Umringt von seinen drei Verteidigern: Der 31-jährige T. muss sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags vor dem Hanauer Landgericht verantworten.
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Umringt von seinen drei Verteidigern: Der 31-jährige T. muss sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags vor dem Hanauer Landgericht verantworten.

Streit um Einkaufswagen als Ursache

Unterschiedliche Aussagen im Prozess um versuchten Totschlag in Schöneck

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Herr T. ist kein gewöhnlicher Angeklagter. Er ist höflich und sehr auskunftsfreudig. Über sein bisheriges Leben gibt er der Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel umfassend Auskunft. Das macht nicht jeder, der im Saal 215 des Hanauer Landgerichts auf der Anklagebank sitzt. Ebenso erklärt er ausführlich, was sich am Abend des 1. Februar vergangenen Jahres in Kilianstädten, Heldenbergen und Büdesheim passiert ist – alles aus seiner Sicht.

Schöneck/Hanau - Umgeben ist der 31-Jährige von drei Verteidigern. Doch er lässt, wie in solchen Fällen oft üblich, keine Erklärungen abgeben. Er redet selbst, verteidigt sich mit eigenen Worten. Das scheint auch bitter nötig zu sein, denn an diesem Dienstagmorgen erhebt sich Staatsanwalt Markus Jung und trägt schwere Vorwürfe gegen T. vor, die auf versuchten Totschlag lauten. Er soll nach einem offenbar völlig nichtigen Anlass einen 42-jährigen Kontrahenten angefahren und ihm anschließend ins Gesicht getreten haben (wir berichteten).

Staatsanwalt: „Tod billigend in Kauf genommen“

In Kilianstädten sei es im dortigen Lidl-Markt zunächst zu einer Verwechslung um einen Einkaufswagen gekommen. T. habe eine „witzige Bemerkung“ gemacht, dass „alle Einkaufswagen leer“ seien und dafür vom 42-Jährigen einen „bösen Blick“ erhalten. Mehr als eine Stunde später erlitt der elf Jahre ältere Kontrahent schwere Verletzungen. „Er hat damit den Tod billigend in Kauf genommen“, formuliert es der Staatsanwalt. T. bestreitet jegliche Tötungsabsicht. „Ich wollte ihn zur Rede stellen. Aber ich wollte niemanden verletzen. Auf gar keinen Fall.“ Beim angeblichen „Showdown“ habe sein Widersacher einen „Satz auf die Straße gemacht“. Dass er ihm gegen den Kopf getreten habe, bestreitet er vehement. Dass er sich um den Schwerverletzten nicht gekümmert habe, begründet er damit, dass er „Angst bekommen“ habe. Wenig später stellte er sich jedoch der Polizei in Maintal.

Unstrittig ist, dass beide Männer an diesem Abend im Discounter an der Uferstraße erstmals aufeinandergetroffen sind. Beide in Begleitung der Lebensgefährtinnen. Beim Streit auf dem Parkplatz sei der 42-Jährige aggressiv geworden, sagt T. und nennt auch einen Grund für die „Verfolgungsfahrt“. Das Paar habe nach der Konfrontation die Polizei angerufen, um Anzeige zu erstatten. Der Beamte habe das Kennzeichen wissen wollen. Daher sei er dem Wagen zunächst bis Büdesheim nachgefahren, dann jedoch abgedreht. Weil er im „Forum“ in Heldenbergen dann noch etwas einkaufen wollte, habe er das Auto erneut gesehen und sei ihm wieder gefolgt. Dort sei es dann zu der folgenschweren Kollision gekommen.

Zehn Voreintragungen im Vorstrafenregister

T. redet viel, allerdings steht für ihn auch viel auf dem Spiel, denn er soll das angeklagte Verbrechen während laufender Bewährung begangenen haben. Er hat schon einiges aus dem Kerbholz. Das ergibt sich aus den insgesamt zehn Seiten, durch die Richterin Wetzel blättert. Zehn Voreintragungen stehen im Bundeszentralregister. „Ein ganzes Potpourri“, nennt es die Vorsitzende. Darunter befinden sich Beleidigung, Bedrohungen sowie mehrere Körperverletzungsdelikte, darunter auch gefährliche Körperverletzung. Das alles summiert sich auf zwei Jahre Gefängnis, die noch „offen“ sein könnten. Für seine Vergangenheit liefert er ebenfalls eine Erklärung. „Alkohol und Kokain“ hätten dazu geführt, dass er „viel Mist gebaut und Ärger gemacht“ habe. Seinen Mainzer Strafverteidiger habe er bereits mit 21 Jahren kennengelernt. „Es nicht das erste Mal, dass ich vor Gericht bin.“

Schwere gesundheitlich Folgen für das Opfer

Eine im Kern deutlich andere Version des Geschehens berichtet das Opfer am Nachmittag im Zeugenstand. Er zeigt wenig Belastungseifer und bestätigt, dass es vor dem Lidl-Markt zu gegenseitigen Beleidigungen mit Kraftausdrücken gekommen ist. Nachdem T. ihm und seine Lebensgefährtin erneut mit dem Wagen gefolgt sei, habe er ihn zur Rede stellen wollen. „Ich ging auf ihn zu. Und dann hat er Vollgas gegeben.“ Die gesundheitlichen Folgen für das Opfer sind beträchtlich: Zwei gebrochene Schienbeinköpfe, Brüche in Schulter und Ellenbogen sowie ein abgebrochener Zahn. „Ich habe an vier Stellen Schrauben“, sagt er au. Er habe drei Monate gebraucht, um wieder Laufen zu lernen. Seinen Hobbys könne er nicht mehr nachgehen, im Beruf habe er finanzielle Einbußen, weil er keine Schichtarbeit mehr leisten könne, so der 42-Jährige. Der Prozess wird mit weiteren Zeugenvernehmungen am Donnerstag, 15. April, fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

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