Hat seine Sporttasche gepackt und die Kabine verlassen: Marcel Hedderich lässt sein Amt als Spielertrainer des Gelnhäuser Fußball-Kreisoberligisten Viktoria Neuenhaßlau derzeit ruhen.
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Hat seine Sporttasche gepackt und die Kabine verlassen: Marcel Hedderich lässt sein Amt als Spielertrainer des Gelnhäuser Fußball-Kreisoberligisten Viktoria Neuenhaßlau derzeit ruhen.

Kein Training, kein Wettkampf

Wegen drohender Quarantäne: Fußballer zieht drastische Konsequenzen

  • vonDavid Lindenfeld
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Langenselbold/Hasselroth – Als Vorkämpfer sieht sich Marcel Hedderich nicht. „Ich wollte keine Revolte starten“, sagt der in Langenselbold wohnhafte Fußball-Spielertrainer von Viktoria Neuenhaßlau, der sich vor rund dreieinhalb Wochen entschied, auf das Training und den sonntäglichen Kick unter Wettkampfbedingungen zu verzichten.

Zu seiner Mannschaft hatte er seitdem keinen direkten Kontakt mehr. Der Grund? Keine Angst vor dem Infektionsrisiko, sondern vielmehr vor der drohenden Quarantäne und den daraus resultierenden Konsequenzen für seine berufliche Zukunft und die seiner Spieler.

Corona: Widerstand der Fußballvereine nimmt zu

Vor knapp vier Wochen war der 35-Jährige noch ein Einzelfall – einer von Tausenden Amateurkickern in Hessen, der das in der Pandemie aus seiner Sicht zum gefährlichen Spiel gewordene Elf gegen Elf nicht mehr mitspielen wollte. Inzwischen hat bei einigen Klubs und Spielern ein Umdenken eingesetzt: Im Fußballkreis Gelnhausen formiert sich ein Widerstand. „Es gibt jetzt mehrere Vereine, die sagen: Wir wollen nicht mehr. Es geht nicht mehr“, sagt Hedderich.

Ihm ging es bei der Entscheidung vor allem um die Auswirkungen, die eine Quarantäne auf sein Berufsleben hätte, erklärt der Langenselbolder, der als Abteilungsleiter eines Frankfurter Bauunternehmens und freiberuflich als Sachverständiger tätig ist. Und um die Verantwortung, die er gegenüber seinen Spielern trägt: „Ich kann es nicht verantworten, dass ich möglicherweise der positive Corona-Fall bin, die ganze Mannschaft in Quarantäne muss und die Jungs dann ihren Job verlieren oder ihre wichtige Prüfung an der Uni nicht schreiben können.“

Corona-Quarantäne: Amateurfußballer befürchten Konsequenzen für den Job

Gerade viele jüngere Spieler unterschätzen Hedderich zufolge, welche Konsequenzen ein zweiwöchiger Ausfall auf der Arbeit für sie haben könnte – vor allem dann, wenn sich dieser im Laufe der Saison wiederhole: „Die merken das erst, wenn es so weit ist.“

Und beinahe wäre es dazu schon gekommen. Vor knapp zwei Wochen brachte eine seiner beiden Töchter aus dem Kindergarten die Grippe mit nach Hause. Das Gesundheitsamt verordnete der Familie wegen Coronaverdachts eine Quarantäne. Der Test fiel negativ aus. Eine Woche mussten Hedderich, seine Frau und die Kinder trotzdem zu Hause bleiben.

Fußballverein aus Kreis Gelnhausen gerät Bundesweite Schlagzeilen

Wäre er zu diesem Zeitpunkt noch als Spielertrainer aktiv gewesen und positiv auf das Virus getestet worden, hätte auch die Mannschaft in Quarantäne gemusst. Andernorts ist das schon passiert: Weil der VfR Meerholz am Spieltag des 6. September mit mindestens einem Spieler antrat, der sich nach Erkenntnissen des Gesundheitsamts wohl schon einige Tage zuvor mit dem Coronavirus angesteckt hatte, mussten vier Mannschaften und insgesamt 70 Kontaktpersonen in häusliche Isolation.

Der Fall geriet bundesweit in die Schlagzeilen. Für die aufgrund der steigenden Infektionszahlen ohnehin schon gut beschäftigten Behörden bedeutete das einen immensen Recherche-Aufwand, um die Infektionsketten und mögliche Übertragungswege nachzuvollziehen.

Fußballer fordern Änderung der Quarantäne-Regelungen

Im Kreis Gelnhausen hat sich um Hedderich nun eine Interessengemeinschaft aus sechs Mannschaften zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es nicht, eine Aussetzung der Saison zu erreichen, sondern vielmehr die Quarantäne-Regeln zu ändern, sagt Hedderich: Weg von einer pauschalen Quarantäne-Bestimmung – hin zu einer differenzierteren Betrachtung von Einzelfällen und direktem Kontakt.

„Wir wollen niemanden unter Druck setzen, sondern in einen Dialog treten und über die Quarantäne-Regelung sprechen. Wenn man daran nichts rütteln kann, wird es schwer, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, weil immer mehr Spieler dann nicht mehr spielen werden.“

Corona: Zahlreiche Fußballer wollen nicht mehr spielen

Im Kreis Gelnhausen hätten sich unter den aktuellen Bedingungen schon einige dafür entschieden, nicht mehr aufzulaufen: „Die Zahl derjenigen, die nicht mehr spielen wollen, ist so hoch, dass manche Klubs fast schon nicht mehr am Spielgeschehen teilnehmen können“, sagt Hedderich, der aber keine genauen Zahlen nennen will, weil die betroffenen Vereine dies intern mit Verband und Klassenleiter besprechen wollen. Er ist inzwischen davon überzeugt, dass der Fußball mit den aktuell geltenden Regelungen zu früh wieder mit dem Wettkampfsport begonnen habe: „Alle verschieben den Saisonstart, nur der Fußball nicht.

Überall dort, wo Fälle aufgetreten sind, gab es ein böses Erwachen, weil vielen erst dann klar wurde, was das nach sich zieht.“ Der Präsident des Hessischen Fußball-Verbands (HFV), Stefan Reuß, hatte in einem zum Ende der vergangenen Woche veröffentlichten Interview angemerkt, dass die „überwiegende Mehrheit der Vereine möchte, dass wieder gespielt wird“. Das überrascht Hedderich nicht, da den Klubs Sanktionen und unliebsame Folgen drohen, falls sie nicht antreten: Wer nicht mitspielt, steige ab und laufe Gefahr, seine Spieler zu verlieren.

Fußballer richten Vorwürfe gegen Verband

„Dass eine Mehrheit der Vereine spielen will, basiert auf einer Umfrage, die weiter zurückliegt. Mittlerweile ist ein Umdenken da, weil immer mehr Klubs nun sehen, welche Konsequenzen eine Quarantäne haben kann“, sagt Hedderich.

Vor diesen Folgen verschließe der Verband aber die Augen: „Ich wäre echt sprachlos, wenn der Verband das weiterhin ignoriert. In dieser Zeit ist es wichtig, neue Erkenntnisse schnell einfließen zu lassen und flexibler zu werden. Vor allem mit Blick auf die Schlechtwetterperiode und die Grippewelle, die bald auf uns zu kommen.“

Corona im Amateurfußball: Wie viel Normalität ist vertretbar?

Wie in fast allen Bereichen der Gesellschaft stellt sich auch im Amateurfußball die Frage, wie viel Normalität wir uns erlauben können? Den in weiten Teilen der Bevölkerung während des Sommers immer lauter gewordenen Ruf nach Schritten zurück hatten auch die Verantwortlichen des Hessischen Fußball-Verbands vernommen, als sie sich Gedanken über die neue Saison machten. Viele haben etwas davon, wenn wieder gespielt werden kann: der Verband, die Klubs, die Spieler. Doch ist der Preis vielleicht zu hoch?

Hedderich hat seine Entscheidung längst gefällt. Die Spiele seiner Mannschaft, die in der vergangenen Saison endlich den Aufstieg in die Kreisoberliga Gelnhausen geschafft hat, verfolgt er aus dem im Hygienekonzept des HFV als zweite Zone deklarierten Bereich – also nicht mehr direkt vom Spielfeldrand auf der Trainerbank, sondern hinter der Barriere. Die Ansprache an seine Mannschaft hält er vor dem Sportgelände mit dem nötigen Abstand. „Und so lange es bei den Quarantäne-Regelungen bleibt“, sagt Hedderich, „wird sich daran nichts ändern.“

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