Schwelgen in Erinnerungen: Rüdiger Strutt (links) und Jürgen Zahn erinnern sich an die Hochzeit der Zehner.
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Schwelgen in Erinnerungen: Rüdiger Strutt (links) und Jürgen Zahn erinnern sich an die Hochzeit der Zehner.

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3000 Zuschauer am Hinser Brühl: Vor 30 Jahren gewannen die Zehner zwei Landesliga-Topspiele

  • vonGert Bechert
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Der 13. April 1991 hat sich bei eingefleischten Zehner-Fans ins Gedächtnis eingebrannt. An jenem denkwürdigen Samstag empfing die Spvgg. 1910 Langenselbold im Schlagerspiel der Fußball-Landesliga Süd den SV Bernbach. Über 3000 Fans verfolgten am Hinser Brühl das Topspiel zwischen den drittplatzierten Hausherren und dem auf Platz zwei rangierenden Aufsteiger aus dem Freigericht.

Langenselbold – Nach dem 2:1-Sieg der Platzherren verdrängten die Zehner den SVB von Platz zwei und avancierten nach dem 25. Spieltag mit 37:11 Punkten zum schärfsten Verfolger von Tabellenführer SG Egelsbach (39:11).

Im wahrsten Sinne hautnah dabei waren damals Rüdiger Strutt, Jürgen Zahn und Carsten Frey. Strutt und Zahn auf dem Spielfeld und der verletzte Selbolder Torjäger Frey notgedrungen als Zuschauer. „Ich hatte mir im Spiel zuvor beim FV Bad Vilbel das Sprunggelenk gebrochen und fiel ein halbes Jahr aus“, berichtet der heute 50-Jährige. Frey war erst im Sommer 1990 als 19 Jahre alter Jungspund von Germania Niederrodenbach zu den Zehnern gewechselt. Bereits drei Jahre zuvor hatte es Strutt – ebenfalls ein Spargel-Germane – zur Spielvereinigung gezogen, wo es der knallharte Defensivmann zum Kapitän schaffte.

Unglaubliche Szenen haben sich auf der Zuschauertribüne abgespielt

Strutt läuft es noch heute kalt über den Rücken, wenn er an die Kulisse denkt. „Nach dem 2:1-Siegtor durch einen von Michael Drefs in der 87. Minute verwandelten Foulelfmeter spielten sich unbeschreibliche Szenen auf der Zuschauertribüne vor dem Klubhaus ab. Da standen unsere Edelfans, die waren alle schier aus dem Häuschen.“

Zahn, einer der wenigen Ur-Zehner in der damaligen Mannschaft, nickt bestätigend. Der HANAUER attestierte dem Dauerläufer im Mittelfeld damals eine überragende Leistung. Die Partie verlief trotz der großen Rivalität unter den Spielern erstaunlich fair und das trotz der Wechsel von Torwart Klaus Dörner und Angreifer Toni Algieri vor Rundenbeginn zum SVB.

Carsten Frey fehlte gegen Bernbach verletzt.

Dass es am Ende der Saison doch nicht reichte und die Gründaustädter noch auf den vierten Platz abrutschten, lag für Zahn an der knappen Personaldecke. „Wir hatten, für heutige Verhältnisse unvorstellbar, nur einen Minikader von 16 Spielern, Ausfälle konnten da kaum kompensiert werden.“ Und genau die mehrten sich zum Rundenende. „Da waren wir einfach platt“, sagt der 58-Jährige rückblickend.

Da war auch Motivationskünstler Alfred Haas mit seinem Latein am Ende. Beim Namen des Trainers huscht ein Schmunzeln über das Gesicht von Strutt. „Mit ihm verbinden sich viele Anekdoten, das gäbe ein abendfüllendes Programm“, sagt der Inhaber eines Fahrradgeschäfts in Niederrodenbach.

Schon der Beginn der Tätigkeit von Haas bei den Zehnern sprach Bände. Da er noch wegen eines Fehlverhaltens gegen einen Schiedsrichter aus der Vorsaison gesperrt war, wurde Haas als Teamchef installiert und ein Strohmann als Trainer benannt. Dass der Ex-93er aber die Hosen anhatte, verstand sich von selbst. „Alle haben mitgezogen, von den 16 Spielern waren immer zwischen zwölf und 14 im Training“, erinnert sich Zahn.

Aufstieg und Niedergang der Spvgg. 1910 Langenselbold und des SV Bernbach

Der Höhenflug der Spvgg. 1910 Langenselbold begann mit dem Aufstieg in die Landesliga Süd (heute Verbandsliga Süd) im Jahr 1983 unter der Regie des damaligen Trainers Karl-Heinz Volz. Ein Jahrzehnt spielten die Zehner in der zweithöchsten hessischen Amateurliga.
Das erklärte Ziel des Vorsitzenden und Machers Dieter Fuchs war der Aufstieg in die Hessenliga. In der Saison 1985/86 galten die Zehner als Geheimfavorit, wurden am Ende aber nur Achter. Umso besser lief es 1990/91 als die Rot-Weißen unter Trainer Alfred Haas lange um den Aufstieg spielten, am Ende aber nur Vierter hinter Meister SG Egelsbach, Vizemeister SV Bernbach und dem punktgleichen FV Bad Vilbel wurden. Die hohen finanziellen Belastungen rächten sich in den Folgejahren, wozu auch der Neubau des Klubheims beitrug. Zeitweise drohte der Konkurs, am Ende fanden sich die Zehner in der A-Klasse wieder. Der SV Bernbach stieg 1990 erstmals in die Landesliga auf und wurde auf Anhieb Zweiter. 1995 gelang der Sprung in die Hessenliga. 1998 wurde der kleine Freigericht-Verein hinter Meister FSV Frankfurt Zweiter und scheiterte in der Relegation zur Regionalliga Süd nur knapp am SC Pfullendorf. In der Folge kämpfte der SVB mit finanziellen Engpässen und stand nach einer Betriebsprüfung durch das Finanzamt kurz vor dem Aus. Nur durch den Verkauf des Klubheims an die Gemeinde konnte 2001 die Lizenz für die Hessenliga gesichert werden. 2005 ging nach zehn Jahren das Abenteuer Hessenliga zu Ende.
Doch nur für ein Jahr, 2006 gelang auf Anhieb die sofortige Rückkehr ins hessische Oberhaus. Es war der letzte Kraftakt des Dorfvereins. Dem direkten Abstieg 2007 folgte ein Absturz bis in die Kreisoberliga Gelnhausen im Jahr 2011. Die sportlichen Schicksale der Zehner und des SVB ähneln sich. (geb)

Für Frey war die Zeit als junger Spieler in der Landesliga etwas Besonderes. „Man traf auf Ex-Profis wie Hans-Jürgen Boysen, Michael Kutzop und Dennis Rieth oder auf Talente, die gerade am Anfang ihrer Karriere standen.“ Dabei denkt er besonders an Taifur Havutcu, der es später bis zum Kapitän der türkischen Nationalmannschaft schaffte. Aber auch an den Bernbacher Rainer Krieg, der beim Karlsruher SC Karriere machte.

Für Frey war die Partie gegen den späteren Meister und Hessenliga-Aufsteiger Egelsbach drei Wochen zuvor das Highlight der Saison. Ihm gelang gegen die von Lothar Buchmann gecoachten Gäste in der 89. Minute das viel umjubelte 2:1-Siegtor. Standing Ovation der knapp 2000 Zuschauer begleiteten nach Spielschluss die Mannschaft in die Kabine. Besonders von Havutcu war Buchmann angetan, der Wechsel des Mittelfeldmotors nach Egelsbach war der Beginn einer traumhaften Karriere.

Havutcu war nicht der Einzige, der die Zehner verließ. „Zwei Spielzeiten später waren von der 1990/91er Mannschaft neben mir nur noch Udo Löffler und Holger Koch an Bord“, berichtet Zahn. Mit dem Abstieg 1993 begann schließlich der sportliche Niedergang des heutigen A-Ligisten. (Von Gert Bechert)

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