In Erinnerungen an ein besonderes Fußballspiel: Hubert Genz und Gerhard Kraft stehen HA-Mitarbeiter Gert Bechert Rede und Antwort.
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In Erinnerungen an ein besonderes Fußballspiel: Hubert Genz und Gerhard Kraft stehen HA-Mitarbeiter Gert Bechert Rede und Antwort.

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Ansturm auf Wiederholungsspiel: FC Hochstadt traf vor 50 Jahren vor 4500 Zuschauern auf FSV Frankfurt

  • VonGert Bechert
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Der 17. November 1971 ist ein typischer Novembertag: nasskalt, bei um die acht Grad. Es ist ein Mittwoch, genauer gesagt Buß- und Bettag, vor 50 Jahren in Hessen noch ein Feiertag. An sich kein besonderer, um 10 Uhr hätten normalerweise die Glocken der Evangelischen Kirche zum Gottesdienst geläutet, wie sie das schon immer taten.

Maintal – Am Buß- und Bettag vor genau 50 Jahren läuteten sie aber schon eine Stunde früher. Der Grund war ein ganz simpler, für den ein Pfarrer früher nie und nimmer einen Gottesdienst verlegt hätte: ein Fußballspiel! An diesem Mittwoch empfing in einem Wiederholungsspiel der Hessenliga der FC Hochstadt den traditionsreichen FSV Frankfurt, Anstoß war um 10.30 Uhr. Pfarrer Hermann Langheinrich begann schon um 9 Uhr mit dem Gottesdienst, anschließend ging es per Posaune im Sauseschritt zum Waldsportplatz. Der Geistliche war in guter Gesellschaft, am Ende drängelten sich rund 4500 Zuschauer um den kleinen Platz. In etwa die gleiche Zahl, die zwei Jahre zuvor das vorentscheidende Spiel um die Meisterschaft der damaligen Gruppenliga Mitte (heute Verbandsliga) zwischen den Lila-Weißen und dem FC Hanau 93 (4:2) verfolgten.

Wie schon 1969 glich auch 1971 die damals noch selbstständige Gemeinde Hochstadt einem Belagerungsring. Autos, soweit das Auge reichte. „In Hochstadt waren alle Straßen zugeparkt, die Autos standen auf beiden Seiten der Straße zur Hohen Tanne bis zum Waldschlösschen“, erinnert sich Karl Eyerkaufer zurück. Eyerkaufer, damals Vorsitzender des FCH und Macher des Vereins, trieben im Vorfeld mehr organisatorische Fragen als sportliche um. Kurz zuvor waren auf der rechten Seite des Waldsportplatzes drei Stehterrassenreihen installiert worden, die den Ansturm etwas auffingen.

Vor 50 Jahren hat das Duell FC Hochstadt gegen FSV Frankfurt 4500 Zuschauer angelockt.

Ansonsten war es noch der alte Platz, auf dem seit 1947 gekickt wurde, ein „Rübenacker“, wie man heute sagen würde. Und das in der damals dritthöchsten Liga. Die Planungen für einen neuen Rasenplatz waren gerade erst angelaufen, er wurde 1974 eingeweiht. „Das unebene Geläuf kam den Hochstädtern entgegen, da konnten sie ihre Kampfstärke in die Waagschale werfen. Ich glaube, alle Vereine haben damals nur ungern in Hochstadt gespielt“, erinnert sich Hubert Genz, offensivstarker Mittelfeldspieler des FSV, im Gedankenaustausch mit seinem Hochstädter Rivalen Gerhard Kraft 50 Jahre später zurück.

Warum kam es überhaupt zu diesem Wiederholungsspiel? Am vierten Spieltag standen sich am 22. August 1971 beide Mannschaften auf dem Waldsportplatz gegenüber. Ein Wolkenbruch in der Halbzeitpause setzte das Spielfeld unter Wasser, dem späteren Bundesligaschiedsrichter Dieter Dreher (Darmstadt) blieb nichts anderes übrig, als die Partie beim Stand von 0:0 abzubrechen. 3000 Zuschauer traten unverrichteter Dinge den Nachhauseweg an. Nach langem Hin und Her einigten sich beide Vereine, das Spiel am Buß- und Bettag zu wiederholen, wieder hieß der Unparteiische Dreher. Die Ausgangslage war spannungsgeladen. Vor der Begegnung führte der VfR Bürstadt die Tabelle mit 28:2 Punkten vor dem FSV Frankfurt (24:4) und dem FC Hochstadt (19:9) an.

Entsprechend groß war die Resonanz bei den Presseorganen. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung war mit einem Reporter in Hochstadt vertreten. Die Frankfurter Rundschau schickte den damals blutjungen Harald Stenger in die Apfelweinhochburg. Stenger, der zum Ressortchef Sport bei der FR aufstieg, wechselte Anfang der 2000er Jahre als Pressesprecher zum DFB. Darüber hinaus waren noch zahlreiche Pressevertreter aus dem regionalen und lokalen Umfeld vertreten.

Der Tenor in allen Berichten war der gleiche: die Bornheimer entführten glücklich einen Punkt aus Hochstadt. Die FAZ titelte: „Mit einem blauen Auge davongekommen“. Der HANAUER ANZEIGER berichtete von einer Überlegenheit der Lila-Weißen, die nicht belohnt wurde. Der mittlerweile 72 Jahre alte Genz stimmt den Gazetten zu: „Besonders nach dem Wechsel war Hochstadt die bessere Mannschaft und drängte auf den Siegtreffer. Wir hatten allerdings eine stabile Abwehr, die wenig zuließ.“ Und damals einen Winfried „Django“ Mann, der Hochstadts Torjäger Gerhard Kraft an die Kette legte. Für Kraft sprang Friedel Itt ein, der in der 68. Minute den hochverdienten Ausgleich erzielte.

Genz lobt Horst Trimhold

Für den ersten Paukenschlag hatte Genz gesorgt, der im Sommer 1971 von den Amateuren der Offenbacher Kickers an den Bornheimer Hang gewechselt war. In der 16. Minute war dem Dörnigheimer das 1:0 gelungen. Er hätte auch für den Schlussakkord sorgen können. Mutterseelenallein marschierte er in der 90. Minute auf das Hochstädter Tor zu, sein Schuss klatschte jedoch an das Lattenkreuz. Kein Wunder, dass FCH-Trainer Hans Nowak hinterher meinte, dass ohne Genz der FSV verloren hätte. Gerade in diesem Spiel vermisste Genz den Ideengeber Horst Trimhold, der verletzt fehlte. „Trimhold war für mich der beste Mittelfeldstratege, mit dem ich in meiner Karriere zusammen gespielt habe“, lobt Genz den Ex-Nationalspieler, der im Frühjahr im Alter von 80 Jahren starb: „Horst hätte selbst viele Tore schießen können, spielte aber uneigennützig den Ball ab, wovon ich profitierte.“

Auf Hochstädter Seite war an diesem trüben Vormittag Geo Streck der Lenker im Mittelfeld. „Er machte ein Riesenspiel“, sind sich Kraft und Genz im Rückblick einig. Einzig beim Abschluss haperte es bei dem „bienenfleißigen“ Ex-Offenbacher, wie Stenger konstatierte. Überhaupt standen einige ehemalige Kickers-Spieler auf dem Platz. Bei Hochstadt waren es neben Streck noch Gerhard Kraft und Torwart Wilfried Kohls, der spätere Vize-Präsident des OFC. Kraft war nach zwei Jahren am Bieberer Berg, wo er maßgeblich am Aufstieg in die Bundesliga beteiligt gewesen war, zu den Lila-Weißen zurückgekehrt. In den Reihen der Bornheimer standen mit Genz, Mann und Walter Seitz drei Ex-Kickers-Spieler.

FSV-Trainer Erich Gehbauer war am Ende froh über den einen Punkt, auch wenn sich der Rückstand auf Bürstadt auf drei Punkte vergrößerte. Kein Wunder, dass Bürstadts Trainer Lothar Buchmann, der das Spiel beobachtete, die glücklichste Miene machte, wie Stenger schrieb. Die Vereine teilten sich nicht nur die Punkte, sondern auch die Einnahmen. Der FCH-Vorstand hatte eine Vielzahl von Kassen aufgestellt, um dem Andrang gerecht zu werden. Die Hochstädter Kassierer wurden dabei argwöhnisch von ihren FSV-Kollegen beäugt, um Unregelmäßigkeiten zu verhindern. Eine Schummelei konnten aber auch sie nicht verhindern. Beim Zählen des Geldes im Bürgerhaus stellte Heinrich Stoppel, Jahre später zum Ehrenvorsitzenden der Lila-Weißen gekürt, fest, dass ihm in der Hektik ein falscher Zwanzigmarkschein angedreht worden war. Ein gutes Geschäft für den Betrüger, der für die Blüte 15 D-Mark „richtiges“ Geld zurückbekam.

Beim Rückspiel am 23. Januar 1972 am Bornheimer Hang ging es vor 2400 Zuschauern wesentlich turbulenter zu. In einem Fußball-Krimi unterlag der FCH 4:7. (Von Gert Bechert)

Hochstadt: Kohls - Eibelshäuser, Itt, Heinz-Günther Kraft, Jamin - Strobel (68. Elder), Streck, Stösser - Adam, Gerhard Kraft, Geis

FSV Frankfurt: Grün (83. Gass) - Walter, Kesper, Mann, Wagner - Genz, Wszolek (59. Pyrczek) - Klebs, Hardt, Weil, Seitz

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