Der Angeklagte vor der Urteilsverkündung: Der Rumäne Sava J. (Zweiter von rechts) bedauerte seine Tat. Weiter auf dem Bild seine beiden Verteidiger und der Dolmetscher. Foto: Rainer Habermann

Schöneck/Hanau

Pferdehof-Prozess: Urteil lautet lebenslänglich wegen Mordes

Schöneck/Hanau. Der 23-jährige Rumäne Sava J. muss lebenslänglich hinter Gitter, weil er die frühere Besitzerin des Buchwaldhofs im Schönecker Ortsteil Büdesheim mit einem Stück Seil erdrosselt und anschließend am Treppengeländer ihrer Wohnung auf dem Hof aufgehängt hat, um es wie einen Selbstmord aussehen zu lassen.

Von Rainer HabermannMord: So urteilte gestern die 1. Große Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Peter Graßmück. Damit entsprach das Gericht den Anträgen von Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt und der Vertreterin der Nebenklage, Friederike E.L. Villmar. Sie plädierten beide auf Mord aus Heimtücke, weil dasOpfer zum Tatzeitpunkt, dem 10. September 2018, arg- und wehrlos war.

Der Kölner Rechtsanwalt Markus Haupt, der zusammen mit seinem Kollegen Bernhard Scholz den Angeklagten verteidigt hatte, sah keine Mordmerkmale, sondern einen spontanen Akt des Tötens und forderte eine Freiheitsstrafe unterhalb von zehn Jahren wegen Totschlags. Zum Ende der Beweisaufnahme hatte die Kammer zuvor eine Videokonferenz – auf Antrag der Verteidigung – durchgeführt, in der zwei niederösterreichische Polizeibeamte aussagten, die Sava J. im Januar 2019 in der Nähe von St. Pölten festgenommen und zusammen mit österreichischen wie deutschen Kollegen verhört hatten.

Keineswegs eine spontane Tat

Dabei hätte Sava angeblich „fast erleichtert gewirkt“, wie jemand, „der eine große Last loswerden“ wolle, und aus freien Stücken ausgesagt, er habe „morgens um 7.30 Uhr beschlossen, Bianca (das Opfer) zu töten“. Und weiter:„Ich töte sie lieber, und fertig.“ Und auch: „Ich habe eine schlechte Entscheidung getroffen.“ Also doch geplant, und keineswegs eine spontane Tat, wie es die Verteidiger sehen?

Die Frage, die das Gericht intensiv beschäftigt hatte, lautet deshalb: Ist dieses Geständnis im Prozess verwertbar, obwohl – zumindest nach Auffassung der Verteidigung – vorher keine ordnungsgemäße, „qualifizierte“ Belehrung des Tatverdächtigen über seine Rechte stattgefunden habe? Denn tatsächlich hatte diese Belehrung, in Anwesenheit eines Dolmetschers und minutiös Zeile für Zeile verschriftet, erst später, in der Polizeistation, stattgefunden. Rechtsanwalt Haupt baut andeutungsweise sogar ein regelrechtes „Bedrohungsszenario“ gegen seinen Mandanten in Österreich auf. „Fünf Beamte und ein Dolmetscher fragen durcheinander, gegenüber ein junger Rumäne.“

Die Verteidigung hatte am zweiten Prozesstag ein etwas anderslautendes Geständnis Savas verlesen, welches entscheidende Sätze aus dem ersten Vernehmungsprotokoll nicht mehr enthielt. Dafür aber sagte der Rumäne jetzt, die Hofbesitzerin habe ihn beleidigt und mit einem Stromprüferkabel auf den rechten Unterarm geschlagen.

Opfer nicht arglos gewesen

Daraus schlossen die Verteidiger auch, dass keine Heimtücke vorliege, weil das Opfer – aus vorhergehenden feindseligen Handlungen zwischen sich und dem Angeklagten – keineswegs arglos gewesen sei, als sie sich bückte, um etwas aus einem Werkzeugkasten zu holen. Und der Angeklagte habe annehmen können, dass es sich dabei möglicherweise um einen Gegenstand handeln könnte, den sie, das Opfer, gegen ihn habe verwenden wollen. Daraufhin habe er sie dann „von vorne“ erdrosselt.

Die Motivlage sieht die Verteidigung ebenfalls anders. Rechtsanwalt Haupt deutet an, dass er weiteren Zeugen, die im Prozess von einer „Gutmütigkeit“ des Opfers gesprochen hatten, auch nicht glaubt.

Dem allem folgte die Kammer nicht. Für das Urteil waren die Tage vor der Tat, als Sava J. von seinem späteren Opfer die Kündigung erhalten hatte, und das frühere Geständnis ausschlaggebend. „Auch ein lebenslanges Urteil kann nicht das kitten, was kaputtgemacht wurde“, sagte Richter Graßmück, mit zwei Seitenblicken: auf die Nebenklägerin, die 23-jährige Tochter des Opfers, die ihre Mutter verloren hat und den gesamten Prozess begleitet hatte. Und auf Sava, der sie auf dem Gewissen hat, und der auch bis zum Ende mit gesenktem Kopf, reglos und teilnahmslos, die Urteilsverkündung verfolgte.

Bedauern der Tat

Immerhin lautet sein letztes Wort: „Ich bedaure die Tat. Sie wird mir leid tun, so lange ich lebe“. Er spricht Rumänisch, der Dolmetscher übersetzt. Dies war auch eine der zentralen Fragen des Prozesses: wie viel und wie gut spricht und versteht der Angeklagte Deutsch? Im gesamten Prozess zumindest sagte er kein Wort. Gegen das Urteil des Hanauer Landgerichts, dass dem Angeklagten auch die Verfahrenskosten auferlegt, ist das Rechtsmittel der Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) zulässig.

Rechtsanwalt Scholz kündigte gegenüber unserer Zeitung bereits im Gerichtssaal an, dass Sava J. Revision beantragen werde.

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