Tibor Földvári demonstriert beim Fototermin auf dem Fußballplatz in Büdingen seine feine Technik. Er trägt die Trainingsjacke der DVTK-Fußballakademie in Miskolc.
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Tibor Földvári demonstriert beim Fototermin auf dem Fußballplatz in Büdingen seine feine Technik. Er trägt die Trainingsjacke der DVTK-Fußballakademie in Miskolc.

EM-Serie

Reise durch Europa: Der ungarische Ex-Profi

  • Thorsten Jung
    vonThorsten Jung
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Bei der Europameisterschaft 2016 gehörte die ungarische Fußball-Nationalmannschaft zu den großen Überraschungen. Das Ticket für die Euro 2021 löste sie erst nach einem Krimi. Der ehemalige ungarische Erstligaspieler Tibor Földvári, der in Büdingen lebt, schließt eine neuerliche Sensation nicht aus.

Büdingen – Gekonnt nimmt er den EM-Ball an, jongliert ihn mit Füßen, Kopf und Knien. Man sieht direkt: Dieser Mann auf dem Büdinger Sportplatz ist technisch begabt. Tibor Földvári hat über 100 Spiele in der ersten ungarischen Liga bestritten. Anfang des Jahrtausends verschlug es den 53-Jährigen erstmals nach Deutschland. Seit eineinhalb Jahren lebt er in Büdingen.

Know-how über ungarischen Fußball

Im ungarischen Fußball kennt er sich bestens aus. „Da gibt es viele gute, junge Spieler wie das große Talent Dominik Szoboszlai“, erzählt Tibor Földvári und ist schon mittendrin im „dramatischen Play-off-Spiel“, das den Ungarn das EM-Ticket einbrachte. 0:1 lagen sie im November gegen Island zurück. Erst in der 88. Minute gelang Loic Nego der Ausgleich. „Was Domo in der 92. Minute gemacht hat, war unglaublich. Zehn Spieler machen da einen Alibi-Pass“, freut sich Tibor Földvári über den Geniestreich des 20-jährigen Dominik Szoboszlai, der das 2:1 brachte.

Der Ex-Profi jubelt: „Jetzt dürfen wir gegen Frankreich und Portugal in Budapest spielen.“ Die Duelle finden in der Puskás Aréna statt. Das abschließende Gruppenspiel gegen Deutschland wird in München ausgetragen. „Das ist eine sehr schwere Gruppe. Wenn du gegen Weltstars spielst, ist das ein großer Erfolg“, sagt Tibor Földvári. Auch wenn sein Land als Außenseiter ins Turnier geht, will er eine Überraschung nicht ausschließen. „Im Fußball ist schon viel passiert. Wenn man gesehen hat, was Ungarn bei der letzten EM gegen Österreich, Island und Portugal geleistet hat. Das war eine große Leistung.“ 2016 in Frankreich zog Ungarn als Gruppensieger ins Achtelfinale ein, wo die Belgier dann zu stark waren.

Große Hoffnungen setzt der 53-Jährige im kommenden Sommer in Dominik Szoboszlai. Das Talent ist zum Jahreswechsel von RB Salzburg in die deutsche Bundesliga zu RB Leipzig gewechselt. Rund 20 Millionen Euro Ablöse hat er gekostet. Auch Bayern München, Real Madrid, Arsenal London oder der AC Mailand sollen am Mittelfeldspieler interessiert gewesen sein.

Dominik Szoboszlai ist ein großes Talent

Tibor Földvári findet es gut, dass er sich für Leipzig entschieden hat. „Für so einen jungen Mann ist es richtig, erst mal nur eine Treppenstufe zu nehmen.“ Dass er den nächsten Schritt machen muss, steht für ihn außer Frage. „Leipzig ist gut für Domo. Da spielen Péter Gulácsi und Willi Orban, die er aus der Nationalmannschaft kennt. Das ist eine kleine Hilfe für ihn.“

Zum Nationalspieler hat es für Tibor Földvári nicht gereicht. Geboren wurde er in Rumänien, wo er auch mit dem Fußballspielen begann. Seine erste Profistation war beim Debreceni VSC. Fünf Jahre lang spielte er für den damaligen Erstligisten. Es folgten vier Jahre bei Diosgyöri VTK. Mit dem Verein aus der Stadt Miskolc, die im Norden Ungarns liegt, stieg er in die erste Liga auf. Miskolc ist für Tibor Földvári zur Heimat geworden, auch wenn er im Anschluss noch zwei Jahre für Pécsi MFC spielte, wo er wieder einen Aufstieg in die erste Liga erleben durfte.

Auf 112 Einsätze brachte er es in der höchsten Liga Ungarns als rechter Verteidiger und Innenverteidiger. Zu den Highlights seiner Karriere zählt er vier UI-Cup-Spiele mit DVTK in der Saison 1998/1999. Gegen die maltesische Mannschaft Sliema Wanderers gewannen die Ungarn in der ersten Runde beide Spiele, ehe sie knapp am türkischen Team Altay Izmir scheiterten.

Földvári kam 2003 erstmals nach Deutschland

2003 kam Tibor Földvári nach Deutschland, spielte für die SG Bindsachsen im Fußballkreis Büdingen. „Nach eineinhalb Jahren bin ich wieder nach Ungarn. Ich hätte in Bindsachsen Spielertrainer sein können, bin aber wegen der Familie zurück“, erzählt er.

Zehn Jahre lang arbeitete er in der DVTK-Fußballakademie in Miskolc, trainierte die U13, U16 und war Co-Trainer der Reserve in der 3. Liga. Tibor Földváris Sohn ist in dieser Fußballakademie. Der 19-Jährige sei ein großes Talent. „Es kommt aber auf den Kopf an, ob er Profi wird“, weiß sein Vater. „Wenn ich Profi werden will, muss ich viel arbeiten, und vieles hinten anstellen.“

Ungarn ist bei der EM dabei: Supertalent Dominik Szoboszlai (Nummer zehn) ist der große Hoffnungsträger für die EM-Spiele in Hammer-Gruppe F. Rechts: der Mainzer Adam Szalai.

Das Fußball-Fieber wurde bei den Földváris genetisch vererbt. „Mein Vater hat in Rumänien viele Jahre in der 1. Liga gespielt, mein Bruder in Ungarn in der 2. und 3. Liga.“ Beide sind bereits verstorben.

Im Sommer 2019 zog Tibor Földvári zum zweiten Mal nach Büdingen. „Mein Kumpel Janos Sarlai, der mit mir in Miskolc gespielt hat, hat mich gefragt, ob ich in Rinderbügen Trainer werden möchte.“ Tibor Földvári holte sich das Okay seiner Ehefrau, sagte zu und kam im Juli nach Deutschland. Seine Frau kam im September ebenfalls nach Büdingen.

Amateurfußball ist für Ex-Profi eine andere Welt

Die Amtszeit beim B-Ligisten BV Rinderbügen begann erfolgreich. Der Ex-Profi erzählt von sieben Siegen und einem Unentschieden aus den ersten acht Spielen. Dann seien vier Niederlagen gefolgt. Tibor Földvári verkündete seinen Rücktritt, weil „Amateurfußball eine andere Welt ist. Ich habe mit Profis gearbeitet. Das waren andere Werte. Hier kommen alle nur für den Spaß. Wer Lust hat, kommt ins Training, wer keine hat, kommt nicht.“ Wenn es während der Corona-Pandemie erlaubt ist, spielt er für die zweite Mannschaft in Rinderbügen oder bei den Alten Herren. „Ein Leben ohne Fußball wäre unglaublich!“

In Büdingen hat Tibor Földvári, der neben dem talentierten Fußballer-Sohn noch eine erwachsene Tochter hat, bei einem Carwash-Center eine Anstellung gefunden. „Für meine Frau suchen wir noch Arbeit. Corona macht es nicht so einfach“, sagt er und schielt zum EM-Ball. Lieber redet er über ein anderes Thema: „Fußball ist mein Leben. Ich lese jeden Tag im Internet, was im rumänischen, ungarischen Fußball und weltweit los ist. Ohne Fußball geht es nicht.“

In einem knappen halben Jahr kann er die Fußball-EM genießen. Mit seinen Ungarn in der Hammer-Gruppe F. „Vielleicht, wenn wir Glück haben, holen wir einen oder zwei Punkte. Oder sogar drei. Im Fußball kann alles passieren.“

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