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Ehrenbürger Rudi Völler wird am Ostermontag 60 Jahre alt. Zum Auftakt unseres Themenschwerpunktes spricht Völler selbst: Im großen HA-Geburtstagsinterview.

"Tante Käthe" wird 60: Themenschwerpunkt zu Rudi Völler

Rudi Völler im Interview: „Ich bin schon ein bisschen besessen!“

  • Thorsten Jung
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Hanaus Ehrenbürger wird 60 Jahre alt. Am Ostermontag, 13. April, feiert Rudi Völler seinen runden Geburtstag. Zu Ehren des deutschlandweit beliebten Weltmeisters startet der HANAUER ANZEIGER  einen Themenschwerpunkt. 

Sportchef Thorsten Jung hat den Geschäftsführer Sport von Bayer 04 Leverkusen im Februar in der Bay-Arena zum großen Geburtstags-Interview getroffen. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben die beiden noch mal über die aktuelle Situation gesprochen.

Herr Völler, rund zwei Drittel Ihres Lebens haben Sie im Profi-Fußball verbracht, als Spieler, Trainer und Manager. Sie werden auf der ganzen Welt erkannt und haben viel erlebt.

Es gibt zwei Geschichten, auf die ich immer angesprochen werde, wahrscheinlich bis an mein Lebensende. Im deutschsprachigen Raum auf die Nummer mit Waldemar Hartmann. Und das mit Frank Rijkaard ist eine weltweite Geschichte. Egal wo ich auf der Welt bin, irgendein Taxifahrer spricht mich immer darauf an. Fast schon makaber – das ist bei allen in den Köpfen drin. Dass ich ab und zu auch mal einen Ball reingeköpft habe, sagt mir keiner (lacht).

Zu Ihrem Wutausbruch im Fernseh-Interview mit Waldemar Hartmann sagen nicht wenige in Hanau: „Da hat er sein Lamboyer Gesicht gezeigt.“

Das habe ich von meinem Vater. Ein bisschen zu überziehen, wenn einem was nicht gefällt, wenn man denkt, man muss sich oder eine Sache verteidigen. So wie ich meinen Vater früher erlebt habe und nach dem, was mir meine Mutter erzählt hat, meinte er manchmal, er muss gelegentlich auch mal etwas lauter und direkter werden.

Haben Sie das auch an Ihre Kinder weitergegeben?

Nein, meine drei Jungs sind da nicht so.

Erinnern Sie sich noch, wo Sie in Hanau auf den Straßen gekickt haben?

Ich bin Ur-Hanauer, in der Lamboystraße aufgewachsen. Das war dann auch mein Spielort. Erst waren es die Hinterhöfe vor den Garagen, dann der Platz bei der Gebeschusschule und später bei den Sechzigern. Da bin ich jeden Tag hingelaufen, auch wenn kein Training war. So war das Leben vor Social Media und I-Phone. Ich bin ja noch aus der Generation, in der es nur drei Fernsehprogramme gab und bis 16 Uhr nur das Testbild zu sehen war. Alternativen wie Playstation, X-Box und im Internet surfen gab es nicht, man musste einfach raus.

Wie nutzen Sie heute die sozialen Medien?

WhatsApp nutze ich, da gibt es ein paar Gruppen, auch hier im Klub. Ich nutze eher mein I-Pad als mein I-Phone, vor allem, weil ich mich medial informieren will. Auf diese Art lese ich gerne italienische Zeitungen. Früh morgens beim Kaffee ein paar Nachrichten aus Deutschland und Italien – so beginnt mein Tag.

Schauen Sie da auch mal gezielt nach dem Fußball in Hanau?

Mein Lebensmittelpunkt ist jetzt hier bei Bayer Leverkusen. Das ist mein Klub, bei dem ich schon viele, viele Jahre bin. Den OFC verfolge ich etwas mehr als den Hanauer Fußball. In so einer Stadt in der Größe von Hanau spielt der Fußball leider nicht so eine Rolle, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte. Aber das ist ja schon seit ewigen Zeiten so. Die 93er waren einmal in der 2. Liga und sind direkt wieder abgestiegen. Einen Regionalligaverein könnte man da eventuell schon schaffen, aber das kriegt eben keiner hin.

Beim TSV 1860 Hanau konnte man Sie nicht lange halten.

Ich bin mit 15 weg. Das war zwar eine tolle Zeit, ich habe das genossen. Mein Vater war lange Jahre Jugendleiter, mein Leben hat sich da abgespielt. Man hat zwei-, dreimal die Woche trainiert und am Wochenende der ersten Mannschaft zugeguckt. Als D-Jugendlicher, das weiß ich noch, habe ich bei der A-Jugend zugeschaut. Aber ich wollte immer weg, wusste ja schon in der Jugend, dass ich vielleicht ein bisschen besser bin. Da versucht man dann, zu Kickers Offenbach oder Eintracht Frankfurt zu wechseln. Obwohl mir letztlich immer klar war, dass ich nach Offenbach gehe. Ich war einfach durch meinen Bruder Dieter vom OFC begeistert. Wir sind schon in den 70ern immer zum Bieberer Berg gefahren. Deshalb wollte ich da immer hin, auch dort spielen.

Die Eintracht war damals also keine Option?

In den 70er und 80er Jahren war Hanau OFC-Land. Das weiß ich noch ganz genau. Das hat sich im Laufe der Jahre zum Schaden von Kickers Offenbach gewandelt. Beim OFC ging es abwärts, bei der Eintracht nach oben. Die Eintracht ist im Moment im Rhein-Main-Gebiet einfach in, das hat man sich dort in vielen Jahren erarbeitet. Mittlerweile blickt ja fast jeder aus Hanau nach Frankfurt. Das war damals ganz anders. Die paar Eintracht-Fans, die es früher hier gab . . .


Hanaus Ehrenbürger Rudi Völler wird am Ostermontag 60.


Hatten Sie in Kinder- oder Jugendtagen ein Idol?

In den 60ern und 70ern war das Gerd Müller, weil er viele Tore gemacht hat, und beim OFC Erwin Kostedde. Er war zwar ein ganz anderer Spielertyp als ich, hat aber immer den Übersteiger, den ich zu Hause auch ständig geübt habe, gemacht. Erwin Kostedde hat ihn erfunden und ich habe ihn, vor allem in der ersten Zeit meiner Karriere, auch ganz gut hinbekommen. Der Einzige, der den ein bisschen misshandelt hat, war Jan Åge Fjørtoft bei der Eintracht damals in dem Spiel gegen Kaiserslautern, das für Frankfurt letztlich den Klassenerhalt bedeutete. Wie man einen Übersteiger so schlecht machen kann und er funktioniert trotzdem, da haben sich mir die Nackenhaare hochgestellt. Jan Åge weiß das natürlich auch (lacht).

In Offenbach haben Sie Michael Kutzop kennengelernt. Bis heute einer Ihrer besten Freunde. War da gleich eine enge Verbindung da?

Es war Ende der 70er, ich war noch ein junger Spund. Er hat bei Gemaa Tempelsee gespielt und ein Probetraining bei unserem damaligen Trainer Horst Heese gemacht. Michael war gut und hat direkt einen Vertrag bekommen. Nachdem ich zu 1860 München gewechselt war, lief es bei ihm in Offenbach sogar noch besser. Als ich dann später nach meinem Transfer zu Werder Bremen von Otto Rehhagel auf Kutzop angesprochen wurde, konnte ich ihn nur empfehlen. Dann haben wir Michael nach Bremen geholt, es war eine tolle und erfolgreiche Zeit. Doch das engste Verhältnis zu ihm hatte ich nicht mal zu der Zeit, als wir zusammen gespielt haben, sondern später. Ich hatte ja 15 Jahre lang eine Fußballschule auf Mallorca, die hat er geleitet. Ich war nur manchmal vor Ort, er war meine rechte Hand, hat da alles organisiert und abgewickelt.

Hat Ihr Bremer Trainer Otto Rehhagel Sie geprägt?

Er war der Trainer, der mich am meisten gefördert und nach vorn gebracht hat. Ich kam 1982 nach Bremen, bin direkt nach der WM Nationalspieler geworden. Im ersten Jahr war das ein Traum für mich. Ich wurde Torschützenkönig, Fußballer des Jahres. Besser ging es ja nicht. Ich hatte die Freiheiten für mein Spiel, die ich gebraucht habe, die hat Otto mir gegeben.

Und Sie haben ihm in der Kabine auch mal widersprochen?

Ich wusste, dass ich immer eine wichtige Figur in meinen Mannschaften war, egal ob in Bremen, Rom, Marseille oder dann hier in Leverkusen. Ich war immer selbstbewusst. Wenn mir ein paar Dinge nicht gefallen haben, dann habe ich das auch immer gesagt. Ich habe mir da vor niemandem in die Hose gemacht. Alles mit Respekt, aber meine Meinung habe ich schon vermittelt.

Warum sind Sie eigentlich n ie bei Bayern München gelandet? Als Spieler nicht und auch nicht später als Manager.

Ich war ein paar Mal nah dran. Es gab mal eine Anfrage, dort Sportdirektor zu werden, noch bevor Matthias Sammer in dieser Funktion in München tätig war. Und als ich in Bremen spielte, war Bayern zwar auch schon was, aber wenn man was ganz Großes machen wollte, musste man damals nach Italien. Für mich kam es nie in Frage, von Bremen nach München zu gehen, aber nicht, weil ich was gegen die Bayern hatte. In den 80ern bis Mitte der 90er haben die weltbesten Fußballer in Italien gespielt. Da sind auch die überragenden Bayern-Spieler wie Brehme und Matthäus nach Italien gegangen – und das sicher nicht, weil da immer die Sonne scheint und es die schönsten Mädchen gibt. Es war das Land, in dem die weltbesten Fußballer gespielt haben. Italien hatte die weltbeste Liga – eindeutig.

In Rom sind Sie auch Weltmeister geworden. War das die überragende Nacht Ihres Fußballer-Lebens?

An einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, ist für jeden Fußballer das Größte. Dann sogar Weltmeister zu werden, ist gar nicht zu toppen. Und das auch noch in „meinem“ Stadion. Ich war schon drei Jahre in Rom. Das Endspiel in meinem Heimstadion – mehr geht nicht. Die Leute haben alle gehofft, dass wir Weltmeister werden. Thomas Berthold und ich haben damals ja beide bei AS Rom gespielt, da waren die Sympathien mit Ausnahme der Argentinier ganz klar auf unserer Seite. Denn es kam ja noch hinzu, dass die Italiener im Halbfinale gegen Argentinien verloren hatten.

Und drei Jahre später haben Sie mit Olympique Marseille die Champions League gewonnen. Im Finale mit 1:0 gegen den AC Mailand.

Wenn mir jemand sagt, ich sei ja nie deutscher Meister geworden, antworte ich immer: Dafür habe ich die wichtigen Titel gewonnen. Dieser Titel kam im Spätherbst meiner Karriere. Weltmeister war ich mit 30, Champions-League-Sieger mit 33. Das geht aber auch nur, wenn du in guten Mannschaften bist. Wir spielen ja einen Mannschaftssport und kein Tennis. Favorit in diesem Finale war zwar der AC Mailand mit seiner super Mannschaft, aber wir waren natürlich auch gut.

Und doch gibt es da ein Spiel, das rückblickend für Sie noch wichtiger war.

Natürlich sind diese Titel schön. Aber was Freude und Glücksempfinden angeht, gibt es Spiele, die genauso einzuordnen sind. Eines vor allem: als wir 1996 hier in Leverkusen nicht abgestiegen sind. Wir waren mit einem Bein schon in der 2. Liga, lagen am letzten Bundesliga-Spieltag zu Hause gegen Kaiserslautern bis kurz vor Schluss 0:1 zurück – da hat Markus Münch noch das entscheidende Tor gemacht und uns damit gerettet. Da habe ich mich fast noch mehr gefreut als über den Champions-League-Sieg.

Was halten Sie von Zahlen und Statistiken? Sie haben ja immer super Torquoten gehabt.

Ich weiß, dass ich schon ein paar Törchen gemacht habe, dass ich nicht ganz so schlecht war. Bei den Länderspielen bekomme ich es zusammen. 90 Länderspiele, und ich glaube 44 oder 45 Tore.

47 waren es.

Ah, okay. Wie viele es in der Bundesliga waren, kann ich aber gar nicht sagen.

132 Bundesliga-Tore.

Das hört sich erst mal gar nicht so viel an, aber ich war ja sieben Jahre, in der Topzeit meiner Karriere, im Ausland. Sonst wären es sicherlich ein paar mehr geworden.


Wissen Sie, mit wem Sie die meisten Bundesligaspiele gemacht haben?

Puh, das kann ja nur ein Bremer sein. Dieter Burdenski oder Benno Möhlmann!?

Burdenski ist richtig. 137-mal haben sie gemeinsam gespielt. An welches Ihrer zahlreichen Tore erinnern Sie sich am häufigsten?

Es gibt besonders schöne Tore und es gibt sehr wichtige, die vielleicht sogar einfach zu erzielen waren. Das ist schwer zu beantworten, an beides erinnert man sich schon mal. Gegen Dortmund habe ich mal einen Viererpack gemacht, als wir 6:0 gewonnen haben. So was vergisst man auch nicht unbedingt.

Nuber, Calmund, Rehhagel, Beckenbauer – wem haben Sie am meisten zu verdanken?

Die haben alle von ihrer Aura gelebt. Auch Hermann Nuber, der mich als Jugendtrainer gefördert hat. Mit seiner speziellen Art, die für mich damals wichtig war. Die so genannten jungen Laptop-Trainer, die jede Taktik in acht verschiedenen Sprachen erklären können, sind ja schön und gut, das ist zeitgemäß und heutzutage auch sehr wichtig. Aber auch auf die Basics kommt es an. Die hat Hermann Nuber vermittelt, als harter Hund. Mit Übungen im Training, die es heute gar nicht mehr gibt.

Welche Übungen waren das?

Ich bin zum Beispiel mit dem Kopfballpendel groß geworden. Mit Liegestützen vorher und dazwischen. Und wir hatten immer so ein Seil, mussten das selbst halten und drüber springen. Nach zehn oder 20 Wiederholungen wusste man auch, was man gemacht hatte. Das sind Übungen, die nach heutigem Kenntnisstand Gift für den Rücken sind. Aber das war halt so. Früher ist man auch den Berg hoch gerannt wie ein Ochse und dann haben einem anschließend die Achillessehnen wehgetan. Wenn man heute ins Trainingslager geht, macht das keiner mehr.

Würde ein Titel mit Bayer Ihre Funktionärskarriere abrunden?

Das ist ein bisschen unsere Sehnsucht. In den letzten zehn Jahren waren wir sechsmal in der Champions League. Das ist schon top, da gehören wir mit den Bayern und Borussia Dortmund zu den besten drei Klubs in Deutschland. Aber dafür bekommt man ja nicht mal einen Wimpel. Die Europa League und der DFB-Pokal müssen für uns in Leverkusen immer ein Thema sein. Aktuell sind wir da ja auch sehr gut im Rennen – wir hoffen inständig, dass die Wettbewerbe trotz der Corona-Krise fortgeführt werden können. In Europa haben wir mit unserem Auswärtssieg in Glasgow im Achtelfinale ja schon vorgelegt, im DFB-Pokal im Halbfinale in Saarbrücken die ganz große Chance auf das Endspiel. Ein Titel ist in diesem Jahr definitiv möglich.

Erleben Sie nach so vielen Jahren im Profigeschäft auch mal Neues?

Ja. Gefühlt war ich schon in jedem Stadion in Deutschland. Aber bis vor Kurzem noch nie bei Union Berlin. Ich war sehr begeistert von der „Alten Försterei“. Die machen das super. Eine tolle, wirklich einmalige Stimmung in diesem kleinen Stadion.

2000 wurden Sie Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Das kam selbst für Sie überraschend, oder?

Sicher, das war ja alles eigentlich ganz anders geplant. Die EM 2000 war schlecht, wir sind in der Vorrunde ausgeschieden. Und es gab eigentlich nur zwei, die damals als Bundestrainer in Frage kamen: Christoph Daum und Ottmar Hitzfeld. Ottmar hatte aber gleich abgesagt und Christoph Daum konnten Reiner Calmund und ich hier in Leverkusen nicht einfach freigeben. Dann gab es das inzwischen fast schon legendäre Treffen in Köln zwischen der DFB-Spitze und den Vertretern der Bundesliga-Topklubs. Irgendwann herrschte relative Ratlosigkeit, wir haben uns alle nur noch angeguckt. Und dann sagte DFB-Präsident Mayer-Vorfelder plötzlich: „Rudi, mach du das doch für ein Jahr. Als Übergangslösung!“ Alle, die in der Runde saßen, Uli Hoeneß, Kalle Rummenigge, Klaus Allofs sagten: „Ist doch ne gute Idee!“ Da war ich auf einmal Teamchef. Eigentlich für ein Jahr – und dann wurden es vier.

Es waren schwere Zeiten dabei: Immerhin hätte die WM 2002 beinahe ohne Deutschland stattgefunden.

Wir mussten in der Relegation gegen die vielleicht beste ukrainische Mannschaft der letzten 30 oder 40 Jahre ran. Mit dem jungen Andrij Schewtschenko und fünf, sechs anderen Topspielern. Das war schwierig.

Erinnern Sie sich an die Spiele?

Oh ja. Im November 2001 hatten wir in der Ukraine das erste Spiel vor 90 000 Zuschauern, die in dem großen Nationalstadion Stimmung gemacht haben. Die ersten 20 Minuten sind wir gar nicht hinten rausgekommen, haben 0:1 hinten gelegen. Da habe ich zu meinem Co-Trainer Michael Skibbe schon schmunzelnd gesagt: „Wohin wandern wir aus? Ich nach Australien und du kannst woandershin.“

Deutschland hätte erstmals eine WM verpasst.

Man muss sich mal vorstellen, was das für ein Druck ist. Man hatte zwar immer gesagt: „Wir haben keine gute Generation, muss halt mal einen Misserfolg ertragen.“ Aber ich wäre dann der erste Nationaltrainer gewesen, der es nicht zu einer WM geschafft hätte. Ich habe selten in meinem Leben so einen großen Druck erlebt wie in den beiden Relegationsspielen.

Dann kamen Sie als Vizeweltmeister zurück nach Deutschland. Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie auf dem Hanauer Marktplatz zum Ehrenbürger ernannt wurden?

Ich hatte bereits 1990 einen tollen Empfang. Das war schon wunderbar. 2002 – das war dann herrlich. Daran merkst du, dass eine WM etwas Besonderes ist. 1990 war so das erste Mal, dass richtig auf den Straßen gefeiert worden ist. Nicht erst nach dem Titelgewinn, sondern während des ganzen Turniers.

Bei Spielen in Bremen gibt es noch immer Rudi-Sprechchöre, die Kickers haben Sie mit einem Benefizspiel unterstützt. Sie sind deutschlandweit hoch angesehen. Weil Sie sich nie verstellt haben? Oder wie erklären Sie sich das?

Das sind Fragen, die man selbst schwer beantworten kann. Vielleicht liegt es ja an meinem Vornamen, genau wie bei Uwe Seeler. So ein gemeinsam geschmettertes, langgezogenes „uuuuuuu“ aus Tausenden von Kehlen klingt ja im Stadion ganz gut. Ich weiß es nicht. Manchmal überziehe ich auch, schimpfe hin und wieder mal mit dem Schiri, aber ich übertreibe es auch nicht. Die Leute haben mich überwiegend so akzeptiert, wie ich halt bin.

Dreht sich in Ihrer Freizeit eigentlich auch alles um den Fußball?

Meine Frau verdreht manchmal die Augen, weil ich auch an einem Sonntag, an dem wir selbst spielfrei haben, immer noch Fußball schaue. Italienischen Fußball vor allem. Durch die vielfältigen Möglichkeiten heute gibt es immer Fußball. Nicht jedermanns Sache, ich weiß. Aber ich bin schon ein bisschen besessen davon. Ich schaue auch zu Hause oft Fußball. Und Basketball, wenn mein Sohn spielt.

Da sind Sie auch mit Herzblut Fan?

Da rege ich mich schon jede Woche bei unseren eigenen Spielen im Stadion auf, und dann schaue ich mir auch noch an, wie er bei Skyliners spielt. Meistens im Fernsehen, ich habe das entsprechende Abo. Und ich fahre öfter mal hin zu seinen Spielen, wenn es terminlich passt.

Wo haben Sie eigentlich Ihre Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht?

Ich bin in Hanau nach meiner mittleren Reife auf die Höhere Landesschule in der Rosenau gegangen und dadurch automatisch ins zweite Lehrjahr gekommen. Da war ich schon bei den Offenbachern, wo ich zwei, drei Monate auf der Geschäftsstelle bei den Kickers gearbeitet habe. Das ging dann aber zeitlich nicht mehr und ich bin zur Löbro gegangen. Das war in der Mühlheimer Straße und unser Schatzmeister war dort Geschäftsführer. Die haben Gelenkwellen für Autos und Lkw gemacht.


Und das war zeitlich mit dem Fußball vereinbar?

Ich war ehrlich gesagt fast nie da, aber ich musste zweimal die Woche zur Berufsschule nach Obertshausen. In der Firma haben sie mir freie Hand gelassen, ich habe da ja schon in der ersten Mannschaft in der 2. Liga gespielt. Zum Training war ich immer freigestellt. Logischerweise hatte ich fast immer zweimal am Tag Training (zwinkert). Und wenn das mal ausgefallen ist, haben wir im Café Karten gespielt. Ich habe die Arbeit aber auch gerne gemacht und auch die Prüfung geschafft.

„Tante Käthe“, „Es gibt nur ein Rudi Völler“ . . . Können oder konnten Sie das irgendwann noch hören?

Heute geht’s sogar wieder. Nach der WM 2002 bin ich bei Einladungen gerne zu Podiumsdiskussionen gekommen oder habe Preise entgegengenommen, aber nur unter der Bedingung, dass das Lied nicht gespielt wird. Mittlerweile ist es wieder okay. Tante Käthe hat Thomas Berthold damals erfunden und das ist dann von vielen einfach übernommen worden.

Hat sich Ihre Frau inzwischen an Deutschland gewöhnt, anfangs soll Sie ja nicht so sehr vom Umzug nach Leverkusen begeistert gewesen sein.

Sie ist Römerin und in Marseille ist es auch eine schöne Zeit gewesen, in der Stadt direkt am Meer. Aber nach sieben Jahren wollte ich unbedingt nach Deutschland zurück. Ich hatte immer mal Kontakt zur Eintracht. Am Ende habe ich mich dann aber für Bayer Leverkusen entschieden, was im Nachhinein die richtige Entscheidung war. Wenn man aus Italien kommt mit einer gewissen Lockerheit, gibt es Dinge, die einem richtig gut gefallen, und andere, die man vielleicht ein Leben lang nicht wirklich nachvollziehen kann. Meine Frau schätzt es schon, wie das Leben in Deutschland ist. Die Sicherheit zum Beispiel. Auch die vielen Dinge, die funktionieren. Wir Deutsche denken ja immer, die Dinge würden hier nicht vernünftig laufen. Aber ich bin oft genug in Rom und kann sagen: Sie funktionieren! Wir jammern oft auf hohem Niveau.

Spielen Sie heute auch noch manchmal Fußball?

Eigentlich so gut wie nicht mehr. Die ersten Jahre nach meiner Karriere habe ich noch für die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft oder hier bei Bayer gespielt. Immer montags, fünf gegen fünf. Aber jetzt habe ich ein bisschen Probleme mit meinem Knie, ein leichter Knorpelschaden. Ich kann noch ein-, zweimal joggen in der Woche. Aber Fußball spielen eher nicht mehr. Das letzte Mal gekickt habe ich im vergangenen Sommer-Trainingslager. Danach tat mir dann drei Tage lang das Knie weh.

Halten Sie sich heute dennoch fit?

Ich renne jetzt nicht jeden Tag draußen rum, bin in meinem Leben ja genug gelaufen. Es macht mir auch nicht so richtig Spaß, aber ein- bis zweimal die Woche tut das schon gut, ein bisschen durchzuschwitzen. Und ein paar Rückenübungen mache ich auch noch. Radfahren hasse ich. So lange mein Knie hält, jogge ich dann doch lieber. So lange es mit den Gelenken noch geht. Danach muss wohl auch ich Rad fahren.

Wann haben Sie zuletzt auf dem Rad gesessen?

Im Januar im Trainingslager in La Manga war der Trainingsplatz etwa eine Viertelstunde vom Hotel weg. Mit dem Fahrrad waren es zwei, drei Minuten und jeder hatte ein Mountainbike bekommen. Selbst bei der kurzen Strecke tat mir da nach zwei Minuten mein Hintern weh. Wenn man das nicht gewohnt ist… Ich bin dann oft doch lieber die Viertelstunde spazieren gegangen.

Ihr Vertrag bei Bayer läuft noch bis 2022. Wie lange machen Sie noch?

Ich mache es wohl noch ein paar Jährchen, entscheide vielleicht im nächsten Dreivierteljahr, wie lange. Aber völlig relaxt. Da muss jetzt niemand ständig nachfragen! Simon Rolfes und Stefan Kießling übernehmen immer mehr Verantwortung. Stefan lernt noch, Simon hat einen anderen Vorlauf, war unter anderem Teilhaber in einer Beratungsagentur für Sportler. Ich ticke da so ähnlich wie die Bayern und die Bremer, ich halte es für sinnvoll, dass ehemalige Spieler mit einbezogen werden, wenn Background und Intellekt stimmen. Beide waren zehn Jahre hier Spieler. Simon Rolfes macht das super in seiner Funktion als Sportdirektor, der derzeitige Erfolg, an dem er einen großen Anteil hat, zeigt das deutlich. Stefan Kießling wird im Sommer wahrscheinlich am neuen Manager-Lehrgang des DFB teilnehmen, um sich entsprechend weiterzubilden. Das ist die Zukunft von Bayer 04 Leverkusen.

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