Kein Fan: SG Bruchköbels Keeper Mike Bätz wäre über eine Abschaffung der Regel nicht traurig.
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Kein Fan: SG Bruchköbels Keeper Mike Bätz wäre über eine Abschaffung der Regel nicht traurig.

Handball

Umstrittene Regel beim Handball: Was sagen die heimischen Trainer zum siebten Feldspieler?

  • vonRobert Giese
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Vier Jahre ist es her, seitdem im Handball mit einer Regeländerung der Torwart zugunsten eines zusätzlichen Feldspielers ausgewechselt werden kann – sei es, um in Unterzahl für Gleichzahl auf dem Feld zu sorgen oder um mit einer Überzahl im Angriff für zusätzlichen Druck zu sorgen. Die Regel ist nach wie vor derart umstritten, dass der Internationale Handballverband (IHF) diese nun unter die Lupe nimmt. Was sagen die heimischen Trainer dazu?

Hanau – Diese Regel zum siebten Feldspieler sorgt seit ihrer Einführung für Kontroversen und könnte auch wieder zurückgenommen werden. Denn in einer Umfrage des Fachmagazins „Handballwoche“ unter 38 internationalen Top-Trainern im Männer- und Frauenbereich votierte die große Mehrheit für die Abschaffung der Regel. Und diese Aussage ist beim IHF angekommen. „Wir sind mitten in der Diskussion“, sagte Dietrich Späte dem „Deutschlandfunk“. Der Verband überdenkt die Regel. Wir haben uns bei Trainern und Spielern in der Region umgehört, wie sie zu diesem taktischen Mittel stehen.

Hin- und hergerissen ist Oliver Lücke, der mit der HSG Hanau in der 3. Liga regelmäßig mit dem siebten Feldspieler konfrontiert ist – zumindest in Unterzahl hat es sich mittlerweile bei praktisch allen Drittligisten als Standard etabliert, den Torwart im Angriff auszuwechseln. Doch auch abseits davon biete diese Regel „ein großes taktisches Repertoire“, wie Lücke betont – und an die Partie der Hanauer gegen die zweite Mannschaft der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen erinnert, bei der Lücke die extrem offensive Abwehr des Gegners durch die Hereinnahme eines zusätzlichen Feldspielers konterte.

Trainer der HSG Hanau würde die Regel vermissen

Oliver Lücke ist Coach der HSG Hanau,

„Als Trainer würde ich es daher vermissen, wenn die Regel abgeschafft würde“, so der HSG-Coach, „aber für die Zuschauer wäre es vermutlich besser, wenn sie wieder zurückgenommen würde.“ Würfe ins leere Tor, wie sie seit der Regeländerung immer wieder einmal vorkommen, gehörten dann der Vergangenheit an, und ganz allgemein „ist es für die Fans viel attraktiver, wenn beim Handball sechs gegen sechs spielen, deshalb könnte ich mit der Abschaffung dieser Regel leben.“

Torwart-Routinier Max Tefarikis, der in der kommenden Saison beim Landeliga-Aufsteiger TGS Niederrodenbach zwischen den Pfosten stehen wird, ist bei diesem Thema ebenfalls zwiegespalten: „Taktisch ist das ein starkes Element, es kann aber auch stark in die Hose gehen“, verweist der Schlussmann auf die Risiken dieser Taktik. Torhüter wie er seien dabei aber das kleinste Problem, „denn wir müssen ja einfach nur so schnell wie möglich rennen, auch wenn“, wie Tefarikis ergänzt, „18-Meter-Sprints für uns früher eher unüblich waren.“ Knackpunkt beim Einsatz des siebten Feldspielers sei vielmehr das Zusammenspiel im gesamten Team, „und da gibt es nicht so viele Mannschaften, bei denen das rund läuft.“

Für die Spielentwicklung sei Regeländerung wohl nicht förderlich

Als Gefahr sieht der erfahrene Torwart, dass der Handball durch einen zusätzlichen Spieler auf dem Platz statischer und langsamer wird. „Da ist dann auf dem Spielfeld weniger Platz, was dazu führen kann, dass wir wieder einen Handball wie in den Achtzigern oder Neunzigern bekommen“, gibt Tefarikis zu bedenken, „für das Spielverständnis junger Spieler, die ja eigentlich lernen sollen, auf die Lücken zu stoßen, ist das möglicherweise nicht förderlich.“ Ob der Einsatz des siebten Feldspielers auch für die Niederrodenbacher eine ernsthafte Option sei, konnte deren neuer Torhüter nicht sagen – wegen der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie standen bei deren Saisonvorbereitung bisher Kondition und Athletik im Vordergrund und nicht derartige taktische Finessen.

Kein Freund des siebten Feldspielers ist hingegen Mike Bätz, der Schlussmann von Oberligist SG Bruchköbel. „Ich wäre nicht traurig, wenn sie das wieder abschaffen“, meinte Bätz, „denn durch den Wechsel geht im Angriff viel Tempo verloren, weil man sich erst einmal neu sortieren muss – und ich bin für schnellen Handball mit sechs gegen sechs.“ Für Bätz selbst hätte eine Regeländerung aber keine allzu großen Auswirkungen, denn bei der SGB „ist der siebte Feldspieler ohnehin nicht so ein großes Thema.“

Stefan Wagner ist ein Freund der Regel

Stefan Wagner ist Trainer des TV Langeselbold

Positiv steht der vor vier Jahren eingeführten Regel derweil Stefan Wagner gegenüber, der die Landesliga-Handballerinnen des TV Langenselbold trainiert: „Die Regel führt zu neuen taktischen Optionen, weshalb ich das sehr spannend finde.“

Die Umstellung sei anfangs zwar gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen rechne man damit, dass dieses taktische Mittel zum Einsatz kommen könnte – auch wenn die Landesliga-Konkurrenz der Langenselbolderinnen es bisher praktisch nicht eingesetzt habe. „Es braucht Spielerinnen mit bestimmten Voraussetzungen, um das gut zu spielen“, verweist Wagner auf die Tücken dieses taktischen Mittels, als Option für den TVL will er es sich für die Zukunft dennoch offenhalten.

Die Rolle des siebten Feldspielers bedürfe viel Trainings

Keine große Rolle spielt der siebte Feldspieler nach Ansicht von Erik Bechtold und Max Herrmann, dem Trainerduo des Männerteams des TV Langenselbold, in den unteren Ligen. „Das braucht viel Training, damit es nicht schief läuft“, betonen beide, und dieser Aufwand rechne sich nicht. Das TVL-Trainergespann steht der Regel ablehnend gegenüber, „weil eine Zeitstrafe dadurch leichter kompensiert werden kann. Wir denken aber, dass eine harte, aber faire Abwehr belohnt werden sollte“, so Bechtold und Herrmann, die bei ihrem Team auch keine Pläne haben, vom siebten Feldspieler Gebrauch zu machen.

Auf die Entwertung von Zeitstrafen weist auch Norbert Wess hin, der beim Neu-Oberligisten HSG Hanau II auf der Trainerbank sitzt. „Eine Zeitstrafe ist dadurch kein so großer Nachteil mehr, weil ein Team seine Unterzahl im Angriff ausgleichen kann und dann oft die Zeit herunterspielt. Die Mannschaft in Unterzahl kommt dadurch häufig zu leicht davon – auch wenn die Regel zum Zeitspiel dabei das größere Problem ist als der zusätzliche Feldspieler.“ Wess sei nie ein Freund dieser Regel gewesen und auch wenn er zusätzliche taktische Mittel schätze, so „hat das Spiel dadurch doch einen anderen Charakter bekommen, das ist eher wie Schach. Wenn die Regel wieder abgeschafft würde, wäre ich also nicht böse drum.“

Norbert Wess trainiert die zweite Mannschaft der HSG Hanau

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