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Symbolischer Zieleinlauf mit den Kids: Dr. Sevim Haaß (SSC Hanau-Rodenbach) beim Zieleinlauf des Frankfurter Halbmarathons mit ihren Kids Aliya und Ariyan sowie dem Familienmaskottchen „Berti“

Marathon mir dem Kinderwagen

Fitte Vierfach-Mama: Dr. Sevim Haaß über Ausdauerlauf während und nach der Schwangerschaft

Dr. Sevim Haaß gehört sicher zur Kategorie „Powerfrau“. Die vierfache Mutter, Jahrgang 1975, ist Fachärztin und in ihrer knapp bemessenen Freizeit Leistungssportlerin mit Marathon-Erfahrung (Bestzeit 3:09 Stunden).

Aktuell war sie im Dress des SSC Hanau-Rodenbach beim Frankfurter Halbmarathon erfolgreich unterwegs. Kurz vor „Toresschluss“, sprich Verbot von Sportveranstaltungen aufgrund des Coronavirus, absolvierte Dr. Sevim Haaß die 21,1 Kilometer als schnellste Vertreterin des Sportkreises Hanau in 1:33:14 Stunden, wobei sie auf dem Schlusskilometer symbolisch ihre Kinder Aliya und Ariyan sowie das Familienmaskottchen „Berti“ mit dem Dreier-Jogger bis ins Ziel der Commerzbank-Arena schob.

Im Gespräch zeigt sie ihren Einstieg in den Ausdauersport und zum überraschenden Marathon-Debüt auf, ihre Trainings-Motivation bis kurz vor dem Geburtstermin sowie zwischen den Schwangerschaften – und sie hat noch einen sportlichen Tipp für die „gute Figur“ im Anschluss an die Schwangerschaft.

Frau Haaß, wann haben Sie mit dem Ausdauersport und wann mit dem Laufen begonnen?

Ich habe erst als Jugendliche mit 16 Jahren im Sportstudio meine Liebe zum Ausdauersport entdeckt. Dort bin ich teils stundenlang auf dem Ergometer gefahren. Mein erster Wettkampf – ohne Vorbereitung aus dem Stand heraus – war ein Ärztelauf über 5,6 Kilometer im Rahmen des jährlichen nationalen Gastroenterologenkongresses in Köln 2005. Mein Chefarzt, Professor Caspary, wollte unbedingt, dass unsere Abteilung den Pokal an die Frankfurter Universitätsklinik holt, für die ich damals im Rahmen meiner Facharztausbildung zum Internisten und Gastroenterologen arbeitete. Überraschender- und erfreulicherweise gelang mir der Sieg. Nach diesem ersten Erfolg entschloss ich mich spontan vier Wochen vor dem Frankfurt-Marathon, an diesem teilzunehmen.

Das war dann ein Sprung ins kalte Wasser. Wie lief das spätere Marathontraining ab?

Ich lief täglich, insgesamt bis zu 120 Wochenkilometer und hatte bei sechs langen Vorbereitungsläufen immer einen von mindestens 42,2 Kilometern mit drin. So konnte ich 2008 beim Berlin-Marathon im September eine Zeit von 3:12 Stunden und vier Wochen später meine bis dato gültige Bestzeit von 3:09 Stunden beim Frankfurt Marathon erreichen.

Halbmarathon im fünften Schwangerschaftsmonat

Und wie sah Ihr Pensum während der ersten Schwangerschaft aus?

Kurze Zeit später habe ich geheiratet und wurde mit meinem ersten Sohn Kiyan schwanger. Nach intensivem Literaturstudium und ausführlicher Beratung durch meine sehr kompetente Gynäkologin setzte ich mein Training während der Schwangerschaft nahezu unverändert fort. Noch im fünften Schwangerschaftsmonat lief ich im März 2009 den Frankfurt Halbmarathon in 1:34 Stunden. Bei problemloser Schwangerschaft konnte ich noch genau bis einen Tag vor der Entbindung, wenn auch deutlich langsamer, 15 Kilometer laufen.

Der Knackpunkt liegt für viele Sportlerinnen dann ja aber im Anschluss an die Schwangerschaft.

Bereits wenige Wochen nach der Geburt im Juli 2009 fing ich mit ersten Läufen an. Ich hatte mir einen Laufkinderwagen zugelegt. So konnte ich mit meinem Sohn zusammen meinem Laufsport nachgehen. Wir beide haben das sehr genossen, Kiyan hat oft im Kinderwagen geschlafen. Im Oktober 2009 lief ich erneut den Frankfurt Marathon – ohne Kind –, damals in 3:12 Stunden.

Lauftraining auch mit zwei Kindern

Mit einem Kind ist ein Training vielleicht gerade noch möglich. Aber es folgten ja „zeitnah“ weitere . . . 

Nach der Geburt meiner Tochter Aliya 2010 habe ich mir einen Doppelkinderwagen zugelegt, mit dem ich dann mit zwei Kindern weiter mit viel Freude den Laufsport betreiben konnte. Erstmalig gelang es mir beim schnellen Zehner in Rodenbach 2011 dann endlich, meinen ersten Zehn-Kilometer-Wettkampf in weniger als 40:00 Minuten zu beenden. Nach der Geburt meines dritten Kindes Sidan 2012 purzelte die Zehn-Kilometer-Bestmarke dann unter die 39 Minuten. Die Bestzeiten bin ich natürlich ohne Kinderwagen gelaufen. Letztlich waren sie wahrscheinlich das Ergebnis der Kombination aus Laufen bis in Kreißsaal/Spätschwangerschaft, Training mit Kinderwagen und an der Seite der Liebe meines Lebens.

Also fand dann reines Dauerlauftraining statt?

Nein, auch Tempotraining auf der Bahn, denn die Kinder haben immer mit viel Freude in der Weitsprunggrube im Sand gespielt und mich angefeuert beim Vorbeirennen.

Gab es auch früher schon Wettkampfeinsätze mit dem Dreier-Kinderwagen?

Ich habe mit diesem Kinderwagen nicht nur viele tausend Trainingskilometer, sondern auch viele Wettkämpfe bis 15 Kilometer absolviert und oft auch gewonnen. Die Kinder hatten dabei unglaublich viel Spaß, sie waren bei meinem Hobby hautnah dabei und auch mein Mann konnte so mit uns an Wettkämpfen teilnehmen.

Andere Frauen für Sport mit Kindern animiert

Das ging bei allen Wettkämpfen problemlos?

Es waren Volksläufe, keine Meisterschaftsrennen. Trotzdem war es damals noch absolut unüblich, mit Kinderwagen zu laufen. Aber auf diesem Weg habe ich viele Frauen animiert und dazu motiviert, die Kinder einfach mitzunehmen, unter anderem auch Kerstin Bertsch (Anm. der Red.: aktuelle Weltrekordhalterin im Marathonlauf mit Doppel-Babyjogger). Sie war sehr interessiert an unserem Dreier-Kinderwagen.

Wie ist Ihr Einsatz mit den Kindern bei Ihrem Umfeld angekommen?

Es war für mich und die ganze Familie wichtig, dass auch ich neben der ganzen Arbeit als Mutter etwas für mich machen konnte. Besonders erfreulich war die überaus positive Resonanz, die wir von vielen anderen Joggern, Zuschauern und Spaziergängern bekommen haben.

Gelaufen wird früh morgens oder spät abends

Wann finden Sie denn Zeit zum Lauftraining?

Es ist nicht immer ganz einfach, Familie, Sport und Beruf unter einen Hut zu bekommen, aber es ist machbar. Laufen gehört für mich zu meinen Grundbedürfnissen und somit zum Leben dazu. Das Gute am Laufsport ist die flexible Gestaltung. Gerne gehe ich auch schon sehr früh noch vor 6 Uhr, wenn noch alles im Haus schläft, oder wenn es gar nicht geht, auch spät nach 20 Uhr laufen...

Gibt es mit 45 Jahren und als vierfache Mutter noch echte Leistungsziele oder ist das alles „just for fun“ und jetzt eher lockeres Laufen?

Meine Bestzeiten sind Marathon 3:09 Stunden (2008), Halbmarathon 1:26:02 Stunden (2012) und zehn Kilometer in 38:40 Minuten (2015). In diese Richtung soll es schon wieder gehen. Zunächst einmal strebe ich eine Halbmarathonzeit unter 1:30 Stunden an, ein Marathon unter 3:00 Stunden wäre großartig. Ob, wann und wie steht noch in den Sternen. Ich bin zwar schon zehn Mal Marathon gelaufen, aber der letzte war 2013.

Zum Abschluss: Haben Sie einen Tipp für andere Mütter?

Mein Tipp an junge Mütter: Versuchen, die Kinder in den Sport einzubeziehen, denn Laufen mit Kinderwagen ist ideal und tatsächlich mit geeignetem Kinderwagen gut möglich. Dann purzeln auch die Pfunde wie von selbst!

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