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Die Sportstätten bleiben geschlossen. Wann wieder im Verein Sport getrieben werden darf, ist weiter unklar.

SARS-COV-2-PANDEMIE

Krise kann auch eine Chance sein: Sportbund-Präsident Dr. Rolf Müller spricht den Vereinen Mut zu

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Dr. Rolf Müller glaubt fest daran, dass der Vereinssport die Corona-Krise gut überstehen wird. Der 72-jährige Gelnhäuser weiß, wovon er spricht, immerhin ist er seit 1997 Präsident des Landessportbundes Hessen (lsb h) und kennt die Vereinslandschaft wie seine Westentasche.

„Wenn der Motor nach der Pandemie wieder anläuft, vertraue ich auf die Kraft und die Ideen der Vereine. Das wird schon klappen“, sagt der ehemalige CDU-Politiker. Aktuell kommt der ehemalige Schwimmer mit dem gesamten Landessportbund seiner Aufgabe nach, die Vereine zu unterstützen.

Denn die Corona-Pandemie bringt ein ganzes Bündel an neuen Themen und Fragen auf. Von heute auf morgen konnte überhaupt kein Vereinssport mehr stattfinden, auch Versammlungen sind tabu. Seitdem laufen die Landessportbund-Maschinerien auf Hochtouren, denn „die Vereine sollen das berechtigte Gefühl haben, dass wir unsere Aufgabe erfüllen“, sagt Dr. Müller.

Vereine fehlen Einnahmen aus Eintritt und Verkostung

Hauptsächlich drehen sich die Sorgen und Ängste der Vereine im Moment um die Frage der Beschlussfähigkeit von Vorständen oder dem Handhaben von Jahreshauptversammlungen. Auch die Sorgen von Übungsleitern und hauptamtlichen Angestellten werden an den lsb h herangetragen.

„Vorneweg muss ich sagen, dass der typisch hessische Durchschnittsverein 237 Mitglieder und nur eine oder zwei Sparten hat. Da ist der Einschlag nicht so groß, wobei den Vereinen natürlich auch die Einnahmen aus Eintrittsgeldern oder dem Essens- und Getränkeverkauf fehlen“, gibt der Präsident des Landessportbundes einen Überblick.

Probleme für Vereine mit hauptamtlichen Angestellten

Schwieriger gestaltet sich die aktuelle Lage für Vereine, die mehrere Übungsleiter und hauptamtliche Angestellte beschäftigen. Eine pauschale Lösung gibt es nicht. Einerseits rät der lsb h besonders den Hauptamtlichen, Kurzarbeitergeld zu beantragen. Andererseits appelliert der Landessportbund an jene Übungsleiter, die nicht auf das Geld angewiesen sind, es nicht vom Verein einzufordern.

„Andere sind aber auf das Geld angewiesen“, weiß Dr. Müller, dass sich ein Verzicht nicht jeder leisten kann. An der Übungsleiterpauschale, die der Sportbund jährlich an die Vereine zahlt, ändere sich laut dem Präsidenten nichts. Außerdem stehen die Verantwortlichen des Landessportbundes Hessen beinahe täglich mit dem hessischen Innen- und Sozialministerium im Austausch, damit zusätzlich zu der Wirtschaft auch an die Vereine gedacht wird. „Uns ist klar, dass wir nicht das Wichtigste sind. Wir wollen aber dennoch sicherstellen, dass der Sport nicht vergessen wird. Das ist unsere Aufgabe“, sagt der Gelnhäuser zu den täglichen Telefonkonferenzen mit seinen Kollegen und den Politikern.

Corona-Krise traf alle Beteiligten völlig unvorbereitet

Die Politik ist für den Gelnhäuser auch kein unbekanntes Terrain, denn er war zweieinhalb Jahre lang Regierungssprecher unter Ministerpräsident Wallmann und bis 2014 Abgeordneter des Hessischen Landtags. Dennoch konnte weder seine politische noch sportliche Karriere den Schwimmer auf eine derartige Krise vorbereiten: „Das hat mich wie alle anderen auch völlig unvorbereitet getroffen.“

Bei all den Sorgen und Ängsten der Vereine sieht der 72-Jährige in dem sportlichen Lockdown auch eine Chance: „Es gibt viele Ideen, die im Moment von den Vereinen ausprobiert werden. Ob die alle funktionieren, wird sich zeigen, aber die Kreativität ist da.“

Sogar Schwimmverein bietet Übungen online an

Als Beispiel nennt er den Schwimmverein (SV) Gelnhausen, dessen Vorsitzender Dr. Müller ist. Aktuell finden die Übungsstunden nämlich auf dem Trockenen und online statt. Die Digitalisierung im Verein könnte also ein gutes Stück vorangebracht werden. Gerade die Digitalisierung ist auch bei Dr. Müller während der Corona-Krise vorangeschritten, mittlerweile sei er mit seinem Smartphone und den Möglichkeiten wesentlich vertrauter.

Auch das Haus und das Grundstück seien Profiteure von der Krise, denn der 72-Jährige habe „viele Arbeiten am Haus erledigt, für die es nun in der Isolation keine Ausreden mehr gibt“, sagt der Gelnhäuser lachend. Er und seine Frau halten sich an die allgemeinen Corona-Verhaltensempfehlungen, auch wenn das gerade über Ostern besonders schwer gefallen ist. Sechs Kinder und zehn Enkelkinder zählt nämlich die große Patchworkfamilie von Dr. Rolf Müller, der die ganze Meute am liebsten um sich hat. Die Ostertradition mit einem guten Essen (grüne Soße mit Tafelspitz) und natürlich dem Verstecken von kleinen Ostergeschenken und -leckereien ist dieses Jahr schweren Herzens ausgefallen.

Müller glaubt, dass Vereinsleben nach der Corona-Krise wieder aufblüht

Umso mehr freut sich der Familienmensch darauf, seine Kinder und Enkelkinder wieder persönlich und nicht nur über das Internet zu sehen. „Was fehlt, ist der direkte Kontakt zu anderen Menschen. Ich denke, dass diese Einschränkungen einen Vereinsmenschen noch ein bisschen mehr treffen“, sagt der Gelnhäuser und nimmt aber auch genau das Argument, um Sportlern und Vereinen Mut zu machen: „Wir haben durch die Krise den Wert des Vereinssports schätzen gelernt. Ich bin guten Mutes, dass das Vereinsleben nach der Krise wieder aufblüht.“

Der Landessportbund Hessen

Der Landessportbund Hessen (lsb h) ist die Vereinigung aller hessischen Sportvereine und -verbände mit über 2,1 Millionen Mitgliedern. Er vertritt als Dachorganisation der rund 7 600 Sportvereine, die ein flächendeckendes Sportangebot garantieren, die Interessen des Sports in Hessen. Der lsb h hat zwar die Besetzung in der Geschäftsstelle reduziert, die Sportschule und Bildungseinrichtungen geschlossen, ist für seine Vereine aber nach wie vor erreichbar. Beispielsweise ist aus der Vereinsförderungsabteilung immer ein Kollege telefonisch zu erreichen. Außerdem hat der lsb h auf seiner Internetseite einen Antwortenkatalog veröffentlicht, der stets erweitert und aktualisiert wird. Verantwortlich dafür ist Dr. Frank Weller, Vizepräsident Vereinsmanagement und Rechtsanwalt.

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