Hat keinerlei Verständnis für derartige Aussagen: Türk Gücüs Spielertrainer Tim Müller fordert von Seligenstadt eine Stellungnahme. Archivfoto: TAP

Fußball

Aussage im Live-Ticker schlägt bei Türk Gücü hohe Wellen

Fußball. Die Aussagen von Schalke-Boss Clemens Tönnies sowie die verbalen Entgleisungen von Norbert Dickel und Patrick Owomoyela haben jüngst hohe Wellen geschlagen. Auch im Amateurfußball sind Rassismus und Diskriminierung ein Thema. So auch beim Spiel von Türk Gücü Hanau bei den Sportfreunden Seligenstadt am Mittwochabend.

Von Michael Bellack

Auf der Internetplattform fußball.de hatte ein Seligenstädter einen Live-Ticker eingerichtet und darin alle Ereignisse des Spiels der Gruppenliga Frankfurt Ost aufgenommen. In der 28. Minute – Türk Gücü lag da bereits mit 1:0 in Führung – kommentierte der Tickerer: „Nur am Provozieren die Türken!!!“ (siehe Bild).

Eine Aussage, die für Türk Gücüs Spielertrainer Tim Müller über die Grenze des Tolerierbaren hinausgeht. „Die Aussage geht gar nicht. Egal, ob sie von einem Fan, einem Verantwortlichen oder einem Spieler gemacht wurde“, sagt Müller. Ob der Ticker von einem Fan oder einem Vereinsverantwortlichen geführt wurde, ist nicht bekannt.

„Wir stehen für Integration in Hanau"

Müller selbst habe erst nach Spielschluss davon erfahren, ebenso wie die Spieler. Müller findet, dass Türk Gücü mit der Aussage als gesamter Verein angegriffen wird. „Wir stehen für Integration in Hanau. Wir waren nie ein rein türkischer Verein sondern sind multikulti“, so Müller.

Auch am Mittwoch standen in seinem Aufgebot „nur“ vier Spieler mit türkischen Wurzeln. Dazu sieben Spieler aus vielen anderen Nationen. Unter anderem aus Afghanistan, Albanien und Marokko.

„Das spielt aber auch keine Rolle. Auch wenn ich als Deutscher auf dem Platz beleidigt werde, gehört sich das einfach nicht und hat hier auch keinen Platz“, stellt Müller klar. „Wir spielen alle das gleiche Spiel, da haben alle die Regeln zu befolgen.“

Aktuelle Debatte

Besondere Brisanz hat die Äußerung für Müller, weil sie in einem öffentlich und für alle zugänglichen Portal getätigt wurde. Im Gegensatz zu oft unüberlegten Äußerungen im Eifer des Gefechts steht die Aussage nun schwarz auf weiß in einem von Amateurfußballern viel genutzten Portal. Dass die Hemmschwelle im Internet gering ist, ist bekannt.

Für Müller könnte auch die aktuelle Diskussion um Tönnies und Co. eine Rolle spielen. „Vielleicht denken sich manche, dass sie so etwas auch sagen dürfen, wenn Prominente das tun.“ Schalke-Boss Clemens Tönnies hatte sich beim Kreishandwerkertag abwertend über Menschen in Afrika geäußert. Norbert Dickel und Patrick Owomoyela hatten bei einer Übertragung eines BVB-Testspiels in Italien von „Itakern“ gesprochen.

"Keinesfalls als Bagatelle wahrgenommen“

Ob Türk Gücü nun Beschwerde beim Kreissportgericht oder Klassenleiter einlegen wird, ist laut Müller Sache des Vorstands der Hanauer. „Darüber machen wir uns nach Sonntag Gedanken, wenn die englische Woche rum ist“, so Müller, der betont: „Das wird von uns keinesfalls als Bagatelle wahrgenommen.“

Von Seiten der Seligenstädter würde sich Müller persönlich eine Stellungnahme wünschen, in der man sich von derartigen Aussagen distanziert. „Der Verein ist kein unbekannter Name, war mal in der Hessenliga. Dort arbeiten gute Leute, so etwas ist sicher nicht in deren Interesse. Und natürlich hat auch Seligenstadt Nicht-deutsche Spieler“, sagt der Hanauer.

Konzentration auf Fußball

Eine Möglichkeit, ein klärendes Gespräch zu suchen, hätten die Seligenstädter bereits in knapp drei Wochen. Dann steht das Rückspiel in Hanau auf dem Programm. Müller würde jedoch eine frühzeitigere Reaktion begrüßen, beispielsweise über die sozialen Medien.

Groß beeinflussen lassen wollen sich die Hanauer nicht von dem Zwischenfall. „Natürlich fanden die Spieler das nicht berauschend. Aber die Mannschaft konzentriert sich nur auf den Fußball, das ist jetzt nur ein kleiner negativer Aspekt.“ Durch den 1:0-Sieg hat Türk Gücü die richtige Antwort bereits auf dem Platz gegeben.

Kein Platz für Rassismus und Diskriminierung

In den Hanauer Ligen sind die Probleme mit Rassismus und Diskriminierung offenbar glücklicherweise gering. Mehrere Amateurkicker mit ausländischen Wurzeln erklärten auf Nachfrage unserer Zeitung, dass sie bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht hätten.

Elabbas Elamri (SV Kilianstädten), Giuseppe Nacci (SG Bruchköbel), Dominic Bernard (TSV Niederissigheim) und Metin Oymak (Spvgg. Hüttengesäß) betonten unisono, darüber auch sehr froh zu sein. „So was hat auf dem Fußballplatz – und überall sonst auch – keinen Platz“, fasste Bernard zusammen.

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