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Im Einsatz für die Versorgung der Bevölkerung: Sarah Bormann, amtierende Halbfliegengewichts-Weltmeisterin in vier Verbänden, ist derzeit als Fachverkäuferin der Bäckerei Ohl in Bruchköbel gefragt und muss ihren geliebten Boxsport zurückstecken.

Titelverteidigung steht in den Sternen

Hinter Plexiglas statt im Boxring: Sarah Bormann ist derzeit als Bäckerei-Fachverkäuferin und nicht als Boxerin gefragt

Viel ist in den letzten Wochen über Vereinssport und Mannschaftssportarten berichtet worden, die aufgrund der Sars-CoV-2-Pandemie den Spielbetrieb ruhen lassen müssen oder ihre Saison teilweise schon abgebrochen oder beendet haben. Aber auch Einzelsportarten sind betroffen.

Von Oliver Kraus

Von der derzeitigen Corona-Krise sind aber auch Einzelsportlerinnen und -sportler direkt betroffen, auch solche, die international mit das Maß der Dinge sind. Eine von ihnen ist Sarah Bormann, die sich in den letzten Jahren in die Herzen der Faustkampf-Freunde geboxt hat.

Corona-Krise bremst aufsteigende Karriere aus

Die amtierende Halbfliegengewichts-Weltmeisterin (bis 48,9 kg) der Boxverbände GBU (Global Boxing Union), WIBF (Women's International Boxing Federation) und WBF (World Boxing Federation), die alle ihre zwölf bisherigen Profiauftritte für sich entschieden hat, trifft die derzeitige Situation, die ihre steile Karriere momentan ausbremst, hart.

So wurde nicht nur der für April angesetzte Aufbaukampf gestrichen, auch die mögliche Titelvereinigung mit der unangefochtenen Nummer eins der Weltrangliste, WBC-Weltmeisterin Yesenia Gomez (MEX; 17 Siege, fünf Niederlagen, drei Unentschieden), steht derzeit in den Sternen.

Dementsprechend niedergeschlagen äußert die 1,63 Meter große Athletin: „Die Situation ist natürlich blöd. Man weiß ja nicht, wie lange es so noch weitergeht. Mal sehen, ob das dieses Jahr überhaupt noch einmal etwas wird. Ich bin natürlich enttäuscht, weil Boxen alles für mich ist, aber ich bin froh, dass ich noch gesund bin. Wenn man sieht, was in Italien und Spanien los ist, muss man auch froh sein.“ 

Trotz Corona: In London fanden noch Qualifikationskämpfe statt

Umso erstaunter war die gelernte chemisch-technische Assistentin dann auch, dass noch vor wenigen Wochen in London Qualifikationskämpfe für die später dann um ein Jahr verschobenen Olympischen Sommerspiele stattgefunden haben: „Ich kann natürlich die Aktiven verstehen, die sich darauf vorbereitet haben und in absoluter Hochform waren. Dann nicht kämpfen zu dürfen, ist schon hart für den Kopf. Aber die Kämpfe zuzulassen, war unverantwortlich. Da hätte man früher reagieren müssen.“

Und Bormann weiß, dass mit einer Absage noch weit mehr verbunden sein kann, was auch an ihrem Fall deutlich wird. Nicht nur verpasst die Linksauslegerin eine sportliche Herausforderung, gegen die extrem starke Mexikanerin den nächsten Schritt auf der Karriereleiter gehen zu können.

Sponsoren schränken Gelder ein

Für die 29-Jährige aus Ostheim bedeutet der Verlust eines Profikampfs auf internationaler Bühne auch finanzielle Einbußen, auch wenn sich die noch halbwegs in Grenzen halten, wie „Babyface“ Bormann erklärt: „Ich bekomme schon noch ein paar Sponsorengelder, aber die sind natürlich eingeschränkt, weil ich durch die fehlenden Kämpfe meine Sponsoren nicht mehr präsentieren kann. Ich muss zurückstecken, aber ich habe zum Glück noch einen anderen Job.“

Und der ist derzeit – anders als viele andere – durchaus sicher. Als Fachverkäuferin der Bäckerei Ohl ist Bormann eine der momentanen Alltagsheldinnen und -helden, die die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen und von den Kunden dafür positives Feedback bekommen. „Es ist zwar alles anders, weil nur noch zwei bis drei Personen bei uns im Laden stehen dürfen und wir hinter einer Plexiglasscheibe arbeiten, aber ich fühle mich sicher, auch wenn ein mulmiges Gefühl bleibt. Aber die Leute sind dankbar, dass wir das machen. Das merkt man schon.“

Trainiert wird in der eigenen Wohnung und in der Natur

Um sich dennoch in dieser speziellen Zeit für hoffentlich bald wieder anstehende neue Aufgaben im Boxring fit zu halten, bleibt der Boxerin der TG Hanau wie dem Großteil der Bevölkerung nur das Workout in den eigenen vier Wänden oder die Bewegung in der freien Natur, zumal Bormann zu Hause auch keinen Boxsack hängen hat.

„Ich überlege mir aber schon, wieder einen aufzuhängen.“ Derzeit stehen bei Sarah Bormann einfache Konditionsarbeit, Schattenboxen und Schattenboxen mit Hanteln im Vordergrund, weil das Sparring und die komplette Partnerarbeit fehlen. „Deshalb kann ich es kaum noch erwarten, bis ich endlich wieder in den Ring kann“, so die amtierende Weltmeisterin.

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