Tim Müller will mit Türk Gücü Hanau noch einmal die Tabellenspitze der Gruppenliga Frankfurt Ost angreifen und fühlt sich dank des familiären Umfelds im Verein sehr wohl. Archivfoto: TAP

Hanau

Hinrundenrückblick, Türk Gücü Hanau: Aufstieg nicht abgeschrieben

Fußball. Zu Beginn der Saison sah es so aus, als könnte Türk Gücü Hanau als Überflieger in der Gruppenliga Frankfurt Ost durchstarten und den Stadtrivalen Hanau 93 und SC 1960 Hanau in die Verbandsliga Süd folgen. Doch eine Schwächephase brachte die Truppe von Trainer Blerim Petrovci ins Hintertreffen.

Von Frank Schneider

„Wir hatten mit Kreis- und Hessenpokal eine Dreifachbelastung, so etwas steckt man im Amateurbereich nicht so einfach weg“, erklärt Kapitän Tim Müller. Der 30-Jährige blickt im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Frank Schneider auf ein aufregendes Fußballjahr zurück, in dem Türk Gücü Hanau mit dem Gewinn des Kreispokals Geschichte schrieb und im Hessenpokal mit Siegen über den FC Kalbach und Viktoria Nidda für Furore sorgte. Erst in der dritten Runde war gegen Regionalligist TSV Steinbach Endstation.

Anfangs schien es, als könnte Türk Gücü Hanau an der Spitze der Gruppenliga Frankfurt Ost vornweg marschieren. Es folgte ein kleiner Einbruch. Woran lag es, dass plötzlich die Ergebnisse nicht mehr stimmten?

„Es gehört im Fußball immer viel dazu, oben an der Spitze dabei zu bleiben. Wenn du dauerhaft in einer Saison erfolgreich sein willst, darfst du kaum verletzungsbedingte Ausfälle und gesperrte Spieler haben. Unser Kader wurde im Verlauf der Hinrunde aber genau deswegen dünner. Hinzu kamen Urlauber und die Mehrfachbelastung durch die Pokalwettbewerbe. Irgendwann konnten wir das alles nicht mehr kompensieren. Unter dem Strich kann der Verein jedoch mit dem Fußballjahr 2017 zufrieden sein. Wir haben beide Saisonhälften zusammengerechnet viele Punkte geholt und als erster Verein mit Migrationshintergrund den Kreispokal gewonnen. Wir haben damit gezeigt, dass wir zu den führenden Vereinen im Kreis zählen, obwohl Türk Gücü Hanau vor nicht allzu langer Zeit noch in der Kreisliga A gespielt hat. Darauf kann der Verein stolz sein.“

Wegen nicht erfüllter Verbandsvorgaben (fehlender Unterbau, nicht erfülltes Schiedsrichtersoll) bekommt Team vier Punkte abgezogen. Wie sehr ärgert das die Spieler?

„Wir können es leider nicht ändern. Ich persönlich finde, dass der Verband im Amateurbereich etwas kulanter sein müsste. Türk Gücü Hanau ist vor anderthalb Jahren nur durch den Rückzug von Kickers Offenbach II in die Gruppenliga aufgestiegen. Wie soll ein Verein, der über kein eigenes Sportgelände verfügt, binnen weniger Wochen eine eigene Jugendabteilung aufbauen? Mittlerweile sind die Voraussetzungen im Verein geschaffen, die sicherlich notwendigen Verbandsvorgaben zu erfüllen.“

Ist der Aufstieg noch zu schaffen, oder wie lauten die Ziele bis Saisonende?

„Es wird viel von einem guten Start abhängen. Wir beginnen mit dem Nachholspiel gegen Somborn, dann wartet mit dem SV Altwiedermus ein echter Gradmesser. Der Rückstand ist noch aufholbar, im Gegensatz zu anderen Konkurrenten können wir uns voll und ganz auf die Punktrunde konzentrieren. Die Tatsache, dass wir fast alle Titelanwärter noch zu Hause empfangen. ist ebenfalls ein Vorteil. Wir sind jetzt die Jäger, verlieren können nur die Vereine, die vorne stehen. Die Liga ist sehr ausgeglichen, ich halte da nichts für unmöglich.“

Der Kader wurde zuletzt durch Abgänge und Verletzungen immer dünner. Rechnen Sie noch mit Winter-Neuzugängen?

„Ich gehe davon aus. Die Verantwortlichen und der Trainer haben sich bestimmt zusammengesetzt und werden schauen, was möglich ist. Unabhängig davon wird es wichtig sein, aus dem vorhandenen Kader wieder schnell ein starkes Team zu formen. Dazu müssen die Neuzugänge möglichst schnell integriert werden.“

Sie tragen als Deutscher die Kapitänsbinde in einem türkischen Verein. Eine ungewohnte Konstellation.

„Im Fußball sollten Nationalitäten oder Religionen keine Rolle spielen. Wir treffen uns doch alle, weil wir den Sport so mögen, und spielen alle das gleiche Spiel.“

Sie spielen die zweite Saison für Türk Gücü. Können Sie sich einen längeren Verbleib vorstellen?

„Ja klar. Das Gesamtpaket bei Türk Gücü Hanau passt. Ich schätze den Verein und die Arbeit der Verantwortlichen und sehe aktuell keinen Grund, den Verein zu wechseln. Ich spüre im Verein viel Vertrauen und es ehrt mich auch, dass meine Meinung hier gefragt ist.“

Was zeichnet ihren Verein aus?

„Das typisch Südländische. Die Gastfreundschaft und die Tatsache, dass die Menschen im Vordergrund stehen. Es gibt bei Türk Gücü Hanau sehr viele Ehrenamtliche, die ein großes Herz haben und die viel Zeit und Engagement in die Vereinsarbeit stecken, obwohl sie durch Beruf und Familie viele andere Verpflichtungen haben. Exemplarisch ist da Tuncay Danis zu nennen, er ist für mich die gute Seele im Verein, mit ihm kann ich mich prima unterhalten. Ich war ja schon in vielen Klubs, doch ein solch familiäres Gefühl habe ich nur selten erlebt.“

Was glauben Sie, was für Türk Gücü Hanau der bessere Weg wäre. Sich über einige Jahre in der Gruppenliga zu etablieren oder ein schneller Aufstieg in die Verbandsliga Süd?

„Ein stetiges Steigern ist zwar ein langsamerer Prozess, aber vielfach gesünder. Geht es schnell nach oben, kann es auch genauso schnell wieder nach unten gehen. Die Verantwortlichen stecken viel Arbeit in den Verein. Man ist gut beraten, immer auf alles vorbereitet zu sein. Wenn sich die Möglichkeit eines Aufstiegs ergibt, dann sollte man die in meinen Augen schon allein aus sportlichen Gründen immer annehmen.“

Reizt es Sie, in Zukunft als Trainer zu arbeiten?

„Anfragen hat es in der Vergangenheit immer mal gegeben, mein Vater hat ja in der Region auch als Trainer gearbeitet. Ich ziehe den Hut vor allen, die in den Vereinen als Übungsleiter tätig sind. Das ist alles sehr zeitaufwändig. Trainingseinheiten müssen ja schließlich auch vorbereitet werden, dazu kommen sehr viele Gespräche auf verschiedenen Ebenen. Das ist schon eine Hausnummer, alles sehr zeitintensiv. Ob es für mich in Frage kommt, vermag ich aktuell nicht zu sagen. Ich bin aber Fußballer durch und durch und kann mir schon vorstellen, dass ich nach meiner Karriere meinem Lieblingssport in irgendeiner Funktion erhalten bleibe. Doch zunächst habe ich mit Türk Gücü Hanau noch sehr viel vor.“

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