Im Uhrzeigersinn: Georg Völker (Ex-Trainer TGS Niederrodenbach), Norbert Wess (Trainer HSG Hanau II), Ante Vuko (Teammanager SG Bruchköbel), Patrick Beer (Trainer HSG Hanau), Kazimir Balentovic (Sportlicher Leiter SG Bruchköbel). Archivfotos: TAP, PM

Hanau

Handball-WM: Warum Deutschland Chancen auf das Finale hat

Handball. Die Handball-WM elektrisiert derzeit die Sport-Fans in den Hallen und vor den Fernsehern – vor allem, weil die deutsche Nationalmannschaft überraschend stark auftritt und mit dem 22:21-Sieg über Kroatien den Einzug ins Halbfinale bereits perfekt gemacht hat.

Von Robert Giese

Wir haben mit einigen Handball-Experten aus der Region über die WM und die Auftritte der deutschen Nationalmannschaft gesprochen.

Ante Vuko: Der Teammanager der SG Bruchköbel hat kroatische Wurzeln und ist entsprechend traurig, dass die Kroaten nach der knappen Niederlage gegen Deutschland keine Chancen mehr aufs Halbfinale haben.

Überraschend kam für den früheren Kreisläufer das vorzeitige Aus jedoch nicht: „Wir haben zwar gute Spieler, davon aber zu wenige. Deutschland ist in der Breite einfach besser besetzt.“ Ähnlich wie viele Handballfans sieht Vuko die strikte Linie der Unparteiischen, die viele Fouls mit Zeitstrafen ahnden, kritisch: „Handball ist nunmal ein körperbetonter Sport, dafür pfeifen mir die Schiedsrichter zu pingelig.

„Ich selbst“, meint Vuko, der zu seiner aktiven Zeit ein Freund der eher rustikalen Abwehrarbeit war, „hätte bei diesem Spiel wohl schon vor dem Ende der ersten Halbzeit die dritte Zeitstrafe gehabt.“ Dem deutschen Team traut Vuko, der alle Spiele am Fernseher verfolgt, durchaus das Finale zu – dort dürfte für Deutschland dann aber Endstation sein. „Für mich sind Dänemark und Frankreich die Favoriten.“

Kazimir Balentovic: Auch der Sportliche Leiter der SG Bruchköbel stammt aus Kroatien und sieht ähnliche Gründe für das frühe Ausscheiden Kroatiens wie Vuko. „Unserem Kader fehlt die Breite, deshalb müssen Spieler wie Domagoj Duvnjak praktisch durchspielen.“ In Verbindung mit dem eng getakteten Spielplan sorge das dafür, dass insbesondere die kroatische Mannschaft „ausgepowert“ gewirkt habe – schließlich mussten die Kroaten erst einen Tag zuvor gegen Brasilien antreten.

Den straffen Zeitplan sieht Balentovic sehr kritisch: „Handball hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr weiterentwickelt, ist viel dynamischer geworden. Die Spieler benötigen deshalb mindestens einen Tag Pause zwischen den Spielen, ansonsten werden wir“, vermutet Balentovic, „Elemente wie die Schnelle Mitte oder Zweite Welle nur selten sehen.“

Knackpunkt für das Aus Kroatiens ist aus Sicht Balentovics übrigens nicht das Spiel gegen Deutschland, sondern die Niederlage gegen Brasilien am Tag zuvor. „Da haben wir auf allen Ebenen versagt: spielerisch, taktisch und kämpferisch.“ Die deutsche Mannschaft habe ihn allerdings nicht überzeugt, insbesondere die Chancenverwertung von den Außenpositionen sei schlecht gewesen. Deutschland ist für Balentovic daher auch nicht der Favorit auf den WM-Titel.

Georg Völker: Der langjährige Trainer der TGS Niederrodenbach war am vergangenen Wochenende in Köln vor Ort und konnte die Stimmung in der Halle live miterleben, unter anderem beim Spiel der Deutschen gegen Island. „Ich war auch bei der Heim-WM 2007 in der Halle, aber diesmal war die Stimmung noch besser.“

Dazu habe auch die gute Organisation und das gelungene Rahmenprogramm beigetragen, insbesondere das Geburtstagsständchen für Joachim Deckarm war für Völker „ein sehr emotionaler Moment“: Deckarm, der 1978 mit Deutschland Handball-Weltmeister wurde und nach einem schweren Sportunfall auf intensive Pflege angewiesen ist, war von der „Happy Birthday“-Einlage und den zahlreichen Handylichtern in der Halbzeitpause sichtlich gerührt.

Aus sportlicher Sicht freut sich Völker darüber, dass das deutsche Team im Turnierverlauf gewachsen sei und sich inzwischen viel Selbstvertrauen geholt habe. „Außerdem kämpft im Team jeder für jeden, der Einsatz passt“, merkt Völker zufrieden an, der auch an der deutschen Abwehr- und Torwartleistung nichts auszusetzen hat. „Im Angriff leisten wir uns aber noch ein paar Nachlässigkeiten und haben über die Außenpositionen zuletzt enttäuscht.“ Zumindest den Finaleinzug hält Völker aber für realistisch: „Wir haben im Halbfinale den Heimvorteil, und das könnte den Unterschied ausmachen.“

Norbert Wess: Für den Trainer der zweiten Mannschaft der HSG Hanau kommt der Halbfinal-Einzug nicht völlig überraschend, „schließlich ist die Mannschaft in großen Teilen das gleiche Team, das 2016 Europameister geworden ist.“ Nach der „Katastrophe“ bei der letztjährigen EM hätten sich Mannschaft und Trainer sichtlich weiterentwickelt und bildeten nun eine Einheit, die die taktischen Vorgaben umsetze. Die Chancenverwertung sei zwar noch ein Manko, dafür leiste sich Deutschland aber kaum technische Fehler und verfüge über eine starke Abwehr. „Jetzt ist alles möglich“, meint Wess.

Patrick Beer: Auch der Trainer der ersten Mannschaft der HSG Hanau schätzt Dänemark als sehr starken Gegner ein – und will dem Co-Gastgeber im Halbfinale daher lieber aus dem Weg gehen. Der HSG-Coach zeigt sich insbesondere von der „unfassbaren Abwehr“ der Deutschen tief beeindruckt, in der vor allem Hendrik Pekeler als offensiver Störfaktor stark aufspiele: „Er ist über zwei Meter groß und dabei trotzdem unglaublich beweglich, das ist schon eine herausragende individuelle Qualität.“

Das Finale traut Beer den „kämpferisch vollkommen überzeugenden“ Deutschen zu, „schließlich werden sie in der Halle von einer Euphoriewelle getragen.“

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