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Stefan Bahn ist Sportkreisvorsitzender

„Komplett die Bodenhaftung verloren“

Sportkreisvorsitzender Stefan Bahn wettert gegen den Profi-Fußball und sieht die heimischen Vereine gut aufgestellt

Die Corona-Krise hat den kompletten Lokalsport lahmgelegt. Der Vorsitzende des Sportkreises Stefan Bahn spricht über...

. . . die Situation in kleineren Vereinen mit nur einer Abteilung 

Hier kennt man sich, der Sport ist Hobby – einfach eine Nebensache. Es gibt keine Vereinsaustritte, kaum feste Kosten – alle warten auf das Ende der Pandemie, um sich wieder zu treffen und dem Sport nachzugehen, notfalls dann im Herbst. Hier ist alles entspannt, bis auf manche Regelungen wegen Auf- oder Abstieg. Aber auch das ist hier für die Sportler nicht wirklich entscheidend. Natürlich fehlen die Bewegung und die sozialen Kontakte.

 

. . . die Situation in größeren Vereinen

 In den Geschäftsstellen laufen bereits die Planungen für den Herbst und das Jahr 2021 in der Hoffnung, dass dann das Vereinsleben wieder reaktiviert werden kann. Da weiterhin die Mitgliedsbeiträge bezahlt werden, sind die Fixkosten für die Vereine bestreitbar – meistens gibt es hier auch ein finanzielles Polster – die Vereine haben in der Vergangenheit gut gewirtschaftet – das kommt ihnen jetzt zupass.

 

. . . die Probleme im Sportkreis

 Da sind die Freizeitsportler, denen die Bewegung fehlt und natürlich die sozialen Kontakte. Vor großen Problemen stehen die Übungsleiter. Da die Sportstunden ausfallen müssen, können diese nicht wie gewohnt als Trainer tätig sein. Hier gibt es hauptberufliche und nebenberufliche, denen alle Einnahmen weggebrochen sind. Auch Studenten finanzieren sich ihr Studium. Hier sind viele am Verzweifeln. Natürlich brechen den Vereinen auch Einnahmen aus Eintritts- und Startgeldern sowie dem Essens- und Getränkeverkauf weg – aber wie ich die ideenreichen und erfahrenen Engagierten in den Vereinen kenne, lassen sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen.

 

. . . die Absagen aller Veranstaltungen bis Ende August

 Dazu gibt es keine Alternative. Das trifft ja nicht nur die Ligen, sondern auch allen anderen Wettkämpfe, wie Volksläufe, Triathlon-Veranstaltungen, Sportschauen. Teilweise wurde schon viel Herzblut der Organisatoren in die Veranstaltungen investiert. Ich wünsche allen, dass die Durchführung zu einem späteren Zeitpunkt möglich ist.

 

. . . Hilfe der Landesregierung für Vereine

 Bis zu 10 000 Euro können von jedem Verein angefordert werden. Dieses wurde auch schon von den ersten Vereinen im Kreis beantragt. Wenn man eigene Sportanlagen unterhält und nun keine Einnahmen dagegenstehen, ist das eine notwendige Unterstützung und hilft an der richtigen Stelle.

 

. . .  Ausnahmen für Spitzensportler: 

Über alle Sportarten hinweg betrifft dies in Hessen zirka 370 Bundeskaderathleten. Schon aus gesundheitlichen Gründen können unsere Spitzensportler nicht dauerhaft von 100 auf null gesetzt werden. Wer seit zehn Jahren wöchentlich 40 Stunden trainiert, liegt nach sechs Wochen Couch im Krankenhaus. Spitzensportler müssen nach ihrem Karriereende teils jahrelang abtrainieren. Deshalb findet im Spitzensport wieder in geringeren Umfang als sonst und unter strengen Hygieneauflagen alleine oder in Kleingruppen von maximal fünf Sportlern ein Grundlagentraining statt.

 

. . . die Trainingserlaubnis für Profifußballer: 

Das erschließt sich mir überhaupt nicht. Anscheinend haben die Vereine/Unternehmen der Fußball-Bundesliga komplett die Bodenhaftung verloren. Sehen Sie sich die Ruderer auf dem Main an – aktuell ja nicht, aber wenn sie wieder dürfen: beim Einer alleine im Boot – aber aufgrund von Corona aktuell verboten. Dies ist auch bei den Sportvereinen ein großes Thema, sehr viele Engagierte in den Vereinen haben hier überhaupt kein Verständnis. . . . die Ängste der Profivereine, sie könnten die Krise nicht überstehen: Meiner Meinung nach sind die Fußball-Bundesligisten keine Sportvereine, sondern Wirtschaftsunternehmen, die aktuell unter dem Deckmäntelchen des Sports handeln. Hier sollte endlich ein klarer Schlussstrich gezogen werden. Ich verstehe nicht, warum solche Wirtschaftsunternehmen vom Staat alimentiert werden, zum Beispiel werden die Kosten für die Sicherheit der Ligaspiele von den einzelnen Ländern getragen. Wenn ich lese, dass DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge davon spricht, dass bei den Profivereinen das Licht ausgeht, wenn sie mehr in die Berufsgenossenschaft einzahlen müssen, die immerhin die Profisportler versichert, stellt sich mir die Frage, ob die Bezahlung der Angestellten (Fußballer) des Vereins richtig dotiert ist.

 

. . . die Situation der Fußballvereine im Sportkreis: 

Die müssen häufig die Suppe ausbaden. Allerdings verstehe ich auch nicht, warum in unteren Klassen Sportler Aufwandsentschädigungen erhalten, nicht nur im Fußball. Wenn ein Verein Probleme bekommt, diese Aufwandspauschalen zu bezahlen, habe ich dafür wenig Verständnis. Ich komme aus dem Schwimmsport, dort gibt es auch in den höheren Ligen keine Vergütungen. Vielleicht ändert sich das ja nach der Krise.

 

. . . Auswirkungen der Corona-Krise auf den Schwimmsport: 

Die Schwimmer wird es besonders hart treffen. Ich befürchte, die Bürgermeister werden Kosten einsparen wollen und die Pandemie als Ausrede dafür nehmen, ab September erst einmal kein Hallenbad wieder aufzumachen. Wer will sich diesen Kostenfaktor bei dem Risiko anbinden, das das Robert-Koch-Institut nachweist, dass ein Schwimmmeister 50 Badegäste angesteckt hat? Hier müssen insbesondere für die Vereine, aber auch für sonstige Nutzer Lösungen gefunden werden. Vereine bieten im Gegensatz zum öffentlichen Badebetrieb den riesigen Vorteil, dass der jeweilige Trainer die von ihm betreute Gruppe im Griff hat. Ohne Wasser kein Schwimmsport. HA

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