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Schöneck: Mehl-Knappheit im Supermarkt sorgt für Nachfrage-Boom in Büdesheimer Philippi-Mühle

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Von: Mirjam Fritzsche

Viel Arbeit: Die kleinen Mehlpackungen für Privatkäufer müssen per Hand befüllt werden. Archiv
Viel Arbeit: Die kleinen Mehlpackungen für Privatkäufer müssen per Hand befüllt werden. © Archiv: Axel Häsler

„Haben Sie noch Mehl? Wann kann ich vorbeikommen?“ Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine kann sich die Philippi-Mühle vor Anfragen kaum noch retten. „An manchen Tagen sind es bis zu 40 Anrufe“, berichtet Christina Philippi, die in der Büdesheimer Mühle die Bestellungen annimmt. Die Menschen, die sich mit Mehl eindecken wollen, reichen vom Endverbraucher über Pizzerien bis zu Wiederverkäufern.

Schöneck – Nach Beginn der Corona-Pandemie vor zwei Jahren ist dies der zweite große Ansturm von Privatkäufern, mit dem Müllermeister Volker Philippi und sein Team umgehen müssen. „Diesmal wird die Nachfrage länger anhalten“, ist sich Philippi sicher.

Der 59-Jährige, der die Getreidemühle zusammen mit seinem Sohn Patrick in sechster Generation betreibt, profitiert vom boomenden Privatverkauf nur teilweise. „Die kleinen Packungen müssen wir per Hand befüllen. Das ist eine Heidenarbeit“, sagt er. Seitdem die Regale mit Mehl in den Supermärkten wie leer gefegt sind, steht das Telefon kaum noch still. Auch Pizzerien melden sich in Büdesheim, weil sie im Großhandel ihren Bedarf aktuell nicht decken können.

„Direkt nach dem Einmarsch der ersten russischen Truppen ging der Ansturm los. Die Leute haben Angst, dass es nichts mehr gibt, kaufen auf Vorrat“, sagt Volker Philippi. Das seien oft Bürger ausländischer Herkunft. Die Abnehmer kommen unter anderem aus Pakistan oder Syrien.

Direkt nach russischer Invasion ging Ansturm los

Traditionell verwenden sie zum Backen ihrer Fladenbrote ein spezielles Vollkorn-Weizenmehl. Ihr Verbrauch ist hoch, da sie sich ihr Brot jeden Tag selbst backen. Das so genannte Chapati Atta hat Philippi im Angebot. Auch ältere Menschen, die den Zweiten Weltkrieg und die daraus folgende Lebensmittelknappheit noch erlebt haben, kaufen vermehrt Mehl auf Vorrat. Einen Mangel müssen die Verbraucher nach Meinung des Experten aktuell jedoch nicht befürchten. „Auch wenn er teuer ist, Rohstoff ist noch da.“ Die leeren Regale im Supermarkt erklärten sich durch Hamsterkäufe, die im Großhandel vermutlich durch neue Preisverhandlungen.

Volker Philippi
Müller Volker Philippi hat allerhand zu tun © Archiv: Axel Häsler

Philippi bezieht sein Getreide aus der Region. Der Weizen aus der Ukraine sei hauptsächlich für die Futterindustrie verarbeitet worden, fehle daher nicht für die Lebensmittelindustrie. Allerdings spüre er den Engpass an Getreide auf dem Weltmarkt auch hier vor Ort. Großbetriebe versuchten vermehrt, im Inland einzukaufen. Eng könne es am Ende der Saison werden, bevor im Juli die neue Ernte eingeholt ist. „Selbst wenn die Landwirte jetzt mehr anbauen, können wir mit dem Ertrag frühestens in einem Jahr rechnen“, so der Müller.

Eine weitere Folge des Krieges in der Ukraine: Die Rohstoffpreise haben sich ordentlich erhöht. Philippi muss heute das Doppelte für Getreide zahlen. Der Preisanstieg sei zunächst auf eine magere Ernte im vergangenen Jahr zurückzuführen. Der Krieg habe die Entwicklung beschleunigt.

Getreide kostet inzwischen das Doppelte

Kosten, die er an seine Kunden weitergeben muss, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Denn auch er bekommt zusätzlich die hohen Energiepreise zu spüren. Die 2,5-Kilo-Packung Weizenmehl verkauft der Büdesheimer Müller derzeit für vier Euro. Für seine Großabnehmer hält die Mühle 25-Kilo-Gebinde bereit. Nun versuche er auch, die Endverbraucher von größeren Packungen zu überzeugen. „Die kann man sich ja auch mit mehreren Leuten teilen.“ Ein Vorteil für den Ablauf: In dieser Größe lassen sich die Mehlsäcke maschinell befüllen. „Das dauert nur eine Minute“, erklärt Philippi.

Viel Zeit kostet hingegen das Abpacken der kleineren Größen. Dabei geraten die Philippis und ihre beiden Mitarbeiter an ihre Grenzen. Während vor Ausbruch der Corona-Pandemie vor zwei Jahren im Monat rund 400 Kilogramm in den Privatverkauf gingen, waren es in diesem März fast 4000 Kilogramm – die Menge hat sich beinahe verzehnfacht.

Seine Jahresproduktion hat Philippi hochgefahren, da er einen weiteren Großkunden für sich gewinnen konnte. 8000 bis 9000 Tonnen Getreide verarbeitete die Schönecker Mühle früher im Jahr – mittlerweile sind es 10 000 Tonnen. „Das Geschäft läuft für uns gut“, gibt Philippi zu. Die kleine Mühle ist rund um die Uhr in Betrieb. Deshalb sei er aktuell auf der Suche nach einem Lehrling. Bisher leider erfolglos, bedauert der Schönecker.

Privatverkauf

Die Philippis bitten darum, von Anfragen für Privatkäufe abzusehen. Vorbestellungen werden nicht angenommen. Wer Mehl in kleinen Mengen braucht, kann ohne Termin vorbeikommen. Abholzeiten sind Montag bis Freitag von 7 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr. Nur solange der Vorrat reicht. (Von Mirjam Fritzsche)

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