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Lernen von einem Schachtalent: Lennard Tabola von den Schachfreunden Schöneck erklärt der früheren Hockey-Nationalspielerin Marilena Krauß die Figuren und deren Funktionen auf dem Schachbrett.

Marilena und die Minis

Marilena Krauß taucht in die schwierige Welt des Schachsports ein

Vor mehr als einem Monat wurde ich sprichwörtlich schachmatt gesetzt als mir meine Gegenspielerin in einer Partie Hockey meinen rechten Daumen brach.

Nachdem ich eingesehen habe, dass auch ein so kleines Körperteil einen riesigen Einfluss auf die Leichtigkeit alltäglicher Handgriffe hat, machte ich mich auf die Suche nach einer verletzungsarmen Sportart. Gelandet bin ich schnell bei den Schachfreunden Schöneck. Ohne eine grobe Vorstellung, was mich im Schachtraining für ein Programm erwartet, habe ich noch vor dem großen Ausbruch der Corona-Krise einen Teil der Sportwelt betreten, zu dem ich nie zuvor in meinem Leben Zutritt hatte. 

Eine freundliche Begrüßung

Ich werde freundlich im Dorfgemeinschaftshaus Oberdorfelden begrüßt und setze mich direkt vor ein Schachbrett. Ich begutachte das Schachbrettmuster, das sowohl in senkrechter, als auch in waagerechter Richtung abwechselnd von weißen und schwarzen Felder geziert wird. Entlang der Grundlinie – so wird die Linie genannt vor der die Schachfiguren zu Beginn des Spiels nach vorgegebenem Muster aufgestellt werden – sind die Linien, ähnlich wie beim Schiffe versenken, mit Buchstaben gekennzeichnet. 

Die Reihen, die parallel zur Grundlinie liegen, hingegen mit Zahlen. Dank dieser Beschriftung wird jedem Feld eine einmalig vorkommende Kombination aus einem Buchstaben und einer Zahl zugewiesen. Mit Hilfe ebendieser werden bei einem Turnierspiel die Spielzüge der beiden Spieler festgehalten. Anhand des Spielprotokolls stellt Trainer Kai-Christian Meyer mit Lennard Tabola die beim vergangenen Turnier gezeigten Spielzüge nach und bespricht diese auf Basis taktischer Strategien. „Springer auf C6“, während ich, überfordert von der Schnelligkeit mit der die Spielzüge nachgestellt werden, versuche taktischen Hintergedanken einzelner Züge zu folgen, sind Schützling und Trainer bereits einige Züge weiter.

Effizientes Lösen ist angesagt

Um das Erkennen und automatisierte Lösen besonders häufig vorkommender Spielszenen zu schulen, stellt Meyer einzelne Figuren-Konstellationen auf und bittet seinen Gegenüber diese so effizient wie möglich zu lösen. Im Rahmen dieser Übung ist deutlich zu erkennen, dass einzelne Spielzüge dazu benutzt werden, um eine Aktion des Gegners zu provozieren, von einem eigentlich geplanten Spielzug abzulenken oder beispielsweise eine Figur zu opfern, um dann im nächsten Zug Profit aus der vorherigen Aktion zu schlagen. 

Beeindruckend zu beobachten, wie viele Schritte der erst neunjährige Lennard im Voraus plant. Das scheint so ein Ding zu sein bei den geübten Schachspielern. Denn während ich als Laie mich beeindruckt zeige, neckt der 18-Jährige Kenny Jung seinen Kollegen freundschaftlich und tadelt, da habe es doch gewiss eine bessere Option gegeben. Im Anschluss schildert er mir, so gehe es ihm ständig: „Sobald ich irgendwo ein Schachbrett sehe, egal ob bei Harry Potter oder im Park. Ich muss immer sofort mitdenken und überlege, ob es nicht vielleicht doch einen besseren Zug gegeben hätte. Fängt man einmal damit an, kommt man nicht mehr davon los!“.

Zusammenwirken verschiedener Alter

Schön finde ich das Zusammenwirken von Spielern ganz unterschiedlichen Alters, die Freude am gemeinsamen Austüfteln von Verbesserungen haben und sich wie eine kleine Familie geben. Um ein wenig gezielter in die Vibes des Schachspiels einzusteigen, lasse ich mir die Figuren mit ihren Namen und Funktionen erklären. 

Bauern laufen ein Feld nach vorne und können diagonal schlagen, der König kann ein Feld in jede Richtung ziehen, die Dame kann diagonal und vertikal ziehen, ein Turm bewegt sich in gerader Richtung so weit er will, Läufer ziehen diagonal und Springer zwei Felder vor und eins zur Seite. Besonders einprägsam ist dabei der Satz: „Die Dame ist die stärkste Figur“. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt ausschließlich mit männlichen Mitstreitern am Tisch sitze, ist mir bereits vor Ende des Satzes klar, dass ich damit in keinem Fall gemeint sein kann. 

Zum Abschluss des Trainings folge ich einigen hitzigen Partien, bei denen die Spieler versuchen den König des Gegenübers schachmatt zu setzen, was bedeutet, dass dieser mit keinem regelgerechten Zug mehr diese Position zu seinem Vorteil verändern kann. Nun überlege ich meiner Gegenspielerin im Hockey, der ich meine Daumenverletzung verdanke, eine Anmeldung für einen Schachverein zu schicken – da ist schachmatt setzen nämlich regelkonform.

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