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Lob und Skepsis bei Trainern der Region für neue Handballregeln

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Von: Robert Giese

Behandlung nach Kopftreffer: Keeper wie Sebastian Schermuly werden durch die Regelanpassung besser geschützt. Auch in Sachen Schnelle Mitte gibt es eine Änderung.
Behandlung nach Kopftreffer: Keeper wie Sebastian Schermuly werden durch die Regelanpassung besser geschützt. Auch in Sachen Schnelle Mitte gibt es eine Änderung. © Scheiber

Vor sechs Jahren gab es beim Handball eine Handvoll Regeländerungen, deren Vor- und Nachteile seitdem kontrovers diskutiert werden. Ab der kommenden Saison werden einige weitere Regeln abgeändert, so zum Beispiel die Maximalzahl der Pässe bei angezeigtem passiven Spiel. Wir haben uns bei Trainern aus der Region umgehört, wie sie diese Änderungen bewerten.

Hanau/Rodgau – Diese gelten ab heute, denn der 1. Juli läutet die neue Saison 2022/23 ein. Eine der Regeländerungen, die in den vergangenen Jahren für viele Diskussionen gesorgt hatte, war die bezüglich des passiven Spiels: Nach Anzeigen des passiven Spiels durch die Schiedsrichter blieben dem angreifenden Team seitdem maximal sechs Pässe, um zum Torabschluss zu kommen - danach wechselte der Ballbesitz. Diese Regel wird nun insofern modifiziert, dass ab der kommenden Saison die Anzahl der Pässe von sechs auf vier reduziert wird, Freiwürfe unterbrechen die Zählung nicht.

„Diese Regeländerung ist prinzipiell eine gute Sache, denn sie sorgt dafür, dass die angreifende Mannschaft schneller in eine torgefährliche Situation kommen muss. Bisher wurden die sechs Pässe als taktisches Mittel häufig ausgereizt“, findet Jan Redmann, Trainer der Männermannschaft der HSG Rodgau Nieder-Roden, die in der 3. Liga spielt.

Nur noch vier Pässe nach dem Anzeigen von passivem Spiel

Ähnlich sieht es der Coach der HSG Hanau II, Norbert Wess: „Während der sechs Pässe konnten die Mannschaften bisher viel Zeit von der Uhr spielen, womit die Regel eigentlich das Gegenteil dessen bewirkt hat, wofür sie eingeführt wurde.“ Durch die Reduzierung auf nur noch vier Pässe werde diese Praxis nun etwas entschärft, dem erfahrenen Oberliga-Trainer wäre es aber dennoch lieber, dass Schiedsrichter vermehrt darauf achten, „dass Zug zum Tor da ist“ - und ansonsten frühzeitig abpfeifen.

David Kasselmann, Spielertrainer des Bezirksoberligisten TSV Klein-Auheim
David Kasselmann, Spielertrainer des Bezirksoberligisten TSV Klein-Auheim © -

Der Spielertrainer des Bezirksoberligisten TSV Klein-Auheim, David Casselmann, sieht es ebenfalls so, dass die Auslegung des Zeitspiels durch die Reduktion auf vier Pässe „genauer wird. Bisher konnten die Mannschaften auch bei angezeigtem passiven Spiel den Ball noch sehr lange ausspielen.“ Der Königsweg wäre nach Ansicht des früheren Schiedsrichters aber, wie früher auf das Bauchgefühl der Unparteiischen zu setzen.

Anpassung beim Anwurf macht das Spiel schneller, birgt aber problematische Umsetzung

Mehr Tempo ins Spiel bringen dürfte, da sind sich die drei Trainer einig, eine Änderung, die den Anwurf betrifft: Diesen musste der ausführende Spieler bisher auf dem Anwurfpunkt stehend ausführen, künftig kann der Anwurf auch in der Bewegung innerhalb eines Mittelkreises mit vier Metern Durchmesser ausgeführt werden.

Redmann begrüßt diese Änderung sehr: „Die Schnelle Mitte ist ein Qualitätsmerkmal, und es sollte belohnt werden, wenn ein Team das gut spielen kann. Früher war da Vieles Auslegungssache, nun wird es vereinheitlicht“, so der Drittliga-Trainer. Auch Casselmann erwartet nun ein schnelleres, noch attraktiveres Spiel, das den Mannschaften aber auch mehr abverlange: „Die Spieler müssen sich nun noch früher Gedanken um den Rückzug machen und taktische Wechsel zwischen Angriff und Abwehr werden auch erschwert.“

Norbert Wess, Coach des Handball-Oberligisten HSG Hanau II
Norbert Wess, Coach des Handball-Oberligisten HSG Hanau II © -

Oberliga-Coach Wess sieht es als Vorteil, dass es „beim Anpfiff nun eine gewisse Toleranz gibt, dadurch wird das pedantische Zurückpfeifen der Schnellen Mitte unterbunden.“ Durch die Regeländerung werde es nun noch mehr auf „cleveres Rückzugsverhalten“ ankommen, die Auswirkungen müssten nach Aussage des Hanauer Trainers aber noch abgewartet werden. Ebenso steht die Umsetzung der Regel in den Hallen noch in den Sternen: Während die Drittligisten die Anwurfzone optisch deutlich kenntlich machen müssen, sollen in den Ligen darunter zunächst auch „pragmatische“ Lösungen möglich sein - unter anderem das Verwenden von Kreisen mit anderen Abmessungen oder das Abkleben der Anwurfzone vor jedem Spiel.

Dritte Regeländerung befasst sich mit Kopftreffern von Keepern

Die dritte Regeländerung gilt dem Schutz der Spieler, in diesem Fall der Torhüter: Trifft ein Spieler bei einer freien Wurfsituation den Kopf des gegnerischen Schlussmanns, kann er mit einer Zeitstrafe sanktioniert werden. Bei dieser Regeländerung waren die drei Trainer zwiegespalten: Während alle dem Schutz der Schlussmänner einen großen Stellenwert einräumten, sahen auch alle drei Probleme bei der Umsetzung.

Die Schiedsrichter müssten nämlich gleichzeitig im Auge haben, ob der Schütze frei zum Abschluss kommt und ob der Torwart sich bewegt - und das sei sehr schwierig. „Torhüter sind ja eigentlich immer in Bewegung“, merkt Redmann an, der auch zu bedenken gibt, „dass Kopftreffer in unserer Liga nicht so häufig vorkommen.“ Auch Wess verweist darauf, „dass wir ja eigentlich am Torwart vorbei werfen wollen und Spieler in unserer Liga auch dazu in der Lage sind.“

Jan Redmann, Coach des Handball-Drittligisten HSG Rodgau Nieder-Roden
Jan Redmann © -

Redmann erwartet in dieser Hinsicht eher Schwierigkeiten für die Außenspieler in den unteren Ligen, die häufiger mal für Kopftreffer sorgen würden. Casselmann sieht vor allem auf die Schiedsrichter viel Arbeit zukommen, diese müssten zukünftig häufiger entscheiden, „ob der Torwart steht oder sich bewegt und ob ihn der Ball tatsächlich am Kopf getroffen hat - da gibt es viel Auslegungsspielraum.“ Insgesamt, so die drei Trainer, müsse abgewartet werden, wie diese Regel umgesetzt werde. Ihrer Ansicht nach sei es gut möglich, „dass wir am Anfang sehr viele Zeitstrafen wegen Kopftreffern sehen werden“, damit die Spieler sensibilisiert würden. (Von Robert Giese)

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