Für Tarik Ahmetspahic (rechts oben) und die MSG Hanau/Erlensee läuft es diese Saison noch nicht so prickelnd. Trainiert wird die MSG Hanau/Erlensee von Samir Muratoglu (unten Mitte). Foto: Adrian

Hanau/Erlensee

Bezirksliga A: Bosnisches Duo zieht die Fäden bei Hanau/Erlensee

Handball. Dass Spieler und Trainer aus der gleichen Stadt stammen, ist im Amateurhandball an und für sich nichts Ungewöhnliches, bei Samir Muratoglu und Tarek Ahmetspahic von der MSG Hanau/Erlensee liegt diese Heimatstadt aber fast 900 Kilometer Luftlinie von Hanau entfernt.

Von Robert Giese

Muratoglu und Ahmetspahic, die als Trainer und Kapitän bei der MSG Schlüsselpositionen besetzen, stammen nämlich beide aus Banja Luka, der zweitgrößten Stadt in Bosnien und Herzegowina.

Allerdings kehrten beide ihrer Heimat bereits vor über 20 Jahren den Rücken. Bei Ahmetspahic, der damals noch ein Kleinkind war, war der Bürgerkrieg der Grund dafür, die Zelte in der Heimat abzubrechen und das Glück in der Fremde zu suchen. Da ein Onkel Ahmetspahics bereits in Deutschland lebte, zog dessen Familie hinterher und enfloh damit den Wirren des Bürgerkriegs, der vor einem Vierteljahrhundert auf dem Balkan tobte.

Der gut 25 Jahre ältere Muratoglu hatte Banja Luka da bereits den Rücken gekehrt, denn ihn hatte es als Handballprofi schon vor Kriegsausbruch in die Türkei verschlagen. Mitte der 1990er Jahre führte Muratoglus Weg dann nach Deutschland, zunächst allerdings nach Karlsruhe und Stuttgart. Durch ein Engagement als Spielertrainer bei der SG Bruchköbel schlug Muratoglu dann 1999 hier in der Region Wurzeln.

Ahmetspahic als Kapitän der verlängerte Arm seines Trainers

Nach einigen weiteren Stationen in der Region beendete Muratoglu 2005 seine Spielerkarriere, blieb dem Handball aber als Trainer treu. Seitdem ist er viel herumgekommen: Neben der SG Bruchköbel, wo Muratoglu außer der ersten Mannschaft auch lange die zweite Mannschaft und die A-Jugend trainiert hat, saß er unter anderem bei der HSG Maintal auf der Trainerbank, seit diesem Sommer ist er schließlich Trainer bei der MSG Hanau/Erlensee.

Dass mit Ahmetspahic dort ein Spieler aus Muratoglus Heimatstadt spielte, habe „die Entscheidung, zur MSG zu wechseln, einen Tick leichter gemacht“. Die beiden Bosnier kannten sich freilich schon vor Muratoglus Engagement beim A-Ligisten aus einigen Freundschaftsspielen gegeneinander. Nun ist Ahmetspahic als Kapitän der verlängerte Arm seines Trainers auf dem Spielfeld und kann sich mit seinem neuen Coach bei Bedarf auch in seiner Muttersprache austauschen.

Dabei kam Ahmetspahic nur über Umwege zum Handball, denn dieser Sport hat in seiner Familie eigentlich keine Tradition. Aber da seine Freunde zu Kinderzeiten Handball spielten, habe ihn seine Mutter irgendwann auch ins Training geschickt, „damit ich nicht immer vor der Spielekonsole hänge“, wie der 25-Jährige anmerkt.

Ahmetspahic fand Gefallen an dem dynamischen Sport und spielte während seiner Jugendzeit zusammen mit seinen Freunden immer bei der TG Hanau und blieb auch dort, obwohl er sich rasch als Talent entpuppte und auch in die Bezirksauswahl berufen wurde.

Muratoglu war in Bruchköbel und Maintal tätig

Irgendwann hatte er eine Anfrage des TV Kesselstadt vorliegen, zu dieser Zeit eine gute Adresse im Jugendhandball. Doch Ahmetspahic wollte lieber weiter mit seinen Freunden zusammenspielen und schlug die Offerte aus. „Im Nachhinein bereue ich das ein bisschen, denn dort hätte ich mich vermutlich noch besser weiterentwickeln können. Und außerdem“, ergänzt Ahmetspahic und lacht, „haben meine Freunde von damals inzwischen eigentlich alle aufgehört.“

Sein Trainer hält bereits große Stücke auf den Kapitän der MSG, der auf dem Spielfeld im Rückraum die Fäden zieht. „Er ist nicht nur als Spieler, sondern auch als Persönlichkeit ganz wichtig für das Team“, betont Muratoglu, „ich bin deshalb sehr froh, dass wir ihn haben.“

Der gibt das Lob zurück und bescheinigt dem neuen Coach gute Arbeit: „Er will das Beste aus allen Spielern herausholen und gerade im Hinblick auf die Kondition und Athletik haben wir uns schon sehr verbessert“, so Ahmetspahic, der es außerdem schätzt, dass Muratoglu viel Wert auf Disziplin legt: „Wie bei den meisten Trainern vom Balkan wird bei ihm nicht erst viel herumdiskutiert.“

Mit Abstieg nichts zu tun haben

In den Ergebnissen macht sich die Arbeit bisher allerdings noch nicht bemerkbar, denn die MSG hat aktuell erst einen Sieg geholt und steckt tief im Tabellenkeller. „Wir haben gegen ein paar starke Gegner gespielt“, sagt Muratoglu, „aber es waren auch Spiele dabei, die wir hätten gewinnen müssen, diese Niederlagen haben uns weh getan.“ Um in die Erfolgsspur zu kommen, sei es daher wichtig, weiter an den Defiziten zu arbeiten, die Muratoglu vor allem im Defensivverhalten seines Teams sieht. „Aber da kommen wir voran, Tag für Tag ein bisschen.“

Ahmetspahic ist hingegen ein bisschen ratlos, warum sich die guten Trainingsleistungen noch nicht in den Ergebnissen niederschlagen. „Samir analysiert unsere Fehler immer sehr präzise, allerdings“, merkt der MSG-Kapitän an, „hapert es bei uns noch ein bisschen an der Umsetzung.“ Muratoglu habe viel Neues eingeführt, deshalb herrsche hier und da vielleicht noch etwas Unsicherheit im Team. „Unser Hauptproblem ist, dass wir es bisher kaum geschafft haben, uns an den Spielplan zu halten. Wenn mal etwas nicht klappt“, so Ahmetspahic, „stecken wir zu schnell den Kopf in den Sand.“

"Unser Teamspirit stimmt"

Auch für ihn selbst sei die aktuelle Saison bisher eher enttäuschend verlaufen: Immer wieder haben ihn Blessuren zurückgeworfen, bisher kam der Kapitän noch nicht so recht in Tritt. Das steht in starkem Kontrast zur Vorsaison, in welcher der 25-Jährige Torschützenkönig in der Bezirksliga A wurde. „Das hat mich schon stolz gemacht“, blickt Ahmetspahic zurück, „wenn das die Eltern in der Zeitung lesen. Generell ist es für alle Spieler eine tolle Anerkennung, in der Statistik als Torschütze aufzutauchen. Allerdings bringt mir so ein Titel nichts, wenn die Mannschaft trotzdem absteigt.“

Mit dem Abstieg sollte die MSG, da sind sich Coach und Kapitän einig, eigentlich nichts zu tun haben. „Wir haben die Qualität, um im Mittelfeld mitzuspielen“, betonen beide unisono. Dieses Potenzial wollen sie in der restlichen Saison häufiger abrufen: „Wir müssen weiter konzentriert arbeiten, dann ist der Klassenerhalt ein absolut realistisches Ziel“, glaubt Muratoglu, Ahmetspahic pflichtet ihm da bei. „Unser Teamspirit stimmt“, unterstreicht der MSG-Kapitän, „und wenn wir den endlich mal auf die Platte bringen und unseren Stiefel herunterspielen, landen wir am Saisonende auch auf einem einstelligen Tabellenplatz.“

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