Hanau trifft Plochingen im Videocall: Der Waliser Richard Boulter war Geschäftsführer der Vacuumschmelze und ist heute bei CeramTec.
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Hanau trifft Plochingen im Videocall: Der Waliser Richard Boulter war Geschäftsführer der Vacuumschmelze und ist heute bei CeramTec.

EM-Serie

Reise durch Europa: Der walisische Geschäftsführer

  • Thorsten Jung
    VonThorsten Jung
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Zum zweiten Mal hat sich Wales für die Fußball-Europameisterschaft qualifiziert. 2016 schrieb das Team ein EM-Märchen. Richard Boulter, von 2014 bis 2016 Geschäftsführer der Vaccumschmelze in Hanau, hat früher selbst Fußball gespielt – als Torwart. „Aber wie alle anderen in Wales viel mehr Rugby“, verrät er.

Hanau – Im Sommer 2016 sorgte die walisische Fußball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Frankreich für Furore. Als krasser Außenseiter spielte sich das Team bei seiner ersten EM-Teilnahme in die Herzen der Fans und bis ins Halbfinale vor. Dort war dann der spätere Europameister Portugal zu stark. „Das war ein Mega-Highlight, ein tolles Erlebnis, das alle Erwartungen übertroffen hat“, sagt Richard Boulter über das Abschneiden seiner Landsmänner vor viereinhalb Jahren. Der Sommer 2016 war auch für den 54-Jährigen einschneidend. Nach rund zwei Jahren als Geschäftsführer verließ er damals die Vaccumschmelze.

Boulter hat gute Erinnerungen an Hanau

„Ich habe mich in Hanau sehr willkommen gefühlt. Auch wenn es eine stressige Zeit war“, denkt Richard Boulter an die Restrukturierung des Unternehmens, die eng mit einem Stellenabbau verbunden war, zurück. „Wir haben uns am Ende alle in die Augen schauen können. Ich habe es nie persönlich gesehen, dass wir Fronten hatten. Jeder hatte seine Interessen“, sagt er rückblickend über Gespräche und Dissonanzen mit IG Metall und Betriebsrat. „Ich habe die VAC und meine Zeit in Hanau sehr positiv in Erinnerung.“

Die EM-Serie des HANAUER ANZEIGER

Bis zum Eröffnungsspiel stellen wir jede Woche eine teilnehmende Nation vor. Bereits erschienen sind:

Der schottische Hobbyschäfer Philip Monteith aus Maintal

Der ungarische Ex-Profi Tibor Földvari aus Büdingen

Der türkische Torwart Burak Tok aus Hanau

Der belgische Nomade Dimitri van den Broeck aus Schöneck

Mit 27 kam Richard Boulter nach Deutschland. 16 Jahre lebte er in Erlangen, dann acht Jahre in Bonn bevor er nach Hanau kam. „Schon lange ist Deutschland mein Zuhause.“ In Hanau wohnte er in der Altstadt hinter dem Goldschmiedehaus. „Das war toll, alles war fußläufig erreichbar. Ich hatte kein Auto in Hanau“, erzählt er. Morgens lief Richard Boulter eine gute Viertelstunde entlang der Kinzig zur Arbeit, abends durch die Stadt zurück. „Das war eine sehr schöne Zeit: zentral zu leben, aus der Tür raus direkt Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten.“

Waliser schwärmt vom Hanauer Schlossplatz

Den Vater zweier erwachsener Söhne zog es gerne zum Schlossplatz. „Ich hatte mindestens einmal die Woche Besucher aus dem Ausland.“ Schlossgarten und der Biergarten zogen den Waliser im Sommer magisch an. Dahin führte er seine Gäste gerne. „So ein schöner Park mit einem See mittendrin, den Enten – mitten in der Stadt eine kleine Oase. Da bin ich gerne hin“, schwelgt Richard Boulter während des Videocalls in Erinnerungen.

Dabei sitzt er in seinem Büro in Plochingen bei Esslingen, wo er Teil der Geschäftsführung von CeramTec ist. Hatte es Richard Boulter in Hanau noch mit magnetischen Werkstoffen zu tun, dreht sich seine Arbeitswelt nun um technische Keramik.

Boulter: Hanau nicht mit Plochingen vergleichbar

Der Firmensitz Plochingen sei mit Hanau kaum vergleichbar. Hanau sei eine Stadt mit klarer Identität, Plochingen deutlich kleiner. „In Hanau ist Großindustrie angesiedelt mit drei großen Arbeitgebern, die relativ zentral liegen. Wenn du durch die Stadt läufst, triffst du Leute, die entweder aus deiner Fabrik, von Heraeus oder von Goodyear sind. Oft sind es mehrere Generationen, die in ein und derselben Firma gearbeitet haben. Wenn man mit jemandem spricht, kennt der immer jemanden, der in einer der drei Firmen gearbeitet hat.“

Das alles führe zu einem anderen Stadtcharakter. „In Plochingen habe ich 250 Mitarbeiter, in Hanau waren es 1500. Heraeus hat über 4000“, verdeutlicht er seine Aussagen.

Richard Boulters Heimatort in Wales zählt gerade einmal gut 2000 Einwohner. Llanberis liegt im Norden des Landes, in den Bergen. Dort wuchs er auf, spielte auch mal Fußball – als Torwart. „Aber in Wales wird eher Rugby gespielt.“

Die EM 2016 war für Boulter ein Traum

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es für die walisische Fußball-Nationalmannschaft bis zur EM 2016 nicht so erfolgreich lief. „Dass Wales bei einer EM so weit kommt, ist ein Traum. Das hätte keiner gedacht“, erzählt Richard Boulter und gibt zu, dass man eher auf den großen Nachbarn geschaut hat: „Dass die Engländer so früh ausgeschieden sind, freut einen auch sehr. In Schottland und Wales ist es manchmal nicht so wichtig, selbst zu gewinnen, sondern viel mehr, dass England nicht gewinnt.“ Diese alte Rivalität steckt in Richard Boulter, auch wenn er englische Vorfahren hat.

Der 1. FC Köln hat es Boulter angetan

Sein Fußballerherz schlägt für den 1. FC Köln. Auch wenn er in Plochingen arbeitet, ist das Rheinland zu seinem zu Hause geworden. Seine Lebensgefährtin ist Kölnerin und war vor der Corona-Pandemie Stammgast bei FC-Heimspielen. Früher drückte Richard Boulter Manchester United die Daumen. „Ich habe sechs Jahre in Manchester gewohnt. Mein Nachbar war Manager bei Adidas. Wir sind sehr oft ins Old Trafford zu ManU gefahren.“ In seiner Jugend war der FC Liverpool Boulters Klub. „Nordwales liegt nahe an Liverpool und sie waren in den 70ern sehr erfolgreich“, begründet er.

Aktuell schaut er sich die Spiele der Kölner nicht so genussvoll an. „In der zweiten Liga war es attraktiver“, findet er „da haben sie mehr Tore geschossen und Spiele gewonnen. Außerdem sind kleinere Vereine zum FC gekommen. Jetzt, in der Bundesliga, ist es ein bisschen quälend.“

Boulter vor EM pessimistisch

Wenig optimistisch blickt Richard Boulter auch der Europameisterschaft entgegen. Obwohl seine Waliser mit der Schweiz, Türkei und Italien auf den ersten Blick nicht gerade drei ganz schwere Gegner zugelost bekamen, spricht Boulter von „sehr schwierigen Gegnern“. Aber im Fußball seien immer mal Überraschungen möglich. „So wie Schalke kürzlich, als sie kurz davor waren, den Rekord von Tasmania Berlin einzuholen, und dann vier Tore geschossen haben.“

Für Richard Boulter wäre es schon eine Überraschung, wenn Wales die Vorrunde überstehen würde. Das würden auch die Wettquoten zeigen, die er studiert habe.

Der große Star: Gareth Bale (Mitte) freut sich mit seinen Teamkollegen über einen walisischen Treffer.

Hoffnungen der Waliser ruhen auf Gareth Bale

Außer Rabbi Matondo, der momentan vom FC Schalke 04 an Stoke City verliehen ist, sind die meisten walisischen Nationalspieler nur ganz großen Fußball-Experten ein Begriff. James Lawrence spielt beim Zweitligisten FC St. Pauli. Die große Ausnahme ist Gareth Bale. Der Angreifer, der 2013 für rund 100 Millionen Euro zu Real Madrid gewechselt war und damals als teuerster Transfer der Geschichte galt, ist Kapitän der Waliser.

„Wenn er gut in Form ist, nimmt er die Mannschaft mit und hebt die anderen Spieler auf ein ganz anderes Spielniveau“, hofft Richard Boulter, dass der 31-Jährige nach seiner Rückkehr zu Tottenham Hotspur im Sommer in Topform sein wird. Einen ganz großen Namen hat auch der walisische Trainer. Ryan Giggs, Legende von Manchester United, hat die Mannschaft vor drei Jahren übernommen.

1939 war ein Boulter Nationalspieler

Einen Boulter findet man im walisischen Nationalteam nicht. „Mein Vater ist Engländer, Boulter ist kein walisischer Name“, klärt Richard Boulter auf. Und dennoch kommt man, wenn man Boulter und Wales googelt, auf einen früheren walisischen Nationalspieler. Leslie Boulter bestritt 1939 ein Länderspiel gegen Nordirland. Beim 3:1-Sieg schoss er ein Tor.

Sein Namensvetter Richard Boulter hätte nichts gegen eine Wiederholung des walisischen EM-Märchens von 2016 einzuwenden, immerhin hat er an die Märchenstadt Hanau ja auch noch gute Erinnerungen.

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