Die Tat ereignete sich am 10. September 2018 auf dem Buchwaldhof bei Büdesheim. Inzwischen ist der Hof verkauft und wieder bewohnt. Archivfoto: Mike Bender

Schöneck/Hanau

Pferdehof-Prozess: Mordmerkmal zeichnet sich ab

Schöneck/Hanau. Hat der 23-jährige Rumäne Sava J. seine frühere Arbeitgeberin, die ehemalige Besitzerin des Pferdehofs „Buchwaldhof“ im Schönecker Ortsteil Büdesheim, geplant und gezielt kaltblütig ermordet?

Von Rainer Habermann

Oder war das Erdrosseln und Aufhängen am Treppengeländer ein spontaner Akt im Affekt, begangen von ihm am frühen Morgen des 10. September 2018, vor ziemlich genau einem Jahr?

Auf Totschlag wollen die Verteidiger hinaus, die Staatsanwaltschaft hingegen sieht Mord aus niederen Beweggründen: ein kleiner, aber feiner Unterschied im möglichen Strafmaß. Es geht um lebenslänglich oder nicht.

Und das Gericht? Die 1. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Peter Graßmück wirkt, als sei sie auf der Zielgeraden. Der Angeklagte sitzt seit dem ersten Verhandlungstag – an dem er noch haltlos weinte, als er sich der Tochter seines Opfers und Nebenklägerin im Verfahren gegenüber sah – unbeweglich, vornübergebeugt mit gesenktem Kopf. Stoisch. So, als wäre er bereits in einer anderen Welt, hockt er zwischen seinen Anwälten und dem Dolmetscher auf der Bank.

Die beiden Verhandlungstage in der vergangenen Woche waren geprägt von verschiedenen Zeugen-Vernehmungen. Ein ausführliches Geständnis hatten die beiden Verteidiger, die Kölner Rechtsanwälte Bernhard Scholz und Markus Haupt, bereits am zweiten Prozesstag verlesen.

Am freitag stellte die Kammer das Ende der Beweisaufnahme in Aussicht. Bereits am kommenden Dienstag könnten die Plädoyers gehalten werden, wenn nichts dazwischen kommt. Doch was geschah in dieser Woche? Acht Zeugen sagten am Donnerstag und Freitag aus, nach dem Motto: Viele Zeugen sagen vieles, nicht unbedingt Übereinstimmendes. So zeichneten zivile Zeugen (Angestellte, Pferde-Einsteller auf dem Hof, Steuerberaterin und so weiter) ein ambivalentes Charakterbild des angeklagten Pferdehelfers. Einige, die den Rumänen auch schon von seiner früheren Tätigkeit, bevor er auf den Hof des Mordopfers kam, kannten, beschrieben ihn überwiegend als sehr ruhig, besonnen, immer freundlich.

Es ging wohl um Geld

Ob er nun der deutschen Sprache und Schrift so mächtig war, dass er auch „googeln“ oder im Portal „Immo Scout“ nach einer neuen Mietwohnung suchen konnte, nachdem seine Chefin ihm sowohl den Job als auch die Unterkunft gekündigt hatte, bleibt allerdings nach wie vor unklar. Einige bezeichnen den jungen Rumänen als Analphabeten. Und ein Zeuge vermutete gar, der junge Mann hätte etwas mit der 30 Jahre älteren Pferdehofbesitzerin gehabt, weil er sie mal als „schöne Frau“ bezeichnet habe. Seit die schwangere Freundin des jungen Rumänen auf dem Hof aufgetaucht sei, habe sich die Situation allmählich zugespitzt.

Das bestätigte auch der frühere Zwangsverwalter des Buchwaldhofs, auf dem es finanziell nicht allzu gut stand. Er sprach davon, die Besitzerin habe ihm gegenüber mal erwähnt, Sava werde allmählich „übergriffig“. Was immer das heißen soll. Es ging wohl um Geld. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Sava glaubte, seine Arbeitgeberin schulde ihm noch Lohn.

Tat eingeräumt

Der Zwangsverwalter wie auch die Steuerberaterin, die die Abrechnungen machte, bestätigten indes: Der Rumäne war bereits im August 2018 mit rund 1600 Euro überbezahlt. Weil seine Chefin – „gutmütig“, wie sie auch von Zeugen geschildert wurde – immer wieder Vorschüsse aus der Kasse gezahlt und nicht so ganz korrekt verbucht habe.

Wie auch immer: Bereits bei seiner Verhaftung auf einem österreichischen Pferdehof, wo er nach der Tat wieder gearbeitet hatte, und bei der deutsche Polizeibeamte zugegen waren hatte Sava die Tat eingeräumt. Ebenso hatte er damals gesagt, dass es um Geld gegangen sei.

Dieses Geständnis und die umfassenden Tateinlassungen des Angeklagten müssten für das Gericht allerdings einem Verwertungsverbot unterliegen. Dies beantragten zumindest die Anwälte Scholz und Haupt am Freitag nach den Aussagen einer Hanauer Beamtin und eines Beamten, die am Verhör in Niederösterreich dabei waren. Ebenso solle die Tatnachstellung in den Räumen der niederösterreichischen Kripo nicht gelten. Begründung: Es hätte keine ordnungsgemäße Belehrung des Beschuldigten über seine Rechte vor seinen Aussagen stattgefunden.

Plädoyers womöglich am Dienstag

Ob sich die Kammer von diesem Antrag beeindrucken lässt? Schwer vorstellbar. Aber Bedenkzeit hat sich das Gericht ausbedungen; dies auch wegen weiterer Details. Graßmück meinte allerdings, ohne einen rechtlichen Hinweis zu geben und „rein aus dem Bauch heraus, mal so dahingesagt“, dass aus dem eigentlichen und verlesenen Geständnis Savas ein Mordmerkmal hervorgehen dürfte. „Das, was Ihr Mandant gesagt hat, könnte für den Paragraphen 211 (Mord) reichen: Ausnutzung der Arglosigkeit des Opfers.“

Die Verteidiger wie auch Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt und die Anwältin der Nebenklage, Friederike E.L. Vilmar, haben nun über das Wochenende Zeit, sich auf ihre Plädoyers vorzubereiten.

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