Fußball und Musik, das passt! Pianist Sergey Korolev vereint in seinem Leben beides und freut sich schon auf die EM.
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Fußball und Musik, das passt! Pianist Sergey Korolev vereint in seinem Leben beides und freut sich schon auf die EM.

EM-Serie

Reise durch Europa: Der russische Pianist

  • Julia Meiss
    vonJulia Meiss
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Musik und Fußball haben für Sergey Korolev viele Gemeinsamkeiten: Beides löst Emotionen aus, schafft Einigkeit und lenkt vom Alltag ab. Deshalb vereint der gebürtige Russe, der in Neuberg lebt, beides in seinem Leben. Er ist von Beruf Musiker und nebenbei ein großer Fußball-Fan.

Neuberg – Sergey Korolev schätzt sich sehr glücklich, dass er seine Leidenschaft zu seinem Beruf machen konnte. „Das ist Glück und ich bin sehr froh darüber“, sagt der Konzertpianist, der in Neuberg heimisch geworden ist und in Hanau gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls Pianistin ist, die Musikschule „Pianoforte Klavierstudio“ betreibt. Die Leidenschaft für Musik und besonders für das Klavier sowie Konzertmusik sind dem sympathischen Russen in die Wiege gelegt worden. „Meine Eltern sind beide Musiker und mein Vater ist auch Konzertpianist. Diese Musik habe ich von Anfang an gehört und geliebt“, erzählt der 37-Jährige, der beim Sprechen über seine Berufung leuchtende Augen bekommt und gar nicht anders kann, als strahlend zu lächeln.

Keine Perspektive für Musiker im Moskau der 1990er Jahre

Dabei hat ihn seine Liebe zur Musik in seinem Leben auch schon vor schwierige Entscheidungen gestellt. Denn Sergey Korolev hat die ersten 21 Jahre seines Lebens in der russischen Hauptstadt Moskau gelebt, wo er auch geboren wurde. „Die 1990er und frühen 2000er Jahre waren in Russland eine turbulente Zeit für Musiker. Es gab keine Perspektive“, nennt der Neuberger den Grund, warum er sein Heimatland verlassen hat. Nach Deutschland hat es ihn gezogen, weil es „ein kulturell und musikalisch reiches Land ist“.

Die Entscheidung, in die Bundesrepublik auszuwandern, hat der 37-Jährige aber nicht ad hoc getroffen, sondern wohlüberlegt – und mit entsprechender Vorbereitung. „Ich habe etwa ein Jahr, bevor ich ausgewandert bin, angefangen, deutsch zu lernen. Ich hatte mir ein Büchlein zum Selbstlernen gekauft und das in der U-Bahn gelesen, denn ich war damals viel in der U-Bahn unterwegs.“ Das autodidaktische Vorgehen hat gut geklappt, denn in Deutschland „habe ich nur noch meinen Wortschatz erweitert“. Deutschkurse waren nicht nötig, um sich verständigen zu können.

Der Neuberger hat das Auswandern nicht bereut und ist seiner Heimat verbunden geblieben – auch wenn der Musiker nicht jedes Jahr in Russland gewesen ist. „Es gab mal eine Phase, da war ich fünf oder sechs Jahre nicht mehr dort“. Aktuell ist eine Reise aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich, zuletzt ist er vor etwa zwei Jahren nach Russland gereist. Immerhin lebt dort noch ein Teil seiner Familie. Während seine Eltern ebenfalls ausgewandert und am Bodensee heimisch geworden sind, leben Sergey Korolevs Sohn und Onkel noch in Russland.

Traum von Konzertpianist und Klavierlehrer erfüllt

Mittlerweile hat sich der 37-Jährige in Deutschland seinen Traum erfüllt, arbeitet als Konzertpianist und Klavierlehrer. Auch wenn der Musiker durch die Corona-Pandemie und ausbleibende Konzerte vor Publikum aktuell vor Herausforderungen gestellt wird. Sein letztes Konzert fand im Februar 2020 im Hanauer Congresspark statt. Vor Kurzem hat Sergey Korolev aber noch eine gänzlich neue Erfahrung gemacht: Er hat sein erstes Konzert via Livestream gespielt. „Das ist eine tolle Lösung und war eine gute Erfahrung. Das Gute daran ist, dass man auf einmal weltweit gehört werden kann“, unterstreicht der Russe mit dieser Aussage seine positive Lebenseinstellung.

Die treibt den Fan von Spartak Moskau und Eintracht Frankfurt gerne ins Fußballstadion oder vor den Fernseher. Besonders viel Freude haben Sergey Korolev die Champions-League-Spiele von Spartak bereitet, als er noch in Moskau gelebt hat: „Die Champions-League-Spiele mag ich besonders, denn dann sind alle Russen für eine Mannschaft.“ Genau das sei eine Stärke des Fußballs, die Sergey Korolev sehr schätzt. In ein Dilemma gerät der Pianist, wenn bei Länderspielen Deutschland auf Russland trifft. „Ich weiß nie, für wen ich dann bin“, sagt er lachend. Der Neuberger, der sowieso stets ein Lächeln auf den Lippen zu haben scheint, verfolgt die Entwicklung beider Fußball-Nationen und wertet es als richtigen Schritt, dass DFB-Bundestrainer Jogi Löw seinen Abschied angekündigt hat und vergleicht einen Trainer mit einem Dirigenten. „Eine Fußballmannschaft ist wie ein Orchester, die Chemie muss stimmen. Und die Chemie stimmt bei der DFB-Elf nicht mehr“, hat der gebürtige Russe Ungereimtheiten zwischen Team und Coach ausgemacht.

Hoffnungsträger: Aleksey Miranchuk (vorne) ist im russischen Team für Sergey Korolev ein Führungsspieler für die Zukunft.

Auch der Fußball der russischen Nationalmannschaft hat den Neuberger zuletzt nicht vom Hocker gerissen. Hier wünscht sich der Musiker mehr Talentförderung durch einen anderen Trainer und eine bessere Infrastruktur im Fußball im gesamten Land. Dennoch traut er den Russen das Erreichen des Achtelfinals zu – mehr aber auch nicht. Russland trifft in der Gruppe B auf Belgien, Dänemark und Neuling Finnland. Als Favorit auf den Gruppensieg werden die Belgier gehandelt, Platz zwei wird heiß umkämpft sein. Jene Belgier sind für die Russen kein unbekannter Gegner, denn bereits in der Qualifikation sind die beiden Teams in Gruppe I aufeinandergetroffen. Damals musste Russland mit 1:3 und 1:4 die Segel streichen, qualifizierte sich aber als Gruppenzweiter – hinter Belgien – vorzeitig für die Europameisterschaft.

Am Samstag, 12. Juni, treffen die beiden Mannschaften bei der EM wieder aufeinandern. Vielleicht mit einem kleinen Heimvorteil für Russland, denn gespielt wird in St. Petersburg. Vier Tage später kommt es an gleicher Stelle zum Duell der benachbarten Eishockey-Nationen, denn dann heißt der Gegner Finnland.

Musik und Fußball können Einigkeit schaffen

Sergey Korolev wird die Spiele aus der Ferne verfolgen und freut sich auf die Austragung des sportlichen Großereignisses. „Musik und Fußball schenken beide Freude. Wenn ich ein gutes Fußballspiel schaue, freut mich das genauso, wie wenn ich ein schönes Musikstück höre. Beides schafft Brücken, lenkt vom Alltag ab. Musik und Fußball schaffen Einigkeit. Deshalb freue ich mich auf die kommende EM und hoffe, dass alle Teams vom Coronavirus verschont bleiben und vollständig teilnehmen können“, hält Sergey Korolev ein flammendes Plädoyer für gute Fußballspiele und schöne Musikstücke. (Von Julia Meiss)

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