Geständnis: Der 22-jährige Pferdepfleger hat die Tötung von Bianca H. zugegeben, Mordabsichten jedoch bestritten. Foto: Thorsten Becker:

Schöneck/Hanau

Prozess um Mord auf dem Buchwaldhof: Angeklagter gesteht Tat

Schöneck/Hanau. „. . .anschließend habe ich das Seil zugezogen, bis sie nicht mehr gelebt hat.“ Im Schwurgerichtssaal des Hanauer Landgerichts ist es an diesem Freitagmorgen mucksmäuschenstill. Der Zuschauerraum ist bis auf den letzten Platz besetzt, alle Augen richten sich auf Sava-Sebastian J. und seine beiden Verteidiger.

Von Mirjam Fritzsche und Thorsten BeckerÜber seine Rechtsanwälte äußert sich der 22-Jährige erstmals in dem Prozess. „Ich bin für den Tod von Frau H. verantwortlich“, heißt es in dem mehrseitigen Schreiben des Mandanten an die Kammer unter dem Vorsitz von Dr. Peter Graßmück.

Der Fall, der Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft monatelang beschäftigt hat, scheint geklärt zu sein: J. hat auf dem Büdesheimer Buchwaldhof seine Chefin stranguliert und danach am Treppengeländer aufgehängt. „Ich wollte es wie einen Selbstmord aussehen lassen“, liest der Anwalt weiter vor – J. indes weint die ganze Zeit vor sich hin. Wie schon am ersten Prozesstag hat er sein Gesicht tief in die Hände vergraben.

Geklärt ist der Fall noch nicht

Zwar hat J. mit dieser Einlassung die Täterschaft zugegeben. Geklärt ist der Fall aus juristischer Sicht aber noch lange nicht. Denn die beiden Strafverteidiger aus Köln, die bereits am ersten Verhandlungstag angekündigt hatten, eine „Aussage unseres Mandanten, liegt nahe an der Anklage“, haben in den entscheidenden Punkten ganz andere Angaben zu bieten.

Am Morgen des 10. September 2018 habe J. keine Absicht gehabt, Bianca H. zu töten. Anders, als es Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt in seiner Anklage vorwirft, habe er kein Seil mitgenommen – das Seil habe er stets in seiner Hosentasche, weil damit die Türen der Pferdeboxen geschlossen werden. „Ich habe nicht geplant, sie zu töten“, liest einer der Verteidiger vor.

Dass es zwischen H. und ihrem Hilfsarbeiter offenbar Differenzen über den Arbeitslohn gegeben hat, scheint unstrittig zu sein. Doch J. hat eine ganz andere Sicht der Dinge. „Ich habe ihr vertraut“, sagt er – und „sie hat mich belogen“.

So habe H. mit ihm zunächst eine mündliche Abmachung getroffen – genauso wie auf dem benachbarten Hof in Nidderau, wo er zuvor gearbeitet hatte, sollte er 1300 Euro sowie freie Kost und Logis erhalten. Schließlich habe er auch einen Vertrag unterschrieben. Was darin stand, weiß er nicht – er ist Analphabet.

Keine gute Stimmung am Morgen

Und so habe an diesem Morgen keine gute Stimmung geherrscht. H. habe ihn angewiesen, eine Glühbirne auszutauschen. Auf dem Weg ins Haupthaus sei er von seiner Chefin dann rassistisch beleidigt und als „faul“ beschimpft worden. Sein Arbeitsvertrag war zum 15. September gekündigt.

Als sich die Situation hochschaukelte, habe die 51-Jährige ihn mit dem Kabel eines Spannungsprüfers gegen den Arm geschlagen. Daraufhin habe er ihr ein Seil „doppelt geschlungen“ um den Hals gelegt – mit tödlichem Ende.

Entscheidend bei dieser Aussage des Angeklagten ist, dass – wenn sie wahr sein sollte – kein einziges Indiz für einen Mord aus Heimtücke übrig bleibt.

Allerdings ist es bereits die zweite Aussage, die J. gemacht hat. Im Januar, bei seiner Festnahme in Österreich, hörten sich die Angaben noch ganz anders an. Diese Aussagen habe er jedoch aus Furcht vor den Beamten gemacht. „Ich habe gesagt, was sie hören wollten.“

Dann wurde der Schwurgerichtssaal kurzfristig in einen Hörsaal verwandelt. Angelika Schwetz, Sachverständige für textile Spuren beim Landeskriminalamt (LKA), referiert über Schmelzköpfchen und Mikrofaserbüschel. Obwohl mikroskopisch klein, können Fasern wichtige Hinweise auf den Täter liefern.

Proben vom Tatort

„Anhand ihrer Anzahl lässt sich zum Beispiel ermitteln, ob es einen engen Körperkontakt oder nur ein flüchtiges Vorbeistreifen gab“, erklärt die Expertin. Unter anderem vom Tatort, vom Opfer und vom Strangulationsseil sind mit Klebefolien Proben genommen wurde, die im LKA untersucht wurden. Auffällig sind braun-beige Polyesterfasern und blassgraue Mikrofaserbüschel. Sie kommen im näheren Umfeld nicht weiter vor, müssen daher Tatspuren sein. Die Expertin tippt auf eine Hose oder Jacke sowie Handschuhe.

Als J. in den Fokus der Ermittlungen rückt, wird auch seine ehemalige Unterkunft auf dem Pferdehof durchforstet. „An fast allen untersuchten Gegenständen haben wir die braun-beigen Polyesterfasern gefunden“, erläutert Schwetz.

Den entscheidenden Hinweis gibt es von J.s ehemaligem Arbeitgeber. Er will dem 23-Jährigen zu Weihnachten eine Arbeitshose eines namhaften Herstellers aus Biebergemünd geschenkt haben. Solch eine Hose wird schließlich bei den Ermittlungen in den Karpaten sichergestellt.

Auch entsprechende Handschuhe werden in seinem Umfeld gefunden. J. gibt an, die Hose zur Tatzeit getragen zu haben. Kann das stimmen? „Es wurden 1100 Fasern des ersten Typs und 550 des zweiten Tpys gefunden. Das ist eine sehr hohe Zahl und spricht für einen äußerst intensiven Körperkontakt mit dem Opfer“, fasst Schwetz zusammen. Den habe man etwa, wenn man eine leblose Person anbindet.

Am Freitagnachmittag sind dann die Zuschauerreihen deutlich gelichtet. Das dürfte an den Bildern von der Obduktion liegen, die über die großen Monitore zu sehen sind – nichts für schwache Nerven. Und das Wort hat Dr. Matthias Kettner von der Gerichtsmedizin Frankfurt. Sein Befund ist eindeutig: Tod durch Strangulation und das Aufhängen des bereits leblosen Körpers.

Ein Detail kaum realistisch

Dabei hält Kettner ein Detail im Geständnis des Angeklagten aus wissenschaftlicher Sicht für kaum realistisch. J. will ein doppelt geschlungenes Seil benutzt haben. Zudem habe sich Bianca H. zu ihm gedreht – er will sie von vorne stranguliert haben. Die Spuren zeigen den Gerichtsmedizinern aber ein ganz anderes Bild: „Das ist eine einzige, dünne Drosselmarke auf der Vorderseite des Halses“, stellt der Gutachter fest.

Dr. Kettner, dessen Team von der Hanauer Mordkommission zum Tatort geholt worden war, zeigt aber noch weitere, recht haarsträubende Erkenntnisse aus den Untersuchungen: Tatsächlich hätte es auf dem Buchwaldhof beinahe den „perfekten Mord“ gegeben, als zunächst die Krankenwagen kamen, um nach Bianca H. zu schauen, die tot am Treppengeländer hing.

Denn der hinzugezogene Arzt hat sich gründlich geirrt. „Auf dem Leichenschauschein stand: Selbsttötung.“, berichtet nun Dr. Kettner aus den medizinischen Akten. Doch schnell werden die Gerichtsmediziner aus Frankfurt argwöhnisch. Deutliche Hämatome am Kopf, zwei unterschiedliche Seilabdrücke am Hals seien „hochgradig ungewöhnlich.“ Die Experten der Gerichtsmedizin sollten am Ende recht behalten.

Wie der Zeuge P. aus Schöneck. Der 56-Jährige hatte zusammen mit seiner Frau die Leiche entdeckt und die Polizei alarmiert. „Da lagen ein Handy und eine Packung Zigaretten auf der Treppe. Ganz säuberlich. Ich dachte mir: Da stimmt doch etwas nicht“, sagt er der Kammer. Auch an der Leiche sei ihm etwas komisch vorgekommen. „Aber die Leute vom Rettungsdienst meinten: Das sei so bei Suiziden.“

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