Der Fußball geriet am Wochenende beim Neujahrscup von Rot Weiß Großauheim in den Hintergrund. Foto: TAP

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Nach Turnierausschluss: 1860-Trainer Hakim Kaya wehrt sich

Fußball. Der Turnierausschluss des TSV 1860 Hanau in Großauheim nach einem Spielabbruch wegen eines vermeintlichen Angriffs auf einen jungen Schiedsrichter sorgte auch im Nachklang für reichlich Diskussionsstoff. Und dazu für unterschiedliche Betrachtungsweisen.

Von Frank SchneiderDer Turniersieg des Kreisoberligisten FC Hanau 93 II geriet angesichts der unrühmlichen Vorfälle in der Sporthalle am Spitzenweg völlig zur Nebensache. Der Spielabbruch in der Partie zwischen Rot-Weiß Großauheim und dem TSV 1860 Hanau zog der Veranstaltung irgendwie den Stecker. Für die Turnierleitung war es angesichtsder überraschenden Tumulte wahrlich nicht einfach, den Überblick zu behalten. Immerhin schafften es alle Beteiligten, das Turnier zu Ende zu führen.

Einige Vereine legten darauf keinen Weg mehr, sie reisten kurzerhand ab. „Eigentlich hätten wir noch ein Platzierungsspiel gehabt, doch ich wollte meine Mannschaft nach den Vorfällen nicht mehr spielen lassen“, sagt etwa Patrick Falk, der Coach des A-Ligisten Spvgg. Langenselbold.

Bedeutungsloses Gruppenspiel artet aus

Doch was hat die Vorfälle ausgelöst? Eigentlich war das letzte Gruppenspiel zwischen den Rot-Weißen und dem TSV 1860 Hanau sportlich bedeutungslos. Beide Teams hatten schon genug Punkte für den Halbfinaleinzug gesammelt, zudem war aufgrund der Konstellation in der anderen Zwischenrundengruppe klar, dass die Hanauer das Masters-Ticket lösen, da eben die noch verbliebenen Konkurrenten VfB Großauheim und Spvgg. Langenselbold 1910 den Sprung unter die letzten Vier verpasst hatten.

Ein hartes Einsteigen, Beleidigungen und Schubsereien ließen das Spiel trotzdem aus dem Ruder laufen. Nach insgesamt vier Zeitstrafen zückte der 16-jährige Schiedsrichter gegen einen Spieler des TSV die Rote Karte. Danach kam es zur Rudelbildung. Den Vorwurf, er habe den Schiedsrichter an den Arm gepackt, um den Feldverweis zu verhindern, weist 1860-Coach Hakim Kaya von sich: „Ich bin zwar als Trainer explosiv wie Jürgen Klopp, doch ich habe in meinem Leben noch nie Gewalt angewendet, bin noch nie handgreiflich geworden – weder im Privaten noch im Sport. Ich habe drei Kinder und führe eine Bäckerei, Probleme versuche ich immer mit Worten zu lösen.“

Trainer habe nur schlichten wollen

Beschwichtigend hätte er sich, so Kaya, zwischen seine Spieler und den Schiedsrichter gestellt, um weitere Eskalationen und Feldverweise zu verhindern. Dabei habe er mit seinem rechten Arm seine Spieler ferngehalten und den linken Arm gegen den Schiedsrichter gelehnt. „Der junge Mann hat geweint und gezittert und ist plötzlich zusammengebrochen – aber sicherlich nicht durch einen Schlag von mir.“

Überhaupt kann der Trainer die Aufregung um seinen Verein und auch den Turnierausschluss nicht verstehen. „Niemand von uns hat jemanden geschlagen und wir werden jetzt in eine Ecke gedrängt. Wir haben ein super Turnier gespielt und werden jetzt um die Masters-Qualifikation gebracht“, ärgert sich Kaya.

Masters-Ticket für 1860 Hanau ist futsch

Nutznießer ist nun der VfB Großauheim, der nun beim Masters vertreten sein wird. Selbst die neun erzielten Treffer von Kerem Kaya seien von der Turnierleitung annulliert worden. Der TSV-Akteur wäre damit Torschützenkönig geworden.

Der in der Halle anwesende Walter Heßler hat die Vorkommnisse nicht im Detail gesehen, bezieht aber klar Position. „1860 Hanau ist doch selbst schuld, ohne die Vorfälle hätte es keinen Ausschluss seitens der Turnierleitung gegeben und sie wären beim Masters dabei gewesen“, erklärt das Mitglied des Hanauer Kreisfußballausschusses.

Gab es einen Schlag gegen den Schiri oder nicht?

Nach Turnierende verliefen die Diskussionen kontrovers. „Einen Schlag hat es vermutlich nicht gegeben, und der Schiedsrichter hätte die Rote Karte am besten nicht inmitten der Spielertraube zücken sollen“, räumt Heßler ein, ohne die Vorkommnisse kleinreden zu wollen. Womöglich drohen dem A-Ligadritten nun in einer Sportgerichtsverhandlung weitere Sanktionen, die bis hin zu einem Punktabzug in der Liga führen können.

„Es gibt es genug Gewalt gegen Schiedsrichter. Es war einfach an der Zeit, ein Zeichen zu setzen, daher habe ich mich in Absprache mit der Turnierleitung für den Turnierausschluss entschieden. Und wenn nichts vorgefallen wäre, dann wäre es ja auch gar nicht soweit gekommen“, erklärt Klaus Bechtel, der Vorsitzende des FC Rot-Weiß Großauheim.

Schiri-Obmann geschockt von den Vorkommnissen

Der stellvertretende Kreisschiedsrichterobmann Philipp Götzl-Mamba zeigt sich geschockt, dass abermals ein Schiedsrichter unter überkochenden Emotionen leiden musste. Er sei herbeigerufen worden und habe den 16-jährigen Unparteiischen schließlich nach Hause gefahren und dort auch das Gespräch mit den Eltern geführt. „Sie schicken ihren Jungen auf ein Turnier und er kommt verstört nach Hause. Da ist es doch klar, dass sich die Begeisterung in Grenzen hält. Wir sind in solchen Fällen schon als Hobbypsychologen gefragt“.

Laut Götzl-Mamba ist zu befürchten, dass die Vereinigung abermals ein Schiedsrichter-Talent verliert, denn ob der junge Spielleiter seine Karriere überhaupt fortführen möchte, stehe in den Sternen. Hinsichtlich des Tathergangs hält sich das Mitglied des Schiedsrichterausschusses bedeckt: „Der Sonderbericht liegt noch nicht vor, und ich möchte auch keineswegs der Sportgerichtsbarkeit vorweggreifen.“

Schiri-Attacken keine Einzelfälle mehr

Kein Verständnis hat der Großkrotzenburger, dass ein noch minderjähriger Schiedsrichter von ausrastenden Sportlern fortgeschrittenen Alters überhaupt angegriffen wird. Ob verbal oder durch tätliche Berührungen. „Grundsätzlich ist es schockierend, so etwas mitzubekommen. Und wenn man sieht, wie viele derartige Vorkommnisse es in den vergangenen Monaten gab, so kann man leider auch nicht mehr von bedauerlichen Einzelfällen reden.“

Mit der Entscheidung, das Spiel nach den Tumulten abzubrechen, habe der junge Schiedsrichter alles richtig gemacht, Berührungen gegen den Schiedsrichter müssen tabu bleiben. „Die persönliche Unversehrtheit des Schiedsrichters muss immer an erster Stelle stehen“, untermauert Philipp Götzl-Mamba abschließend.

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