Der Angeklagte (links) mit seinem Anwalt Christian Freydank. Ihm wird vorgeworfen, seine Stieftochter sexuell missbraucht zu haben. Foto: Rainer Habermann

Schöneck/Hanau

Sexueller Missbrauch in 78 Fällen? Angeklagter bestreitet Taten

Schöneck/Hanau. 78 Tatvorwürfe, 78 große Fragezeichen: Hat ein heute 38-jähriger Möbelmonteur seine minderjährige Stieftochter zwischen 2014 und 2017 nahezu wöchentlich sexuell missbraucht? Staatsanwalt Martin Links wirft genau dies dem Angeklagten aus Schöneck vor, der sich jetzt am Landgericht verantworten muss.

Von Rainer HabermannDie Kammer unter Vorsitz des neuen Vizepräsidenten Dr. Mirko Schulte soll bis zum 13. Januar 2020 ein Urteil finden, vier Verhandlungstage sind angesetzt. Das dürfte nicht ganz einfach werden, denn der 38-Jährige bestreitet sämtliche Vorwürfe vehement und machte bereits zum Prozessauftakt umfangreiche Einlassungen.

„Ich habe das alles nicht gemacht!“, ruft der Angeklagte in den Gerichtssaal A 216. „Ich sehe nicht ein, dass ich bestraft werden soll, weil ich streng gegen meine Stieftochter war. Sie hat das alles, was sie mir vorwirft, frei erfunden.“

Keine öffentliche Aussage des Opfers

Das Opfer ist inzwischen 19 Jahre alt, zum Tatzeitpunkt aber Jugendliche. Das Gesetz schützt die Privatsphäre von Minderjährigen – deshalb muss sie nicht in öffentlicher Verhandlung aussagen. Davon macht die junge Frau Gebrauch, denn ein Zeugnisverweigerungsrecht steht ihr in diesem Verwandtschaftsverhältnis nicht zu. Ihre Vernehmung als Zeugin währte den gesamten Rest des ersten Verhandlungstages, bis in den frühen Abend hinein. So bleiben zunächst Widersprüche zwischen der Anklage und den Aussagen des Stiefvaters ungeklärt.

Der Geschlechtsverkehr sei zwar nicht vollzogen worden, so Staatsanwalt Martin Links. Doch er wirft dem Mann vor, seine 78 sexuellen Handlungen an dem Mädchen hätten nicht weit davon entfernt gelegen; jeweils im Zimmer des Kindes, aber auch im elterlichen Schlafzimmer. Dagegen steht die Selbsteinschätzung des Stiefvaters: „Ich habe meine Vaterrolle ernst genommen und gut gemacht. Sie durfte nicht so lange draußen bleiben wie andere Kinder, um 22 Uhr musste sie spätestens zu Hause sein. Miniröcke und Alkohol kamen nicht in Frage. Sie hat mit 13 Jahren schon mal Schule geschwänzt, die Strafe war, dass ich ihr Handy auf den Boden geschmissen und zerstört habe. Das war, als sie zu ihrem leiblichen Vater abgehauen ist. Ich habe sie aber wieder zurück geholt.“

Gemeinsames Baden mit der Stieftochter

Mit 13 habe seine Stieftochter zudem eine „Aufmerksamkeitsstörung“ gehabt, sei monatelang in psychiatrischer Behandlung gewesen. Was Prozessbeobachter aufhorchen lässt, sind die Beschreibungen des Angeklagten, wie er mit seiner Stieftochter gemeinsam badete, dass sie sich in Fragen der Menstruation vertrauensvoll an ihn gewandt habe, statt an ihre leibliche Mutter, und wie er sie regelmäßig seinen Kopf massieren ließ. Weil er häufig Kopfschmerzen hatte, wie er sagt. Nach seinen Worten habe sie das immer freiwillig getan.

Und mit dem gemeinsamen Baden sei endgültig Schluss gewesen, als sie 14 Jahre alt wurde. „Warum?“, fragt Richter Schulte? „Weil sie ja in der Badewanne nackt war. Und das wollten wir beide ab dann nicht mehr“, sagt der Stiefvater. Die Stieftochter ist auch Nebenklägerin im Prozess.

Das könnte Sie auch interessieren