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Die Abteilung wächst: Die E-Sportler der TGS Niederrodenbach stellen mittlerweile drei Fünferteams, die Ligaspiele gegen andere Mannschaften bestreiten. Das Bild ist vor der Corona-Krise entstanden.

Auf dem Weg zum anerkannten Sport?

E-Sportler der TGS Niederrodenbach können trotz Corona-Krise trainieren

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Nicht nur der Spielbetrieb, sondern auch der Trainingsbetrieb ist in den meisten Sportarten vorerst auf Eis gelegt. Das trifft aber nicht auf die „Gamer“ der E-Sport-Abteilung der TGS Niederrodenbach zu.

Zwar können auch sie sich nicht mehr wie gewohnt in ihrem Trainingsraum an der Bulauhalle in Rodenbach treffen. Doch das Training fällt damit keinesfalls aus. Es wird einfach von zu Hause aus trainiert.

Seit Oktober 2017 gibt es bei der TGS Niederrodenbach eine E-Sport-Abteilung. Die Niederrodenbacher sind damit absoluter Vorreiter im Main-Kinzig-Kreis. Der 30-jährige Abteilungsleiter Daniel Noll blickt auf die Gründung der Abteilung zurück: „Die Idee ist zweigleisig entstanden. Wir waren sechs oder sieben Handballer, die sich regelmäßig zum Zocken getroffen und die Idee gehabt haben, so eine Gründung auf die Beine zu stellen. Gleichzeitig gab es auch aus Teilen des Vorstands den Impuls, so etwas in die Wege zu leiten. Schnell hat das Ganze dann an Eigendynamik gewonnen. Konkretisiert haben wir die Gründung bei einem von uns auf dem Balkon.“

Viele Mitglieder waren zunächst skeptisch

Vor allem die Unterstützung des Hauptvereins hat ihnen den nötigen Aufwind gegeben. Doch nicht alle Vereinsmitglieder standen der Idee sofort positiv gegenüber: „Viele unserer älteren Mitglieder wollten das alles, verständlicherweise, noch mal erklärt bekommen. Die meisten konnten wir dann mit unserem Ziel überzeugen, die Gamer aus dem Keller in den Verein zu holen. Sie sollen sich an der Gesellschaft beteiligen und soziale Kontakte aufbauen. Trotzdem gibt es natürlich einen kleinen Teil vom alten Schlag, der dem immer noch kritisch gegenübersteht.“

Und da sind sie nicht alleine: Der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) erkennt E-Sport nicht als eine Sportart an. Begründung: die „fehlende körperliche Betätigung“. Daniel Noll spielt selbst Handball und kann die Bedenken von Teilen der Gesellschaft nachvollziehen. Es stimme schon, dass man sich beim Handballspielen beispielsweise deutlich mehr bewege.

Belastung für den Körper: Puls kann auf 190 steigen

„Trotzdem verlangt auch das Zocken dem Körper einiges ab. Der Radiosender FFH hatte mal einen E-Sports-Tag und dazu auch einen Arzt eingeladen. Dieser Arzt hat erzählt, dass er mal ein paar Jungs bei einem E-Sports-Event verkabelt hat. Dabei hat er festgestellt, dass manche von ihnen einen Puls von bis zu 190 hatten. Das zeigt mir, dass es trotz der geringen Bewegung eine Belastung für den Körper gibt. Zudem wird beim Zocken die Augen-Hand-Reaktion trainiert“, ist der 30-Jährige überzeugt.

Trainingsstätte: Die „Gamer“ der TGS haben ihren eigenen Raum, der im Moment natürlich nicht genutzt wird. Die E-Sportler trainieren im Moment zu Hause.

Besonders auf einen Aspekt legen der Verein und er jedoch großen Wert: den Teamgedanken. Denn den, so Noll, hätten sie bei ihnen wie bei jeder anderen Mannschaftssportart auch: „Wir sind nur so stark wie unser schwächstes Glied. Dieser Spruch gilt auch für uns. Deshalb müssen wir alle an einem Strang ziehen.“

Und wie in jedem anderen Sport auch, spielten bei ihnen Emotionen eine große Rolle. Und das können viele Hobby-„Gamer“ bestimmt bestätigen. Sicherlich ist dem ein oder anderen FIFA-Liebhaber schon der Puls durch die Decke gegangen, als der Spieler im Fernsehen mal wieder nicht das gemacht hat, was er hätte machen sollen.

Im E-Sport geht es mittlerweile um viel Geld

Der Trend im Bereich des E-Sports ist eindeutig: Der Markt boomt. Immer mehr Fußball-Bundesliga-Klubs gründen E-Sport-Teams. Dabei geht es mittlerweile um viel Geld. Die Vereine sehen in diesem Bereich einen Markt mit viel Potenzial. Das wachsende Interesse am E-Sport stellt auch Daniel Noll fest.

Viele der Mitglieder in seiner Abteilung sind bereits beim Handball aktiv. Aber auch 15 weitere „Gamer“ konnten als neue Mitglieder hinzugewonnen werden.

Niederrodenbach hat Teams bei "League of Legends" und "Counter Strike"

Dabei sind die Spieler nicht wie beim Fußball oder anderen Sportarten in Altersklassen unterteilt. Vielmehr ist es davon abhängig, welches Spiel er zockt. Die Niederrodenbacher haben derzeit drei Teams. Zwei dieser Teams zocken „League of Legends“, auch genannt „LoL“. Bei „LoL“ stehen sich zwei Mannschaften mit je fünf Spielern gegenüber. Ziel ist es, den gegnerischen Nexus, das Hauptgebäude, zu zerstören.

Das dritte Team ist beim Ego-Shooter-Klassiker „Counter Strike: Global Offensive“ aktiv. Auch hier stehen sich wieder zwei fünfköpfige Teams gegenüber. Single-Player-Games, also Spiele für Einzelspieler, werden nicht angeboten.

Trainingsraum bietet perfekte Bedingungen

Erst kürzlich hat sich die E-Sport-Abteilung noch einen sechsten PC für ihren Trainingsraum angeschafft. „Der sechste PC ist für den Trainer. Von dort aus kann er alles sehen. Er kann die Ansichten seiner Spieler auswählen und zwischen diesen hin- und herwechseln. Das bietet neue Möglichkeiten für das Training,“ erklärt Noll stolz.

Und noch einen Vorteil hat ihr Trainingsraum. Im Gegensatz zu den Sportarten, die sich den sehr engen Hallenbelegungsplänen anpassen müssen, sind die drei Trainingsgruppen der E-Sport-Abteilung sehr flexibel: „Wir können selbst entscheiden, ob wir nur eine oder vielleicht doch zwei Stunden trainieren. Da haben wir keinerlei Einschränkungen. Der Raum steht uns 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche zur Verfügung.“

Jedes Wochenende findet ein Spieltag statt

Seit 2017 gibt es den eSport-Bund Deutschland (ESBD). Auch die Gamer aus dem Main-Kinzig-Kreis sind dort Mitglied. Der ESBD hat eine Liga organisiert, an der auch sie teilgenommen haben. Jedes Wochenende haben sie sich in ihrem Raum getroffen und ein Spiel gegen andere Mannschaften ausgetragen. Praktisch jeder Spieltag ist ein Heimspieltag: „Wir brauchen auch diesen Wettkampfmodus. Der schweißt uns als Team zusammen.“

Deshalb organisieren sie in den Herbstferien ihr eigenes Turnier. Mannschaften aus ganz Deutschland kommen in die Bulauhalle und messen sich an den Computern. Alle Spiele sollen auch auf der Live-Streaming-Videoplattform Twitch gestreamt werden.

Coronavirus könnte Chance für Digitalisierung sein

Die Zeiten des Coronavirus zeigen, wie wichtig die digitale Transformation ist und was dadurch möglich ist. Auch Noll sieht in dem Virus eine Chance: „Ich kenne jemanden, der ist Lehrer und unterrichtet seine Schüler jetzt per Skype. Ich denke, dass so was wie E-Learning nun alltäglicher in Deutschland wird. Wenn ich aus asiatischen Ländern höre, wie gut dort die IT-Infrastruktur ausgebaut ist, glaube ich schon, dass sie uns dort einen Schritt voraus sind. Und das spiegelt sich dann natürlich auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz für E-Sports wider.“

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