Rückkehr an die Stätte des unvergessenen Entscheidungsspiels: Die beiden Großauheimer Reiner Pogadl und Gerald Trageser unterlagen am 6. Juni 1981 im Herbert-Dröse-Stadion den Dietesheimern um Hubert Genz (von links) mit 1:2.
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Rückkehr an die Stätte des unvergessenen Entscheidungsspiels: Die beiden Großauheimer Reiner Pogadl und Gerald Trageser unterlagen am 6. Juni 1981 im Herbert-Dröse-Stadion den Dietesheimern um Hubert Genz (von links) mit 1:2.

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Als Großauheim ans Oberliga-Tor klopfte Genz-Doppelpack erstickte vor 40 Jahren alle VfB-Aufstiegshoffnungen

  • VonGert Bechert
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Hanau – Der 6. Juni 1981, ein Samstag, war ein heißer Vorsommertag. Seit dem frühen Nachmittag bewegte sich eine endlose Autokolonne Richtung Herbert-Dröse-Stadion, vornehmlich aus dem Hanauer Stadtteil Großauheim. Der Grund: Um 17 Uhr wurde das Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Oberliga Hessen zwischen dem VfB Großauheim und der Spvgg. Dietesheim angepfiffen.

Beide Vereine waren am Ende der Punktspielsaison in der Landesliga Süd, heute Verbandsliga Süd, punktgleich (je 49:15), die Tordifferenz (Großauheim + 49, Dietesheim +36) spielte keine Rolle. Sie war erst ein Jahr zuvor vom DFB abgeschafft worden, unter Mitwirkung des DFB-Vizepräsidenten Otto Andres, der aus Großauheim stammte. „Er konnte nicht ahnen, dass er damit seinem eigenen Verein keinen Gefallen tat, da wir die bessere Tordifferenz besaßen“, erinnert sich Gerald Trageser 40 Jahre später. Ohne diese Änderung wären, so der damalige VfB-Keeper, die Auheimer dreimal in Folge aufgestiegen. Statt des erhofften Durchmarsches von der A-Liga in das Amateuroberhaus stand am Ende eine bittere 1:2 (1:0)-Niederlage.

Der Zuschauerandrang war riesengroß. Alfred Haas rechnete im Vorfeld mit 5000 Besuchern, dass am Ende 7000 Fans das weite Rund säumten, überraschte nicht nur den damaligen VfB-Trainer. Der als Ausrichter fungierende FC Hanau 93 wurde von den Zuschauermassen regelrecht überrannt. Otto Andres rügte im Nachhinein die „nicht unbedingt optimale Organisation“.

Reiner Pogadl: „Die Zweitligakulisse war atemberaubend“

Für die 93er war es dennoch ein Geschäft, 20 Prozent der Einnahmen gingen in die Kasse des ältesten hessischen Fußballvereins, je 40 Prozent erhielten die beiden Vereine. „Das war sicher ein warmer Regen für den VfB“, mutmaßt Trageser vier Jahrzehnte später. Der ehemalige VfB-Keeper kehrte in diesen Tagen nochmals mit seinem Mannschaftskameraden Reiner Pogadl und dem Dietesheimer Spielertrainer Hubert Genz an den Ort des Geschehens zurück. „Die Zweitligakulisse war atemberaubend. Als wir das Spielfeld betraten, lief es mir kalt über den Rücken“, berichtet der 60-Jährige. Genz sah es gelassener, als Ex-Profi war er an solche Kulissen gewöhnt. Mehr beeindruckte ihn der couragierte Auftritt der Auheimer im ersten Durchgang, den er noch von der Bank verfolgte.

Die gesamte Prominenz, angefangen von Andres über Kreisfußballwart Karl Klosterbecker bis zum Hanauer Oberbürgermeister Hans Martin, attestierte dem VfB eine überzeugende Leistung in den ersten 45 Minuten. Einzig die Torausbeute bemängelte Andres. „Wenn mein Sohn Peter in der 35. Minute das 2:0 erzielt hätte, wäre die zweite Halbzeit anders verlaufen“, meinte der DFB-Vize damals gegenüber dem HA. Nach einem tollen Solo über das halbe Feld hatte Peter Andres Dietesheims Torwart Ernst Fuchsberger mit einem Schlenzer düpiert, aber nur den Pfosten getroffen.

Reiner Pogadl hat noch sein Trikot von damals mit der Nummer fünf.

Alle waren sich einig, dass mit der Einwechslung von Genz die Wende kam. „Ich hatte ja keinen wettbewerbsfähigen Akteur mehr auf der Bank, da musste ich mit meinen damals 31 Jahren nochmals ran, obwohl ich eigentlich nicht mehr spielen wollte“, begründet der 71-Jährige seine Selbsteinwechslung in der 54. Minute. Sein Mitwirken machte sich sofort bezahlt. Dietesheim war fortan spielbestimmend und nur drei Zeigerumdrehungen später gelang Genz der Ausgleich. „Keiner war für ihn zuständig“, üben Trageser und Pogadl noch heute leise Kritik an Haas. Sie vermissten Anweisungen von der Bank, um der neuen Situation zu begegnen.

Als I-Tüpfelchen gelang Genz in der 88. Minute auch der 2:1-Siegtreffer. Danach herrschte zwischen Haas und Genz eine lange Eiszeit. „Es bestand Funkstille, erst Jahre später sind wir uns bei einem Schoppen Wein wieder näher gekommen“, berichtet Genz schmunzelnd.

Auf Bundesligaschiedsrichter Norbert Brückner (Darmstadt) ist Pogadl noch heute schlecht zu sprechen. „Er verweigerte uns kurz vor Schluss einen klaren Elfer, als mich Karlheinz Schnur von den Beinen holte. Heute würde der Kölner Keller auf Strafstoß entscheiden.“ Besonders die Reaktion Brückners nach Spielschluss („Wer so viele Chancen versiebt, hat in der letzten Minute keinen Elfmeter verdient“) bringt den 64-Jährigen noch heute in Rage.

Für Dietesheim kam der Aufstieg überraschend

„Wenn Uwe Dunkel mich nicht zurückgehalten hätte, hätte ich ihm eine geschmiert“, bekennt Pogadl. Für ihn und seine Mannschaftskameraden, alles Auheimer Jungs, wie Trageser stolz betont, brach eine Welt zusammen. „In Großauheim fand zur gleichen Zeit ein großes Feuerwehrfest statt, da sollte der Aufstieg gefeiert werden“, erinnert sich Trageser.

Ganz anders war die Lage auf der anderen Mainseite. „Wir waren auf den Aufstieg überhaupt nicht vorbereitet und haben nur ein paar Bierchen im Klubheim getrunken“, verrät Genz. Wie eine schallende Ohrfeige empfand er die Aussage des Sportlichen Leiters Helmut Kordwig, dass der Verein eigentlich gar nicht aufsteigen will.

Erst nachdem sich die Spieler bereit erklärt hatten, für das gleiche Geld auch in der Oberliga anzutreten, änderten die Verantwortlichen ihre Meinung. Aus dem Abstiegskandidaten schmiedete Genz in sieben Jahren einen gestandenen Oberligisten.

Beim VfB bedeutete der knapp verpasste Aufstieg den Scheitelpunkt des sportlichen Aufstiegs. Obwohl alle Spieler an Bord blieben und sogar noch drei Neue hinzukamen, konnte das Haas-Team in der Saison 1981/82 nicht an die Glanzzeiten anknüpfen. Nach einer durchwachsenen Saison sprang der sechste Platz heraus, 14 Punkte betrug der Abstand auf Meister FC Erbach.

So berichtete der HANAUER vor 40 Jahren. Links auf dem Bild ist Reiner Pogadl zu sehen.

Erbach sollte zum Stolperstein für Haas werden. Nach einer 0:1-Heimniederlage gegen die Odenwälder und einem Disput mit Peter Andres warf der impulsive Übungsleiter die Brocken hin. Ein Jahr später verließen wichtige Akteure den VfB. Dietmar Heck und Uwe Dunkel wechselten nach Dietesheim, Wolfgang Kaufmann zum Zweitligisten FSV Frankfurt. Trotzdem belegte man Rang neun.

Wieder ein Jahr später war aber der erneute Aderlass nicht mehr zu verkraften. „Von der Meistermannschaft waren in der Saison 1983/84 außer mir nur noch zwei Akteure an Bord“, blickt Trageser zurück. Der Abstieg nach vier Jahren in der Landesliga war nicht mehr zu verhindern. Und auch in der Bezirksliga Ost hielt sich Großauheim nur zwei Spielzeiten, 1986 kickte man wieder in der A-Liga, wo alles sieben Jahre zuvor begonnen hatte. (Von Gert Bechert)

VfB Großauheim: Trageser - Choteschowsky, Denk, Andres, Pogadl, Lobert, Dunkel, Trapp, Kaufmann, Heck, YildizSpvgg. Dietesheim: Fuchsberger - Reinhard, Habermann (54. Genz), Schaffrath, Schmidt, Sondergeld, Stumpf, Raudnitzky, Dillmann, Traband, SchnurTore: 1:0 Heck (9.), 1:1, 1:2 Genz (57./88.) – Schiedsrichter: Brückner (Darmstadt) - Zuschauer: 7000 - Zwei Zeitstrafen für Dietesheim

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