Schwelgen in Erinnerungen: Gerhard Kraft (links) war vor 50 Jahren der Matchwinner für seine Hochstädter. Erhard Leubecher und die favorisierten 93er zogen vor 4000 Zuschauern mit 2:4 den Kürzeren und verspielten die schon sicher geglaubte Meisterschaft. Foto: TAP

Fußball

Vor 50 Jahren: Aufstiegskracher zwischen Hochstadt und Hanau 93

Fußball. Gerhard Kraft und Erhard Leubecher sind jung geblieben. Den beiden über 70-Jährigen – Kraft ist 74 Jahre alt, Leubecher wird in wenigen Tagen 72 Lenze alt – sieht man ihr Alter nicht an. Auf und neben dem Fußballplatz haben die beiden vieles erlebt, ein legendäres Spiel vor 50 Jahren sticht aber heraus.

Von Gert Bechert

Am 5. Juni 1969 fand auf dem Hochstädter Waldsportplatz ein Spiel statt, das in die lokale Fußballgeschichte einging. Vor über 4000 Zuschauern siegten die Lila-Weißen 4:2 gegen den FC Hanau 93 und stiegen nach einem 2:1-Sieg drei Tage später gegen den SV Steinheim in die Hessenliga auf. Für die 93er, die fast die gesamte Saison die Tabelle anführten, brach dagegen eine Welt zusammen.

„Für uns war es das letzte Spiel, mit einem Sieg wären wir Meister gewesen und hätten auf Anhieb die Rückkehr in die Hessenliga geschafft“, erinnert sich Leubecher zurück. Er war im Sommer 1968 als 21-Jähriger von den Amateuren von Kickers Offenbach zu den 93ern gewechselt. Mit ihm kamen noch ein Dutzend weitere Spieler, die nur ein Ziel hatten: sofortiger Wiederaufstieg. „Die Kameradschaft war schon gut, aber der Zusammenhalt sicher nicht so hoch wie bei den Hochstädtern, die auf viele Eigengewächse bauten“, sucht Leubecher noch 50 Jahre später nach Gründen für die Niederlage.

Hochstädter am Ende nur noch zu neunt

Der HA titelte damals: „Bissige Hochstädter Fußball-Elf vor dem Titel“. Berichterstatter war der damalige Sportredakteur Dieter Weirich, der später zum Chefredakteur aufstieg und in der Medienwelt Karriere machte. Er attestierte den 93ern, „zu braven Fußball“ gespielt zu haben – und das gegen am Ende nur noch neun Hochstädter Kicker. In der 31. Minute war Harald Steinbrecher vom Platz geflogen, in der 85. Minute folgte Günther Schmidt. Schiedsrichter Winter (Obertshausen) wurde bei den FCH-Fans zum Buhmann. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn wir das Spiel nach einer 3:0-Führung noch verloren hätten“, sinniert Kraft über den Auftritt des Unparteiischen.

Apropos Kraft. Der damals 24 Jahre alte Sturmtank der Lila-Weißen avancierte mit drei Toren zum Matchwinner. „Er war der Hauptgrund, weshalb wir das Spiel verloren. Wir haben ihn einfach nicht in den Griff bekommen. Selbst als die Hochstädter nur noch zu neunt waren, war er brandgefährlich“, lobt Leubecher den Torjäger. Mit seinem dritten Streich in der Schlussminute besiegelte Kraft endgültig das Schicksal des ältesten hessischen Fußballvereins.

Warmmachprogramm in Hanau: 93er kamen erst kurz vor Anpfiff

Dabei strotzten die 93er vor Selbstbewusstsein, als sie kurz vor dem Anpfiff auf dem Waldsportplatz eintrafen. „Wir haben uns auf dem Fußballteppich im Wilhelmsbader Stadion warm gemacht und sind dann bereits in voller Spielmontur per Bus die paar Kilometer nach Hochstadt gefahren“, berichtet Leubecher. Im Nachhinein für ihn ein Fehler. „Wir hätten uns auf dem Wald- und Wiesenplatz in Hochstadt warm machen sollen, dann wären wir vielleicht besser mit dem sehr unebenen Geläuf zurechtgekommen.“ Im Nachhinein alles Erklärungsversuche, die den Hauptgrund der Niederlage nur vertuschen. Einem nie zu stoppenden Gerhard Kraft und dem unbändigen Siegeswillen der Gastgeber hatten die 93er an diesem denkwürdigen Tag nichts entgegenzusetzen.

Ein halbes Jahr zuvor hatte es noch ganz anders ausgesehen. Im Hinspiel hatten die 93er vor 2500 Zuschauern den FCH mit 1:0 in die Schranken gewiesen. Stefan Mayer schrieb damals im HA von einem Sieg der Technik über einsatzfreudigen und derben Kraftfußball. Mit dieser Gewissheit der Überlegenheit gingen die von Spielertrainer Manfred Erber gecoachten 93er ein halbes Jahr später in das entscheidende Spiel in Hochstadt. Zumal ihnen eine kurz zuvor bekannt gewordene Personalie in die Karten zu spielen schien. Wenige Tage vor der Partie platzte die Bombe, dass FCH-Stammkeeper Horst Weber nach Rundenschluss zu den 93ern wechseln werde. Bei den Lila-Weißen zog man die Reißleine, suspendierte Weber und stellte den erst 19 Jahre alten Nachwuchstorwart Reiner Wölfel zwischen die Pfosten.

Vorsitzender Eyerkaufer schmeißt Stammtorwart raus

„Das war sicher gewagt, ging aber letztlich in Ordnung“, urteilt Kraft über die damalige schwerwiegende Entscheidung des Vorstands. Befürworter dieses Beschlusses war Karl Eyerkaufer. „Das war eine meiner schwierigsten Entscheidungen als Vorsitzender, aber wir mussten handeln“, bekräftigt Eyerkaufer seinen damaligen Entschluss, der mit dem Vorstand und Spielertrainer van den Hövel abgestimmt war. „Das machten wir auch, um Weber zu schützen, nicht in den Verdacht zu geraten, käuflich zu sein“, so Eyerkaufer weiter. Trotzdem war es ein gewagtes Spiel, das aufging.

Der heutige Ehrenvorsitzende der Lila-Weißen war 1965 auf Betreiben des Spielertrainers Philipp Eibelshäuser als Konditionstrainer engagiert worden. Der mehrfache deutsche Meister über 1500 Meter brachte den Kader richtig auf Trab. Binnen vier Jahren gelang der Aufstieg von der A-Liga (heute Kreisoberliga) in die Hessenliga. Der Apfelweinort war in aller Munde. Wenige Wochen vor der Meisterschaft in der Gruppenliga Mitte (heute Verbandsliga) war Eyerkaufer im März 1969 zum 1. Vorsitzenden gewählt worden, das Amt bekleidete er bis 1976.

Das Derby in Hochstadt verfolgte auch Hanaus damaliger Oberbürgermeister Herbert Dröse. Es wurde immer wieder das Gerücht kolportiert, dass Dröse einen großen Strauß Blumen mitgebracht hatte, um die 93er zu ehren. Dieser sei später kurz vor der Hohen Tanne im Wald gefunden worden.

Kraft stieg später mit dem OFC in die Bundesliga auf

Wie ging die fußballerische Laufbahn bei Kraft und Leubecher weiter? Der Hochstädter Torjäger hatte mit seinen 42 Saisontoren Profivereine auf sich aufmerksam gemacht. Kraft wechselte an den Bieberer Berg zu Kickers Offenbach. Hier trug er mit 18 Toren wesentlich zum Aufstieg in die erste Bundesliga 1970 bei. In der höchsten Spielklasse lief es auch wegen vieler Trainerwechsel nicht mehr rund, weshalb er nach zwei Jahren wieder zu den Lila-Weißen zurückkehrte.

Leubecher hielt es noch zwei Jahre bei den 93ern. Doch auch in der Saison 1969/70 wurde das große Ziel Hessenligaaufstieg verfehlt. Erneut spuckte den 93ern ein Maintaler Verein in die Suppe, diesmal der FSV Bischofsheim. Nach drei Spielzeiten brach Leubecher seine Zelte in Hanau ab und wechselte zu Sportfreunde Ostheim. „In diesem relativ kleinen Verein habe ich fünf schöne Jahre in der Landesliga Süd (heute Verbandsliga Süd, Anm. der Red.) verbracht. Das war für Ostheim eine tolle Leistung“, erinnert sich Leubecher gerne zurück. Für seine spätere Trainertätigkeit war Erber für ihn ein großes Vorbild. „Das war ein toller Mensch und Trainer, der mich geprägt hat“, bedauert Leubecher den frühen Tod Erbers.

"Hoffentlich hat die jetzige Mannschaft mehr Glück"

Auf die jetzige Situation des Amateurfußballs angesprochen bedauert der frühere Polizist, dass die Spiele gerade in den höchsten Klassen so wenig Resonanz beim Publikum finden. „In der Hessen- und Verbandsliga bekommen die Zuschauer doch richtig guten Fußball geboten und sind hautnah dabei.“ Die heutige Situation beim HFC sei vergleichbar mit der vor einem halben Jahrhundert. „Ich hoffe, dass die heutige Mannschaft mehr Glück als wir hat und in die Hessenliga aufsteigt.“ Derweil backt man bei den Lila-Weißen erheblich kleinere Brötchen. Gerhard Kraft, der immer noch mit dem FCH mitfiebert und jedes Jahr eine Dauerkarte erwirbt, sieht den Ligaverbleib in der Kreisoberliga als oberstes Ziel an. Jedes Spiel verfolgt er nicht mehr. „Da rege ich mich zu sehr auf.“

Damalige Mannschaftsaufstellungen: Hochstadt: Wölfel – Eibelshäuser, Steinbrecher, van den Hövel, Heinz-Günther Kraft, Euler, Hildebrand, Schmidt, Hundt, Gerhard Kraft, KohnkeHanau 93: Kirchhoff – Leubecher, Weider, Stein, Kunath, Weigand, Östreich, Krüger, Reußwig, Erber, Schneider

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