Eingerastet: Ein 51-Jähriger, der zehn Jahre seine Tochter missbraucht hat, ist vor dem Hanauer Landgericht kurz nach der Urteilsverkündung verhaftet und abgeführt worden. Die Richterinnern verurteilten ihn zu zehn Jahren Freiheitsstrafe. Symbolfoto: Pixabay

Hanau/Maintal/schöneck

Tochter missbraucht: Schönecker muss für zehn Jahre hinter Gitter

Hanau/Maintal/Schöneck. Nach acht Verhandlungstagen setzt die 2. Große Strafkammer die Urteilsverkündung auf 14 Uhr an. Bislang hat der 51-jährige M. den Gerichtssaal 215 A des Hanauer Landgerichts stets durch den Haupteingang betreten und verlassen – er befindet sich auf freiem Fuß. Das wird sich jedoch bald ändern.

Von Thorsten Becker

Denn schon mehrere Minuten zuvor, fast unbemerkt, haben zwei Männer im Saal Platz genommen, die dort während des Prozesses noch nicht gesessen haben. Beide tragen blaue Uniformen, auf denen der hessische Löwe als Hoheitsabzeichen der Justiz prangt und sie als Wachtmeister in voller Montur kenntlich macht.

Nach dem Urteil klicken die Handschellen

Und sie haben für diesen Moment ihr Handwerkszeug stets parat. Denn nur Sekunden, nachdem die Vorsitzender Richterin, Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel die Verhandlung beendet, stehen die beiden Wachtmeister synchron als erste auf. Einer greift sofort ans kleine Ledertäschchen im Rückenbereich seines Gürtel. Schnurstracks gehen sie auf die Anklagebank zu: Die Handschellen klicken.

M., der zunächst ungläubig guckt, wird den Gerichtssaal an diesem Tag nicht durch den Haupteingang verlassen, sondern abgeführt. In den Keller. Dort wartet zunächst die Präsenzzelle auf ihn. Am Abend wird ihn ein Gefangenentransport in die Justizvollzugsanstalt bringen. Dort soll er das nächste Jahrzehnt absitzen.

Gericht sieht dringende Fluchtgefahr

„Der Haftbefehl wird wieder in Vollzug gesetzt“, lautet die Anweisung der Vorsitzenden. Und sie liefert die Begründung: Nicht nur mit der Höhe der Strafe, auch mit den Lebensumständen des Angeklagten begründet Richterin Wetzel den dringenden Verdacht der Fluchtgefahr.

M. muss für zehn Jahre hinter Gitter. Diese Freiheitsstrafe haben die zwei Berufsrichterinnen und die zwei Schöffinnen festgelegt.

Nötigung, Missbrauch und Vergewaltigung

Die abgeurteilten Verbrechen sind erschütternd. Der 51-jährige ist des schweren sexuellen Missbrauchs, des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener, der Vergewaltigung sowie der sexuellen Nötigung schuldig. Insgesamt sind es 30 einzelne Taten, die so ekelhaft sind, dass sie an dieser Stelle bewusst nicht geschildert werden.

Zumal es sich bei dem Opfer um die Tochter von M. handelt, die im Alter zwischen sechs und 15 Jahren immer wieder gedemütigt und sogar verletzt worden ist. Weil in einem solchen Verfahren die intimsten Details ausführlich unter die Lupe genommen werden müssen, ist die Öffentlichkeit bereits zum Prozessauftakt am 22. Oktober von der Verhandlung ausgeschlossen worden.

Aussage gegen Aussage

Doch das Urteil muss öffentlich verkündet werden, so will es das Gesetz. Richterin Wetzel nimmt sich daher fast eineinhalb Stunden Zeit für eine sehr genaue Urteilsbegründung. Denn am Ende steht Aussage gegen Aussage, was sich auch in den Plädoyers von Staatsanwalt Markus Jung (zehneinhalb Jahre Freiheitsstrafe) und der Verteidigung (Freispruch) widerspiegelt.

„Die Kammer hat nicht den geringsten Zweifel an den Aussagen der Zeugin“, sagt die Landgerichtspräsidentin. Normalerweise ist es extrem schwer, bei derartigen Taten, die sich meist ausschließlich unter vier Augen abspielen, die Wahrheit zu finden.

Weder die Mutter noch andere Familienangehörige haben zuvor etwas von den schwersten Übergriffen des 51-Jährigen gewusst, die dieser im Laufe der Jahre in seinen Wohnungen in Bischofsheim. Dörnigheim, Hochstadt sowie Kilianstädten verübt hat. Erst als sich das Mädchen ihrem Cousin offenbart, kommt der Fall ins Rollen.

DNA-Spuren sind eindeutig

So müssen es die vier Richterinnen ganz genau nehmen, sogar eine Gutachterin wird eingeschaltet. „Die Sachverständige hat keinen Anlass für eine Falschaussage gesehen“, fasst Wetzel das Gutachten zusammen. Zudem habe das Opfer „absolut überzeugend“ und „extrem authentisch“ ausgesagt. Staatsanwalt Jung legt entscheidende Indizien vor: eindeutige DNA-Spuren.

Unglaublich sei dagegen der Druck gewesen, der auf dem Mädchen gelastet habe, so Wetzel. Das Opfer habe ihren eigenen Vater bereits mit sechs Jahren als sexuell übergriffig erlebt. „Das hat sich dann gesteigert bis hin zu der Vergewaltigung“, so die Vorsitzende, die dem Verteidiger eine volle Breitseite gab.

Angeklagter bezeichnet Zeugin als Lügnerin

Denn M. und sein Rechtsanwalt beteuern bis zuletzt die Unschuld und bezeichnen die Angaben der Zeugin als „Lügengeschichte“ und „Verschwörungstheorie“. Das Mädchen habe höheren Unterhalt von ihrem Vater verlangt. Zudem legt die Verteidigung das Ergebnis eines Lügendetektortests vor, der beweisen soll, dass M. angeblich die Wahrheit sage.

„Ein Lügendetektortest ist ein völlig ungeeignetes Beweismittel“, betont Wetzel. Die Behauptung, Geld sei ein Motiv für eine falsche Anschuldigung gewesen, nennt sie „abwegig“: „Wenn der Vater im Gefängnis sitzt, gibt es gar keinen Unterhalt.“

Richterin sieht schwerwiegende Verbrechen

Die Kammer folgt damit dem Plädoyer von Staatsanwalt Jung in vollem Umfang, bleibt nur ein halbes Jahr unter dessen Strafforderung. Die Vorsitzende Richterin macht angesichts der Einzelstrafen deutlich, wie schwerwiegend die Verbrechen sind: „Wenn man alles summiert, sind das eigentlich 40 Jahre Haft – aber das ist nach unserer geltenden Rechtsprechung nicht möglich“, macht sie deutlich. Mehr sagt Wetzel nicht. Aber ein Blick in den Saal verrät, was viele der Anwesenden diesem Satz am liebsten beifügen würden: ein „leider“.

Doch stattdessen fährt Wetzel fort, verkündet schließlich den Haftbefehl – und die beiden Justizwachtmeister walten ihres Amtes. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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