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Blick aus dem Mehlsilo auf die Firma Jung & Schmitt in Kilianstädten

Mühle mit Geschichte: Firma Jung & Schmitt tritt aus dem Schatten der geschlossenen Thylmann Mühle

  • Mirjam Fritzsche
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Michael Frese ist der Enkel des Gründers der Thylmann Mühle und berichtet wie stark die Tochterfirma Jung & Schmitt gewachsen ist. 

  • Michael Frese ist der Enkel des Gründers der Thylmann Mühle
  • Die Tochterfirma Jung & Schmitt ist stark gewachsen
  • Mühle geriet in den Fokus des Kartellamts

Wenn Michael Frese zu seinem Arbeitsplatz auf dem Gelände der Thylmann Mühle fährt, kommt er auch jeden Tag an seinem Elternhaus vorbei. Der Enkelsohn des Namensgebers Heinrich Thylmann ist im Schatten der Silos groß geworden. Heute blickt er aus seinen Bürofenstern auf die riesigen Türme. 

Frese ist Geschäftsführer der Firma Jung & Schmitt, einer Schwestergesellschaft der Mühle. Der Großhandel für Bäckereien, Konditoreien und Eisdielen ist vielen kein Begriff. Dabei ist Jung & Schmitt in den vergangenen 20 Jahren stark gewachsen und nimmt mit seinen Lagern mehr als die Hälfte des Geländes ein. Der Mühlenbetrieb ist hingegen vor wenigen Monaten eingestellt worden. 

Angebliche Preisabsprachen rufen das Kartellamt auf den Plan

„Als ich vor 20 Jahren bei Jung & Schmitt eingestiegen bin, hätte ich gedacht, es kommt genau andersherum“, sagt der 53-Jährige. Das Getreidemahlen schien ihm ein solides Geschäftsmodell. Doch ab 2012 wird es schwierig für die Mühle in Kilianstädten. Sie gerät wegen angeblicher Preisabsprachen in den Fokus von Ermittlungen des Kartellamts. Während andere Betriebe mit einem blauen Auge davonkommen, soll das Schönecker Unternehmen eine immense Geldstrafe bezahlen. 

Michael Frese, Geschäftsführer der Firma Jung & Schmitt. Im Hintergrund die Getreidesilos der ehemaligen Thylmann Mühle. Sie sind wieder verpachtet.

„Das entsprach dem, was Thylmann in den vorherigen 20 Jahren verdient hatte und stellte die komplette unternehmerische Tätigkeit infrage“, so Frese. Dazu kommen operative Probleme und hohe Auflagen beim Explosionsschutz. Die Eigentümerfamilie entscheidet sich letztlich zu „einem schweren Schnitt“ und bietet den Mühlenbetrieb zum Verkauf an. Nur Gebäude und Grundstück sollen in Familienhand bleiben. „Das ist uns natürlich nicht leicht gefallen“, sagt Michael Frese. Schließlich blickt die Kilianstädter Mühle auf eine 650-jährige Geschichte zurück. 

Firma wird im September 2019 übernommen

Im September vergangenen Jahres übernimmt das Unternehmen Bindewald und Gutting-Verwaltungs GmbH mit Sitz in Alsleben (Sachsen-Anhalt) die bis dahin von der Familie Frese geführte Mühle und führt sie in der Kilianstädter Mühle GmbH als ein Unternehmen der Bindewald und Gutting-Verwaltungs GmbH weiter. Doch bereits wenige Monate später schließt Bindewald und Gutting das Werk in Kilianstädten. Fast alle 40 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. Die Kunden werden inzwischen von anderen Standorten der Unternehmensgruppe – vor allem von Bischheim in der Pfalz – beliefert. Bindewald und Gutting hat die Maschinen des Mühlenbetriebs abtransportiert und sich nun völlig aus Kilianstädten zurückgezogen. Der ursprünglich auf zwei Jahre laufende Pachtvertrag für die Immobilien wurde Ende April beendet. Nun stellt sich die Frage, was mit den Silos und den übrigen leer stehenden Gebäuden geschehen soll. Zumindest für die Getreidesilos ist eine Lösung gefunden, die auch die Bauern der Region freuen dürfte. 

Der Agrarhandel Sauer aus Friedberg hat sie zum 1. Mai gepachtet. Seit Juni haben Landwirte wieder die Möglichkeit, neben Weizen und Roggen wie bisher, auch Gerste, Hafer und Braugerste ganzjährig auf dem Gelände der Kilianstädter Mühle anzuliefern. Eine Einlagerung oder spätere Vermarktung sei ebenfalls möglich. Eine weitere Idee ist Wohnbebauung auf dem Gelände, doch auch das sei schwierig. Ein Projektentwickler habe bereits abgewunken. „Ab Mitternacht herrscht hier reger Verkehr. Unser Frischedienst liefert direkt in die Produktionszeit der Bäcker“, erläutert der Geschäftsführer. Eine Möglichkeit wäre eventuell, die Hofeinfahrt zu verlegen. Doch dafür müsste natürlich erst mal geklärt werden, ob das überhaupt möglich ist. „Wir stehen noch ganz am Anfang mit den Überlegungen“, sagt Michael Frese. 

Auch andere Themen müssten bedacht werden

In den vergangenen Monaten habe man sich aber mit einem ganz anderen Thema beschäftigen müssen. Die Corona-Pandemie führte wie in vielen anderen Unternehmen auch bei Jung & Schmitt zu Umsatzeinbußen. „40 Prozent waren es im April“, erzählt Frese. Aufträge aus den Läden am Flughafen blieben aus, auch Eisdielen stornierten ihre Bestellungen. Um die 2000 Kunden beliefert Jung & Schmitt mit Mehl, Zucker, Salz, Hefe, Backmischungen, tiefgekühlten Früchten und Backwaren. Auch Verpackungsmaterial und Reinigungsmittel gehören zum Portfolio des Unternehmens. In einigen Abteilungen wurde Kurzarbeit eingeführt. Mittlerweile sei die Nachfrage aber wieder gestiegen. 

Eines ist ebenfalls klar: Die Firma Jung & Schmitt hat bereits jetzt einen großen Platzbedarf und wächst weiter. 29 Lkw und zwei Sattelzüge gehören zum Fuhrpark des Großhändlers. Und auch die 100 Mitarbeiter stellen ihre Fahrzeuge auf dem Firmengelände ab. Im Erdgeschoss des Mehlsilos wird ein weiteres Lager eingerichtet. „Allerdings ist die Grundfläche nicht groß, auch wenn das Gebäude riesig ist“, so Frese. Der Vorschlag der Gemeinde, mit einem Neubau ins Gewerbegebiet umzuziehen, hält Frese für nicht machbar. „Das würde einen mehrstelligen Millionenbetrag kosten und lässt sich nicht finanzieren“, sagt er. Die Zukunft seiner Firma sieht Michael Frese weiterhin auf dem bestehenden Gelände.

Die Thylmann Mühle und die Firma Jung und Schmitt

Die Kilianstädtermühle hat eine lange Tradition – sie besteht seit mehr als 650 Jahren. Heinrich Thylmann, der Namensgeber der heutigen Thylmann Mühle, erweitert die Landmühle Anfang des 20. Jahrhunderts in einen Industriebetrieb. Nach seinem Tod führt seine Witwe den Betrieb fast 20 Jahre alleine weiter. In den 1970er Jahren übernehmen Tochter Anneliese und ihr Mann Gerd Frese. Ein paar Jahre später erwirbt das Unternehmen Anteile an der Firma Jung & Schmitt, dem führenden Großhändler für Bäckereien, Konditoreien und Eisdielen im Rhein-Main-Gebiet. Seit 1999 wird Jung & Schmitt von Thylmanns Enkelsohn Michael Frese als Geschäftsführer geleitet. Das Unternehmen beschäftigt 100 Mitarbeiter in Schöneck sowie 15 weitere an seiner Außenstelle in Kaiserslautern. Jung & Schmitt beliefert rund 2000 Kunden und macht einen Umsatz von 50 Millionen Euro jährlich. Seit Anfang der 2000er Jahre wird Thylmann von familienexternen Geschäftsleitern geführt. Der Betrieb der Mühle ist im Januar eingestellt worden.

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