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Mariia Rud vom BV Maintal über ihre Flucht: „Ein Krieg war außerhalb meiner Vorstellungskraft“

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„Ich hatte die ganze Zeit Angst.“: Die 29-jährige Mariia Rud, die seit sechs Jahren für den 1. BV Maintal spielt, hätte sich so etwas wie den russischen Angriffskrieg nie vorstellen können.
„Ich hatte die ganze Zeit Angst.“: Die 29-jährige Mariia Rud, die seit sechs Jahren für den 1. BV Maintal spielt, hätte sich so etwas wie den russischen Angriffskrieg nie vorstellen können. © Scheiber

Die ukrainische Badmintonspielerin Mariia Rud schlägt seit sechs Jahren für den BV Maintal auf. Meist flog sie nur zu den Spielen aus ihrer Heimat ein. Nach dem Kriegsausbruch flüchtete sie und kam bei einer ehemaligen Teamkollegin unter.

Maintal – Auf dem Weg zum Hauptbahnhof ist sie sich immer noch nicht sicher, ob sie Kiew verlassen soll. Sie fährt vorbei an zerstörten Häusern. In der Ferne hört sie Schüsse und Explosionen. Heute ist Mariia Rud in Sicherheit und lebt bei einer moldawischen Freundin in Frankfurt. Die 29-jährige Ukrainerin spielt seit sechs Jahren für den 1. BV Maintal Badminton.

Ungewöhnlich ist das nicht, erzählt die junge Frau. Viele Profis aus der Ukraine suchten sich deutsche Vereine, um hier jenseits der kleinen ukrainischen Liga Erfahrung zu sammeln und Geld zu verdienen. Zu Spielen flog sie aus Kiew ein. Wie am 24. Februar, an dem sie zu einem Turnier nach Deutschland aufbrach. Am frühen Morgen fuhr sie zum Flughafen in Kiew. „Ich habe die Unruhe in der Stadt gefühlt, aber nicht gewusst, was los ist“, erinnert sie sich.

Am Flughafen angekommen, wurde schnell klar, dass ihre Reise hier endet. Innerhalb weniger Minuten waren alle Flüge gecancelt. „Der Luftraum war direkt für zivile Maschinen gesperrt“, erklärt sie. Sie fuhr mit dem Taxi zurück. Leise hörte sie Explosionen. Sie chattete und telefonierte mit Familie und Freunden. Die meisten von ihnen lebten nicht wie sie in Kiew, sondern in ihrer Heimatstadt Dnipro in der zentralöstlichen Ukraine. „Wir konnten es alle nicht glauben. Damit hatte keiner gerechnet“, erinnert sie sich.

Mit „damit“ meint sie den Angriffskrieg, den der russische Präsident Wladimir Putin seit dem 24. Februar gegen ihr Heimatland führt. Einer ihrer Freunde lebt in Butscha, der Stadt, die seit wenigen Tagen Inbegriff für die Brutalität und Grausamkeit russischer Soldaten gegenüber der ukrainischen Zivilbevölkerung ist. „Er erzählte, dass er ständig Schüsse hört und dass die Fenster in seinem Haus von der Druckwelle eines Luftangriffs geborsten seien.“

Mariia Rud kennt viele, die direkt am ersten Tag des Krieges flohen. In kilometerlangen Autokolonnen steckten sie fest, brauchten mehrere Tage, bis sie die polnische Grenze erreichten. „Ich habe nachgedacht, aber ich hatte keine Ahnung, was ich bei einem Krieg tun würde. Das war bis dahin außerhalb meiner Vorstellungskraft“, sagt die junge Frau. „Gestern noch sitze ich im Restaurant und esse Sushi. Und heute ist plötzlich Krieg.“

Mariia Rud flüchtete mit Auto, Zug und zu Fuß nach Deutschland.
Mariia Rud flüchtete mit Auto, Zug und zu Fuß nach Deutschland. © Merkelbachh

Sie lebte mit ihrem Hund, einem Akita, in Kiew. Die dritte Kriegsnacht verbrachte sie in einer Metrostation. „Ich hatte die ganze Zeit Angst. Deshalb habe ich mich entschieden, zu fliehen. Ob das richtig war, weiß ich nicht. In dieser Situation gibt es keine richtige oder falsche Entscheidung“, erzählt Mariia Rud. Wenigstens in ihrer Heimatstadt, in der ihre Familie lebt, war es zu diesem Zeitpunkt ruhig.

Mit Hund und Rucksack versuchte sie, zum Hauptbahnhof zu kommen, was sich ohne Auto jedoch als schwierig entpuppte. Doch sie merkte schnell: In dieser Ausnahmesituation hilft jeder jedem. Ein Freund eines Freundes nahm sie und ihren vierbeinigen Begleiter mit. Der Bahnhof war überfüllt mit Menschen, die wie sie fliehen wollten, hauptsächlich Frauen und Kinder, die panisch versuchten, in die überfüllten Züge zu kommen. Erst gegen Mitternacht schaffte sie es, für sich und ihren Hund einen Platz zu ergattern.

„Ich habe Kiew nicht wiedererkannt. Es war so eine schöne Stadt. Und plötzlich waren überall Militär und zerstörte Häuser.“ 15 Stunden war sie unterwegs nach Lwiw, wo sie sich einen Tag lang bei einem Freund ausruhen konnte, bevor es für sie zur nahen polnischen Grenze weiterging. Bei jedem Luftangriff blieb der überfüllte Zug stehen. Die Fenster wurden geschlossen, die Lichter gelöscht. Leute schliefen auf dem Boden. „Ich habe immer nur den nächsten Schritt geplant und mir keine Gedanken gemacht, was danach kommt“, erinnert sich Mariia Rud. Viele Freunde schrieben ihr und boten Hilfe an. Auch ihr Badminton-Team aus Maintal - eine Hilfe, die sie dankend annahm.

Statt über die polnische Grenze, schaffte sie es nach Rumänien. Ein Bekannter nahm sie mit dem Auto bis kurz vor die Landesgrenze mit. Sie überquerte die Grenze zu Fuß, fuhr weiter mit dem Zug nach Bratislava, von dort über Prag nach Frankfurt, wo sie am 6. März ankam. Anastasia Winands, eine moldawische Freundin, und ehemalige Spielerin des 1. BVM, nahm sie bei sich auf. Sie war überwältigt von der Hilfsbereitschaft, die sie auf ihrer Reise erfuhr. „In den Bahnhöfen gab es Betten und Essen für uns. Das war ein großartiges Gefühl“, erzählt Mariia Rud.

Mit ihrem Vater in Dnipro hält sie täglich Kontakt und erkundigt sich nach ihrer Oma. „Ich bin sonst keine, die täglich bei ihren Eltern anruft. Aber ich habe die beiden sehr vermisst.“ Ihr Vater ist 53 und darf das Land nicht verlassen. Es schmerzt sie, dass ihre über 80-jährige Großmutter nach dem Zweiten Weltkrieg auch diesen Krieg erleben muss.

Heute fühlt Mariia Rud sich hier sicher. Der BV Maintal bindet sie in die Jugendarbeit ein. Sie hält Kontakt zu anderen Badminton-Spielerinnen aus ihrer Heimat und besucht sie. In ihrem Job arbeitet sie remote. Seitdem sie ihre Profikarriere vor wenigen Jahren an den Nagel gehängt hat, ist sie IT-Spezialistin.

In ihrer Freizeit malt Mariia Rud und knüpft Kontakte zu anderen ukrainischen Künstlern. „Das ist meine Art, meine Gefühle über das, was ich erlebt habe, auszudrücken“, sagt sie. Sie spricht sehr gut Englisch und fühlt sich in Deutschland willkommen. „Mein Leben hier ist relativ unbeschwert.“ Trotzdem vermisse sie ihre Heimat sehr. „Alles, was ich dabeihabe, ist mein Hund, ein Rucksack und meine Yoga-Matte, auf der ich überall schlafen kann“, erzählt sie.

An eine Rückkehr denkt sie trotzdem derzeit nicht. „Die Russen sind unberechenbar“, sagt sie. Sie habe Freunde und nahe Verwandte in Russland. Wütend auf das Nachbarland sei sie nicht. „Dennoch möchte ich keinen Kontakt zu Russen. Ich verstehe nicht, was ein Land einem anderen antun kann, um einen derartigen Krieg zu führen.“

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