzige Titel, der mir noch fehlt. Das könnte bei der nächsten WM in zwei Jahren in Frankreich klappen.

Einladungen in Fernsehshows

Aufgrund ihrer großen Erfolge wurde Andres schon oft in Fernsehshows eingeladen oder war in diversen TV-Beiträgen zu sehen. Dabei muss die 35-Jährige meist auch ihren Spitznamen erklären, den sie nach mehreren vergeblichen Anläufen inzwischen auch als Künstlernamen in ihrem Personalausweis eingetragen bekommen hat: In der Szene kennt sie jeder als „Longshot-Lilly“.

Der Name stammt von einem bestimmten Schuss, bei dem der Ball vom kurzen Pfosten als Ausgangspunkt mit der Spielerfigur in die Mitte gezogen und anschließend in die lange Ecke geschossen wird – eine Technik, die die gebürtige Mainzerin schon früh nahezu perfekt beherrschte. Eine Berliner Legende aus der Sahara-Bar gab ihr deshalb den Namen, unter dem sie seitdem jeder kennt.

Kickern ist quasi von jetzt auf gleich zur großen Leidenschaft der 35-Jährigen geworden, die sie vor knapp zehn Jahren zu ihrem Beruf gemacht hat. Gemeinsam mit Johannes Kirsch baute Andres die Firma Kivent auf und entwickelte ein Konzept, um rund um den Tischfußball Events zu organisieren, zu denen neben Turnieren beispielsweise auch Veranstaltungen für Firmen zählen. Seit kurzem bietet Kivent auch eine Kickerschule mit kostenlosen Lernvideos im Internet an. Teil eins des Lernpakets umfasst die Grundlagen des Sports und beinhaltet 24 Lektionen mit meist zwei- bis dreiminütigen Videos.

Kostenfreie Videos aus einem Grund

Dass die Videos kostenfrei sind, hat einen bestimmten Grund: „Das große Traumziel von mir ist es, dass Kickern irgendwann olympisch wird und ich eine Goldmedaille gewinne“, sagt Andres. Bei der Global Association of International Sports Federations, der Dachorganisation der weltweiten Sportverbände, genießt Tischfußball aktuell Beobachterstatus. Der Sport muss deshalb auch Auflagen des Deutschen Olympischen Sportbund erfüllen, um als Sportart anerkannt zu werden.

„Dafür brauchen wir zum Beispiel eine gewisse Anzahl an Spielern und Jugendspielern in unseren Strukturen“, erklärt die Tischfußballerin: „Es gibt so viele Menschen, die Kickern toll finden und regelmäßig spielen, aber nicht in unseren Strukturen auftauchen.“ Das will Andes ändern – unter anderem auch mit ihrer Kickerschule.

Ein Ende ihrer Karriere sei noch lange nicht in Sicht, da man auch im fortgeschrittenen Alter noch Kickern könne, betont die 35-Jährige. Für sie bleibt somit also noch genug Zeit, um den Weltmeistertitel im Einzel zu gewinnen – und vielleicht geht ja auch der Traum von Olympia noch in Erfüllung für „Longshot-Lilly“, die es in kürzester Zeit von den Kneipen Berlins in die internationale Weltspitze geschafft hat, aber noch nicht am Ziel ist.

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