Schon neu eingekleidet: Jochen Breideband im Outfit des Hessenligisten 1. FC 06 Erlensee.
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Schon neu eingekleidet: Jochen Breideband im Outfit des Hessenligisten 1. FC 06 Erlensee.

Jochen Breideband im großen HA-Interview

Neuer FCE-Trainer: „Mittags war der Akku leer“

Erlensee – Es war im Fußballkreis Hanau die Nachricht der Woche: Jochen Breideband tritt beim Hessenligisten FC Erlensee zu Beginn der Saison 2021/22 die Nachfolge des langjährigen Coachs Tobias Heilmann an. Breideband lässt keinen Zweifel daran, wie sehr er sich auf die kommende Aufgabe freut.

Der als fußballverrückt bekannte ehemalige Spieler und Trainer von Germania Niederrodenbach wird sich gewiss intensiv auf seinen nächsten Trainerjob vorbereiten und Planungsprozesse begleiten, möchte sich aber, wie er im Interview betont, in den kommenden Wochen und Monaten nach außen bewusst zurückhalten. Die Bühne soll bis Ende Juni Heilmann und seinem Team gehören, das im besten Fall trotz schwerer Ausgangslage den noch den Klassenerhalt in der höchsten hessischen Spielklasse sichert.

Hallo Herr Breideband, Ihr Name stand immer für Germania Niederrodenbach. Wie waren die Reaktionen aus ihrem Heimatverein nach Bekanntgabe des künftigen Engagements beim 1. FC Erlensee?
Durch die Bank weg positiv. Mein Handy stand am Mittwoch kaum still, mittags war der Akku leer. Gefühlt habe ich mehr Glückwünsche als an einem Geburtstag bekommen. Besonders schön ist, wenn gerade ehemalige Spieler mir schreiben, dass das Ganze gut zusammenpasst und Sinn macht. Für meinen Heimatverein ist es sicher keine schlechte Nachricht, dass der langjährige Trainer nun höherklassig arbeiten darf. Das spricht auch für die Germania.
Aktuell sind Sie noch in der zweiten Mannschaft der Germania aktiv. Lassen Sie sich am Saisonende ihren Spielerpass aushändigen oder sind weitere Standby-Einsätze im Niederrodenbacher Dress möglich?
Wenn in der Rückrunde der Ball wieder rollt, werde ich bestimmt noch das ein oder andere Mal mitkicken, danach ist Schluss. Ich werde mich voll und ganz auf meine Aufgabe in Erlensee konzentrieren. Wenn die Alten Herren in Niederrodenbach für ein Pokalspiel oder den Silvestercup rufen, stehe ich aber bereit. (lacht)
Wie wollen Sie Ihre Aufgabe ab Sommer in Erlensee angehen?
Mit großem Feuer und hoher Motivation. Mit Respekt gegenüber der herausragenden Arbeit, die alle Beteiligten hier seit Jahren leisten. Mit Dankbarkeit, diese tolle Aufgabe übertragen zu bekommen. Und mit Selbstbewusstsein. Ich bin schon überzeugt, mit meiner Art und Arbeit etwas bewegen zu können. Die Verantwortlichen haben ja eine sehr bewusste Entscheidung getroffen und mussten nicht verzweifelt suchen, bis sich irgendein Freiwilliger erbarmt, den Posten zu übernehmen.
Es hieß, zwischen dem FCE und Ihren Vorstellungen gab es inhaltlich viele Schnittpunkte. Können Sie die aus Ihrer Sicht prägnantesten nennen?
Vernunft und eine unaufgeregte Sicht der Dinge sind mit Sicherheit Schnittpunkte, die beiderseitig schnell deutlich geworden sind. Zu Inhalten und Schwerpunkten habe ich ausführlich mit dem Vorstand gesprochen, im Rahmen der Planungen für die kommende Saison werden wir dazu natürlich mit den Spielern sprechen – aber in der Öffentlichkeit möchte ich mich erst in eine solche Richtung äußern, wenn ich ab Juli Trainer des 1. FC Erlensee bin. Das gehört sich allein schon aus Respekt vor Tobias Heilmann und seiner Arbeit, die er in Ruhe und ohne Störgeräusche zu Ende führen soll.
Die Zusammensetzung des Trainerteams soll in naher Zukunft geklärt werden. Werden Sie womöglich noch eine Ihnen vertraute Person mit in den Trainerstab installieren?
Für mich steht der bisherige Trainer- und Betreuerstab bei den anstehenden Gesprächen klar im Mittelpunkt. Ich komme nicht nach Erlensee, um alles von links auf rechts zu drehen. Ich bin auch niemand, der zwangsläufig Person X oder Y mitbringen muss. Ich gehe da sehr offen ran. Alles Weitere wird sich in den Gesprächen der nächsten Monate weisen.“
Sie sind beruflich in die Abläufe der Dritten Liga eingebunden und dort auch oftmals bei Spielen präsent. Drohen da künftig Terminkonflikte?
In neun Jahren bei Germania Niederrodenbach habe ich zwei Pflichtspiele versäumt – und das aus privaten Gründen. Damit ist die Frage im Grunde schon beantwortet. Sicherlich kommt es im Einklang zwischen Beruf, Familie und Trainertätigkeit auf ein gutes Zeitmanagement an. Aber das ist nicht neu und da ist das Berufsleben bei mir glücklicherweise auch etwas flexibler geworden.
Sie haben betont, dass Sie bis Saisonende die Arbeit von Tobias Heilmann in keiner Weise stören wollen. Andrerseits gelten Sie als fußballverrückt und werden gewiss die Entwicklung des FCE im nächsten halben Jahr nicht nur beiläufig verfolgen wollen. Wie ist Ihr Plan?
Ich habe vor, mich ordentlich und konzentriert einzuarbeiten – in Austausch und Abstimmung mit dem Vorstand. Ich werde sicherlich nicht zu jedem Auswärtsspiel bis nach Nordhessen reisen, doch ich will meine freie Zeit auf jeden Fall nutzen, um mir die Spiele regelmäßig anzuschauen und weitere Eindrücke von Spielern und Mannschaft in Wettkampfsituationen zu erhalten. Alles im Hintergrund, alles ohne großes Tamtam. Ich möchte demnächst auch den Kontakt zu Tobi Heilmann suchen, um uns mal auszutauschen.
Vor einem Jahr waren Sie in einer ähnlichen Situation. Nach ihrem angekündigten Rücktritt zum Saisonende stand in Niederrodenbach ihr Nachfolger Volker Sedlacek frühzeitig fest…
Das ist in der Tat eine Parallele und von der Konstellation ein bisschen zu vergleichen. In Niederrodenbach hat der Übergang trotz Corona sehr gut funktioniert. Ich hatte einen sehr schönen Abschied und mein Nachfolger einen guten Einstand. Gleiches wünsche ich mir jetzt natürlich auch für den FC Erlensee.
Aktuell hospitieren Sie bei Bayern Alzenau. Wie läuft das genau ab. Sind Sie stiller Beobachter oder werden Sie von Trainer Artur Lemm in die Abläufe seiner Arbeit eingebunden?
Ich bin seit Anfang Oktober dabei und schaue dem Trainerteam nicht nur über die Schulter. Im Gegenteil: Artur Lemm legt großen Wert darauf, dass man sich einbringt. Wir tauschen uns regelmäßig aus, ich darf auch mal Teile im Training übernehmen und bin bei den meisten Spielen auf der Bank dabei. Trainerteam und Mannschaft haben mich von Anfang an super aufgenommen. Ich bin Artur und dem Klub sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen bei einem Regionalligisten sammeln darf und nehme aus dieser Hospitanz viel mit, das mir für die Aufgabe in Erlensee helfen kann.
Während in den Amateurklassen wegen Corona in diesen Tagen an einen geregelten Spielbetrieb nicht zu denken ist, rollt in der Regionalliga Südwest der Ball wieder, die Vereine wurden zum Spielen ohne Zuschauer vergattert. Wie finden Sie das persönlich?
Das ist ein schwieriges, weil sehr komplexes Thema. Grundsätzlich: Dass Profisport ausgeübt und dem Beruf nachgegangen werden darf, finde ich in Ordnung. Der Fußball hat in den vergangenen Monaten gezeigt, dass er diesbezüglich funktioniert und kein Risikofaktor ist. Doch wie viel Profisport steckt in der Regionalliga? Ich kenne von Berufswegen die 3. Liga sehr gut und kann sagen, dass zwischen Liga drei und den Regionalligen riesige Unterschiede bestehen. Wirklicher Profifußball ist viel mehr als ein paar Fußballer zu haben, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Zum Profifußball gehören entsprechende Strukturen, von Sportanlage über Geschäftsstelle bis zu hauptamtlichen Mitarbeiter*innen. Wie viele Vereine in der Regionalliga haben tatsächlich solche Strukturen? In Alzenau ist nicht einmal der Cheftrainer hauptamtlich tätig. Die Regionalliga ist daher immer ein heikles Thema, weil dort Profi- und Amateurklubs in einer Spielklasse aufeinandertreffen. Zudem fehlt mir ein ebenso umfassendes, einheitliches Hygienekonzept wie in den ersten drei Ligen – inklusive PCR-Testungen. Zusammengefasst: In der Praxis ist die Situation für mich durchaus befremdlich, dass in der Regionalliga Südwest aktuell Fußball gespielt wird.

Das Gespräch führte Frank Schneider

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