Mehrere Spieler des Fußball-B-Ligisten Türkischer SC Offenbach salutieren nach dem 2:2-Ausgleich in der Partie beim VfB Offenbach II. Der Kreisfußballausschuss wird die Aktion beim Sportgericht anzeigen. Screenshot: Mainkick.tv

Fußball

Militärischer Gruß beschäftigt auch türkische Clubs der Region

Fußball. Der militärische Gruß, den türkische Fußball-Nationalspieler bei den EM-Qualifikationsspielen gegen Albanien und Frankreich zeigten, beschäftigt auch die türkischen Klubs in der Region.

Von Jörg Moll und Stefan Moritz

Beim Gastspiel in der Kreisliga B Offenbach 1 beim VfB Offenbach II hatten am vergangenen Wochenende Spieler des Türkischen SC Offenbach den Militärgruß gezeigt. Vier Spieler waren nach dem Ausgleich zum 2:2-Endstand vor die Kamera des Online-Streamingdienstes Mainkick.tv gelaufen und hatten in einer Reihe stehend salutiert. Das wird nun ein Nachspiel vor dem Sportgericht haben.

„Wir werden jeden einzelnen Fall vor dem Sportgericht zur Anzeige bringen“, betont Jörg Wagner. Der Offenbacher Kreisfußballwart beruft sich dabei auf das Leitbild des Hessischen Fußball-Verbandes, in dem es heißt: „Ohne jegliche Diskussion und ohne jeglichen Zweifel lehnen wir kriegerische Handlungen ab. Diese und deren Solidarisierung widersprechen grundsätzlich dem Leitbild und den Werten des Hessischen Fußballs.“ Wagners persönliche Meinung ist eindeutig: „Krieg ist immer der falsche Weg.“ Und die Solidarisierung somit das falsche Signal. Die Verantwortlichen des Türkischen SC wollten sich auf Nachfrage nicht äußern. „Unser Anwalt hat uns geraten, kein Statement abzugeben“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Burak Yerlikaya.

„Wir sehen uns als Verein für jeden, der Sport treiben will.“

Das Sportgericht wird jeden Fall einzeln zu entscheiden haben, unter anderem auf die Frage: Handelte es sich um eine Unsportlichkeit? Darunter versteht die Rechtsprechung politische, extremistische oder obszöne Darstellungen. Jürgen Weil, Vorsitzender des Offenbacher Sportgerichts, betonte, dass eine Anzeige den üblichen Rechtsweg nehme. Dazu gehört auch, dass der angezeigte Verein beziehungsweise Spieler Stellung nehmen darf. Bei einer Verurteilung droht Spielern ein Strafmaß von einem bis maximal zwölf Spielen Sperre. Auf den Verein können Geldstrafen von 50 bis 1500 Euro und/oder Punktabzüge von drei bis maximal 24 Punkten zukommen.

Über das Salutieren wird auch bei den türkisch geprägten Klubs der Region diskutiert. Klar ist die Position beim in der Kreisliga B Gruppe 2 spielenden Türkischen SV Seligenstadt. „Als Verein distanzieren wir uns komplett davon“, sagt Trainer Bayram Tunc: „Wir sehen uns als Verein für jeden, der Sport treiben will.“ Tunc persönlich betont: „Ich bin gegen jede Art von Krieg.“ Gleichwohl meint er: „Man muss aber sehen, aus welcher Intention heraus dieser Gruß gezeigt wird: Um den Krieg zu befürworten oder vielleicht um gefallene Soldaten zu ehren.+

„Das brauchen wir überhaupt nicht“

Man sollte auch nicht vergessen, dass schon viele Spieler anderer Nationen diesen Gruß als Torjubel gezeigt haben: Mario Mandzukic, Antoine Griezmann oder auch Lukas Podolski zum Beispiel. Ich finde, dem Ganzen wird jetzt zu viel Beachtung geschenkt.“ Aus diesem Grund werde man beim Türk. SV das Thema auch nicht extra in der Kabine thematisieren. „Manchmal ist ignorieren besser, als ein großes Fass aufzumachen.“ Sollte ein Spieler beim Torjubel den Gruß zeigen, würde Tunc das Gespräch suchen.

Das Thema nicht allzu hoch kochen will auch Dirk Vereeken. „Das brauchen wir überhaupt nicht“, meint der Hanauer Kreisfußballwart: „Und je weniger man darüber spricht, umso besser ist es.“ Bislang kennt er keinen Fall in seinem Zuständigkeitsbereich. Er stellt aber klar, dass es bei entsprechenden Vermerken von Schiedsrichtern auf Spielberichtsbögen zur Anzeige beim Sportgericht kommen wird.

Spannungen zwischen den Ethnien auch im Verein

Das Gespräch mit dem Spieler suchen will auch Mehmet Bayram, seit Jahren als Funktionär beim Hanauer Gruppenligisten Türk Gücü Hanau aktiv. „Wir würden keinen Spieler aus dem Verein werfen, aber klarmachen, dass wir das nicht möchten“, betont der frühere Spielausschussvorsitzende und aktuelle Nachwuchsleiter von 120 Jugendlichen in elf Teams. „Wir sehen uns als multikultureller Verein und wollen uns politisch in kein Lager drängen lassen. Wir trennen Sport und Politik.“ Die Kurden-Problematik spiele im Verein keine Rolle. In Mazhar Özelci sei ein Kurde sogar Vorsitzender des Vereins.

Kenan Argal, Vorsitzender des Kreisoberligisten Safakspor Hanau, sieht durchaus eine Problematik im Verhältnis zwischen den Ethnien, auch im eigenen Verein, in dem Türken, Kurden und Aleviten neben vielen anderen Nationalitäten Fußball spielen. Als Grund für diese Konflikte hat er die Spaltungspolitik des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogans ausgemacht.

Das sei ein großes Problem

„Das ist ein großes Problem in der türkischen Community“, sagt Argal. Auch die kriegerischen Handlungen seines Heimatlandes in Syrien sieht er extrem kritisch. „Krieg darf man nie verharmlosen.“ Das Salutieren bei Toren kommt für den Safakspor-Boss, der seit mehr als zehn Jahren im Amt ist, überhaupt nicht in Frage. Safakspor stehe für eine multikulturelle, antirassistische und liberale Welt: „Alles andere hat bei uns keinen Platz.“ Argal war jahrelang politisch aktiv in der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF), die 2016 den Integrationspreis der deutschen Bundesregierung erhielt.

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