Im Zeichen der Burg: Bei den Schmidts geht alles in Teamarbeit. Der Transporter fährt im gleichen Tempo wie der Häcksler.
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Im Zeichen der Burg: Bei den Schmidts geht alles in Teamarbeit. Der Transporter fährt im gleichen Tempo wie der Häcksler.

Über die Schulter geschaut

Unserer Reporter hat die Familie Schmidt drei Tage bei der Maisernte im Ronneburger Hügelland begleitet

  • vonIngbert Zacharias
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Es ist ein September-Sonntag im Ronneburger Hügelland, bei der Maisernte ist man schon auf der Zielgeraden. Das gilt zumindest für Reiner Schmidt, der in Neuwiedermuß einen großen landwirtschaftlichen Betrieb führt. Mit seinen Söhnen hat er sich drei Tage Zeit eingeplant, um etwa 94 Hektar Anbaufläche abzuernten und die zerkleinerten Pflanzenteile sogleich in großen Silos als Futtervorrat für gut 300 Rinder einzulagern. „Es ist auch für mich als Landwirt immer wieder faszinierend, wie viel Energie in der Maispflanze gespeichert ist“, sagt der 59-Jährige. „Bei 55 bis 60 Tonnen Ernteertrag bekommen wir genug zusammen, um für ein Jahr unsere Kühe zu versorgen.“

Ronneburg –Der Chef und sein ältester Sohn Johannes fahren mit schweren Schleppern in den drei großen Silos über die ausgebreitete Häckselmasse und verdichten sie, damit die Silage die richtige Festigkeit bekommt; ist das Ganze zu locker, kann die gärende Silage schnell faulen. Und die beiden müssen sich beeilen – schon ist der nächste Transporter angekommen und kippt seinen Hängerinhalt aus. Insgesamt fünf dieser großen Gespanne sind auch heute wieder im Einsatz und werden zunächst auf dem Feld vom großen Ernte-Häcksel befüllt, während dieser im Vorwärtsgang je zehn Gewächse in einem Schnitt aberntet und zerkleinert.

Die Maschine zieht die gut drei Meter hohen Maispflanzen komplett ein und zerkleinert sie zunächst zu Teilen von sieben Millimeter Stärke. „Dann wird das Ganze noch mal verfeinert“, erklärt Lukas Schmidt, der den Häcksler gekonnt durch die hohen Pflanzen steuert. „In diesem zweiten Durchlauf werden die Maiskörner bereits auf etwa 1,7 Millimeter aufgespalten.“ Dies sei unbedingt nötig, damit die Rinder den Mais auch verwerten könnten. Ansonsten würde das Maiskorn einfach unverdaut durch die Kuh hindurch gehen, lacht der 24-Jährige. Der Zweitjüngste im vierköpfigen Schmidt-Nachwuchs durchläuft gerade die Meisterschule und hat als Hausarbeit ein Versuchsfeld mit verschiedenen Anbaumethoden angelegt, das erst zum Schluss der Arbeiten abgeerntet wird.

„Für die Maispflanze sind Platz und Wasser zum Gedeihen besonders wichtig“, meint Lukas. Daher werden in der Regel die Saatkörner auch im seitlichen Abstand von 75 Zentimetern gelegt. „Ich habe auf dem Versuchsfeld in drei Einheiten die Abstände geändert und teilweise auch in versetzter Anordnung gesät, um sowohl Pflanzenwachstum als auch Ertrag vergleichen zu können.“

Doch bis das Testergebnis vorliegt und überprüft werden kann, muss er noch gut 30 Hektar Standard-Mais vom Feld holen. Der große Häcksler bläst die fertig zerkleinerten Pflanzenteile durch ein großes Rohr auf den Anhänger des vom zweitältesten Schmidt-Sohn Christoph gefahrenen Schleppers, der nach der Befüllung sofort dem nachfolgenden Gespann Platz macht. Hier sitzt Markus, der jüngste Sohn von Reiner Schmidt, am Elektronik-Steuer und platziert mit fast spielerischer Leichtigkeit seinen Anhänger neben der großen Erntemaschine. Die Kommunikation der Fahrer untereinander läuft über Funk; somit ist ein reibungsloser Ablauf des Erntevorgangs gewährleistet. „Wir fahren an den drei Erntetagen bis in den Abend hinein“, sagt der 21-Jährige, der im kommenden Monat die Abschlussprüfung seiner landwirtschaftlichen Ausbildung vor sich hat; er wird wohl später das Unternehmen seines Vaters weiterführen.

Zu dieser großen Aufgabe gehört neben dem Feldanbau auch noch die Haltung von derzeit 300 Kühen in der großen Stallung außerhalb von Neuwiedermuß sowie 150 weiteren Rindern in Steinau-Ürzell; seit einiger Zeit sind dazu noch 650 Legehühner ein fester Bestandteil des Ronneburger Betriebes. Während Lukas, Markus und Christoph mit zwei weiteren Helfern eine Anbaufläche nach der anderen abernten, kümmert sich Vater Reiner nebenbei auch um die kleinen Unwägbarkeiten, die an solchen Arbeitstagen auftreten wie etwa verlorene Häckselmasse auf der Straße oder Anwohner, die sich etwas in ihrer Sonntagsruhe gestört fühlen. „Meine Söhne haben schon vor der Ernte in den sozialen Netzwerken auf den Einsatz der großen Maschinen und auch den möglichen Lärm an diesen drei Tagen hingewiesen und um Verständnis gebeten; darauf haben wir nur positive Reaktionen erhalten“, zeigt sich der Chef zufrieden.

Ein prüfender Blick: Landwirt Reiner Schmidt betrachtet die Feinheit der Maissilage.

Und falls es dann doch mal eine Beschwerde gäbe, so könne man miteinander in Ruhe über alles reden. „Unser Motto: Rücksicht macht die Wege breit“, sagt der erfahrene Landwirt. Er habe – wohl bedingt durch Corona – in diesem Jahr auf den Feldern mehr Spaziergänger als sonst angetroffen, die interessiert bei der Ernte zugeschaut und auch gelegentlich Fragen gestellt hätten. „Man soll es nicht glauben, aber manche Leute empfinden wohl im Unterbewusstsein die großen Maisplantagen mit ihrem drei Meter hohen, undurchsichtigen Reihen als optische Bedrohung“, erklärt Schmidt.

Wer etwa auf einem schma-len Feldweg durch die dichten „Mais-Wälder“ läuft, wähnt sich gelegentlich in einer grünen Schlucht; so eine Umgebung könnte dann schon beeindruckend wirken. Beeindruckend ist aber auch die Nutzungs- und Verarbeitungsmöglichkeit der gesamten Maispflanze, sagt Schmidt. Sie reicht vom Tierfutter über die Verarbeitung in einer Biogasanlage bis hin zur Herstellung von Glukosesirup, Maiskeimöl, Cornflakes, Polenta, Erdnussflips, Kosmetika und vielem anderen mehr.

Der Normalbürger würde den Mais allerdings hauptsächlich als Popcorn oder Kolben kennen, der auf dem Grillrost landet. „Unser Körnermais, der hierzu verwendet werden kann, braucht aber noch ein paar Tage Zeit, um richtig auszuwachsen“, erklärt Schmidt. „Wir werden ihn in etwa drei Wochen vom Feld holen.“ Auf einen für ihn wichtigen Punkt weist Reiner Schmidt zum Schluss noch hin: In der Biogasanlage seines Betriebes werden Stallmist und Gülle verarbeitet; die gerade von den Feldern eingefahrene Maismenge „wandert“ in den kommenden Monaten als Silagefutter komplett in seine große Rinderherde.

Von Ingbert Zacharias

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